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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Juliane Czierpka

Der Ruhrbergbau. Von der Industrialisierung bis zur Kohlenkrise

Der Ruhrbergbau, also der Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet, nahm der Legende nach seinen Anfang, als ein Hirtenjunge an der Ruhr morgens unter seinem abgebrannten Lagerfeuer glimmende Steine entdeckte.[1] Diese Geschichte der Entdeckung der Steinkohlen im südlichen Bereich des Ruhrgebiets lässt sich weder datieren noch verifizieren, belegen lässt sich allerdings der vorindustrielle Bergbau in just diesem Gebiet und die enorm starke Zunahme der Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet während der Industrialisierung. Das Wachstum von Ruhrbergbau und Eisen- und Stahlindustrie im 19. Jahrhundert machte das Ruhrgebiet zu der wichtigsten Montanregion Europas. Die Bedeutung des Ruhrgebiets beschränkte sich dabei nicht auf die wirtschaftliche Ebene, vielmehr war die Region auch immer von hoher politischer Relevanz. Zum einen bildete der Ruhrbergbau lange Zeit die Basis für die Versorgung von Bevölkerung und Industrie weit über die Grenzen der Region hinaus, und zum anderen war das Ruhrgebiet ein Kernstück der deutschen Rüstungsindustrie in den Weltkriegen. Im Versailler Vertrag kam dem Ruhrbergbau eine ebenso hohe Bedeutung zu wie in den Plänen zur europäischen Einigung und den Deutschlandpolitiken der Alliierten nach 1945. Der Niedergang nahm mit der Kohlenkrise von 1957 seinen Anfang und ließ den Ruhrbergbau in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit stürzen, sodass die Schließung der letzten Zeche im Dezember 2018 ein symbolischer Akt ohne Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft bleibt.

Der Beitrag zeigt im Folgenden das starke Wachstum des Ruhrbergbaus während der Industrialisierung und dessen hohe Bedeutung am Vorabend des Ersten Weltkriegs, um dann auf die Rolle des Bergbaus an der Ruhr in beiden Weltkriegen und bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) einzugehen und sich über die Kohlenkrise dem Ende des Ruhrbergbaus zu nähern.

Der Ruhrbergbau in der Europäischen Industrialisierung

Dem Ruhrgebiet kam fraglos eine führende Rolle im Prozess der Industrialisierung zu, auch wenn diese im Ruhrgebiet relativ spät begonnen hatte. Während in Großbritannien in der Mitte des 18. Jahrhunderts jährlich über fünf Millionen Tonnen Steinkohlen gefördert wurden und bis 1780 bereits 455 Dampfmaschinen zur Wasserhaltung errichtet worden waren, wurden im Ruhrgebiet in den 1760ern etwa 55.000 Tonnen Steinkohlen gefördert, die erste Dampfmaschine nahm hier 1799 ihren Betrieb auf.[2] Der größte Teil der an der Ruhr gewonnen Steinkohlen wurde von den Salinen im nahen Umland nachgefragt, Teile aber auch über Ruhr und Rhein in weiter entfernte Gebiete transportiert.[3] In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich diese Entwicklung fort. Die Steinkohlenförderung nahm stetig zu und lag in der Jahrhundertmitte bei 1,6 Millionen Tonnen im Jahr. Dennoch blieb die jährliche Förderung weit hinter derjenigen der großen britischen und belgischen Montanreviere zurück.[4]

In die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts fielen einige Entwicklungen und Ereignisse, die von großer Bedeutung für das spätere Wachstum des Ruhrgebiets waren. So gelang 1830 erstmals die Durchdringung der wasserführenden Mergelschicht, wodurch der Abbau der tieferliegenden Flöze im nördlichen Bereich der Region möglich wurde. Hierdurch konnten die Zechen von der Ruhrzone aus in die Hellwegzone[5] vordringen – der Bergbau begann seine Nordwanderung, die ihn im weiteren Verlauf auch in die Emscher- und Lippezone führen sollte. Die nun tieferen Anlagen führten auch dazu, dass verstärkt Dampfmaschinen eingesetzt wurden.[6] Zugleich begann sich in der Region eine moderne, auf Steinkohlen basierende Eisenindustrie zu entwickeln, die starke Nachfrageimpulse auf den Ruhrbergbau auslöste. Auch der Bau der ersten Eisenbahnstrecke im Ruhrgebiet fiel in die späte erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, allerdings verlief die Strecke der 1847 fertiggestellten Köln-Mindener-Eisenbahn nördlich der Hellwegzone durch bisher brachliegendes Gebiet. Dies verzögerte den Anschluss der meisten Hellwegstädte, jedoch förderte die Streckenführung die Erschließung und industrielle Entwicklung der Emscherzone.[7]

