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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Juliane Czierpka

Der Ruhrbergbau. Von der Industrialisierung bis zur Kohlenkrise

Der Ruhrbergbau in den Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit

Der Kriegsbeginn 1914 führte zu Engpässen bei der Eisenbahn, wodurch der Schwerindustrie im Ruhrgebiet nicht in ausreichendem Maße rollendes Material zur Verfügung stand. In Verbindung mit einem konjunkturell bedingten Rückgang in dem Winter vor Kriegsausbruch sank die Fördermenge um etwa 16 Millionen Tonnen auf 98 Millionen Tonnen im Jahr 1914. Erst 1927 erreichte die Förderung im Ruhrbergbau wieder den Stand von 1913. Infolge der Einberufung von Bergarbeitern ging die Belegschaft der Ruhrzechen in den ersten Kriegsjahren stark zurück. Dieser Rückgang konnte erst etwa zwei Jahre nach Kriegsbeginn durch die Anwerbung von niederländischen und belgischen Arbeitskräften und den Einsatz von Kriegsgefangenen kompensiert werden. Trotz der hohen Bedeutung des Ruhrbergbaus für die Kriegswirtschaft – 1913 kamen etwa 60 Prozent der im Reich geförderten Steinkohlen aus dem Ruhrgebiet – gelang es den Zechenunternehmen, ihre unternehmerische Unabhängigkeit auch in der Kriegswirtschaft zu wahren, indem sie die vom Staat geforderten Ziele über das RWKS umsetzten und so eine direkte Lenkung durch staatliche Stellen überflüssig machten.[13]

Durch den Versailler Vertrag stieg die Bedeutung der Ruhrkohle in doppelter Hinsicht. Zum einen erlangte das Ruhrrevier durch die Gebietsabtretungen – das Deutsche Reich verlor die Reviere an der Saar und in Elsass-Lothringen sowie Teile des oberschlesischen Reviers – einen noch höheren Stellenwert in der nationalen Kohlenwirtschaft. Zum anderen waren die Ruhrkohlen ein wichtiger Teil der zu leistenden Reparationen und in dieser Funktion auch der Auslöser für die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen. Die Ruhrbesetzung wiederum beschleunigte die ohnehin schon hohe Inflation weiter, die so zu einer Hyperinflation wurde. Die französische Regierung hatte mit Unterstützung der belgischen und der italienischen Verantwortlichen der deutschen Regierung vorgeworfen, ihren Kohlelieferungen nicht nachgekommen zu sein, die Entsendung internationaler Kontrolleure in das Ruhrgebiet verlangt und war schlussendlich in dieses einmarschiert. Die Finanzierung des passiven Widerstands an der Ruhr und die Importe britischer Kohle, die zur Deckung der inländischen Steinkohlennachfrage nötig wurden, führten das Reich dann in die Hyperinflation.[14]

Nach der Währungsreform 1924 und dem Ende der Ruhrbesetzung 1925 stand der Ruhrbergbau wirtschaftlich deutlich besser da als die übrigen europäischen Reviere. Die als Reparationen gelieferten Ruhrkohlen erschwerten den Absatz der aus diesen Revieren stammenden Steinkohlen, während die deutsche Regierung nach der Freigabe der Zollpolitik die Einfuhr britischer Kohlen kontingentierte und sich die Ruhrkohle aufgrund der Reparationen nicht über Absatzprobleme beklagen konnte.[15] Dies und die Gebietsverluste führten dazu, dass 1925 drei Viertel aller im Deutschen Reich geförderten Steinkohlen aus dem Ruhrrevier stammten.[16] Allerdings zeigten sich zu dieser Zeit strukturelle Probleme des Ruhrbergbaus – namentlich die Konkurrenz der Braunkohle auf verschiedenen Märkten, der Wettbewerb mit neu aufsteigenden Steinkohlenrevieren auf den verbleibenden Märkten und die Verschiebung der Absatzmärkte infolge der Gebietsabtretungen sowie ein auf technologischem Fortschritt beruhender Rückgang der industriellen Nachfrage. Entsprechend stand die zweite Hälfte der 1920er Jahre im Zeichen einer