Mit der Nordwanderung der Zechen veränderte sich auch die Qualität der abgebauten Steinkohlen. Die nun geförderten Fettkohlen eigneten sich sehr gut zur Verkokung und damit zur Verwendung im Hochofen. Nach der Inbetriebnahme des ersten Kokshochofens in der Region in der Mitte des Jahrhunderts kam es zu einer raschen Ausbreitung der Kokshochöfen und einer damit einhergehenden starken Zunahme der Roheisenproduktion. Eine Verdrängung der Holzkohle als Energieträger lässt sich auch bei der Erzeugung von Stabeisen[8] beobachten. Waren zehn Jahre zuvor noch etwa 17 Prozent des Stabeisens mit Holzkohle gefrischt worden, wurde 1860 der überwiegende Teil des Stabeisens gepuddelt – also unter Nutzung von Steinkohle entkohlt. Das starke Wachstum der Eisenindustrie führte zu einer verstärkten Nachfrage nach Steinkohlen. So verdreifachte sich die geförderte Menge in den 1850er Jahren auf etwa fünf Millionen Tonnen 1861. Damit überholte das Ruhrgebiet die belgischen Reviere und einige der vormals führenden britischen Reviere, in denen das Wachstum bereits nachließ. Mit den in den großen britischen Revieren geförderten Mengen konnte das Ruhrgebiet jedoch auch 1860 noch nicht mithalten.[9] Durch die Nutzung neuer Verfahren kam es nach 1860 zu einem starken Anstieg der Eisen- und Stahlproduktion und in deren Folge auch zu einer deutlichen Zunahme der Steinkohlenförderung. 1913 wurden im Ruhrbergbau über 114 Millionen Tonnen Steinkohlen gefördert – das entsprach in etwa 40 Prozent der gesamten britischen Förderung in diesem Jahr.[10]

Mit der Nordwanderung der Zechen stieg auch die Tiefe der Schächte, wodurch sich die Größe der Unternehmungen und die Anforderungen an die Technik, aber auch an die Betriebsorganisation veränderten. Mit der wachsenden Förderung in der Dekade nach 1850 ging auch eine verstärkte Gründungstätigkeit einher, die zu der Entstehung einer Vielzahl von Aktiengesellschaften führte, durch die eine Finanzierung der neuen Tiefbauzechen möglich wurde. In den 1870er Jahren kam es zu einer weiteren Periode verstärkter Unternehmensgründungen und zu einer Zunahme der Zusammenschlüsse einzelner Bergbauunternehmen. Zugleich kam es auch zu einer vertikalen Konzentration, also der Zusammenfassung unterschiedlicher Produktionsstufen in einem Unternehmen. Hierdurch entstanden die für das Ruhrgebiet typischen Großunternehmen mit ihrer engen Verflechtung zwischen den verschiedenen Teilbereichen der Montanindustrie – die Verbundwirtschaft. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zudem zu einer Kartellierung des Ruhrbergbaus, dessen Zechen sich – nachdem vorherige Zusammenschlüsse nicht von Dauer gewesen waren – im Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikat (RWKS) zusammenschlossen.[11]

Das starke Wachstum der Montanindustrie im Ruhrgebiet wurde begleitet von einer starken Zuwanderung von Arbeitskräften, wodurch sich die Bevölkerung der Städte vervielfachte. So wuchs Dortmund von etwa 10.000 Einwohnern in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf über 44.000 Einwohner zu Beginn der 1870er Jahre und 144.374 Einwohner zur Jahrhundertwende.[12]

Fußnoten

1.
Vgl. zu diesem Mythos Franz-Josef Brüggemeier, Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute, München 2018, S. 15.
2.
Vgl. Michael W. Flinn, The History of the British Coal Industry, Bd. 2.: 1700–1830: The Industrial Revolution, Oxford 1993, S. 26; Wolfgang Köllmann, Beginn der Industrialisierung, in: ders. et al. (Hrsg.), Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter, Bd. 1, Düsseldorf 1990, S. 11–80, hier S. 36, S. 69.
3.
Vgl. Michael Fessner, Steinkohle und Salz. Der lange Weg zum industriellen Ruhrrevier, Bochum 1998, S. 211.
4.
Vgl. zu anderen europäischen Revieren Juliane Czierpka, Montanindustrielle Führungsregionen der frühen europäischen Industrialisierung im Vergleich. Das Black Country und das Borinage, Stuttgart 2017, S. 309–315, S. 319f.
5.
Der Hellweg war eine wichtige mittelalterliche Heer- und Handelsstraße; Hellwegstädte waren Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Toni Pierenkemper, Der Bergbau. Leitsektor der deutschen Industrialisierung, in: Klaus Tenfelde/ders. (Hrsg.), Motor der Industrialisierung. Deutsche Bergbaugeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Münster 2016, S. 45–102, hier S. 59f.
7.
Vgl. Klara van Eyll, Aspekte der Industrialisierung des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert – unter besonderer Berücksichtigung der Eisen- und Stahlindustrie, in: Kurt Düwell/Wolfgang Köllmann (Hrsg.), Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter. Bd. 1: Von der Entstehung der Provinzen bis zur Reichsgründung, Wuppertal 1983, S. 186–196, hier S. 188f., S. 191f.
8.
Bei Stabeisen handelt es sich um entkohltes und damit schmiedbares Roheisen. Von Stahl unterscheidet sich Stabeisen durch den Anteil noch enthaltenen Kohlenstoffs und anderer Verunreinigungen.
9.
Vgl. Czierpka (Anm. 4), S. 309, S. 315ff. Zu den Förderzahlen des Ruhrgebiets siehe Carl-Ludwig Holtfrerich, Quantitative Wirtschaftsgeschichte des Ruhrkohlenbergbaus im 19. Jahrhundert. Eine Führungssektoranalyse, Dortmund 1973, S. 16ff.
10.
Vgl. Werner Abelshauser, Wirtschaft, Staat und Arbeitsmarkt 1914–1945, in: Köllmann et al. (Anm. 2), S. 435–489, hier S. 437.
11.
Vgl. Pierenkemper (Anm. 6), S. 64f., S. 67, S. 75, S. 86f.
12.
Vgl. Heinz-Günter Steinberg, Das Ruhrgebiet im 19. und 20. Jahrhundert: Ein Verdichtungsraum im Wandel, Münster 1985, Daten entnommen aus: GESIS Datenarchiv, Köln.
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Autor: Juliane Czierpka für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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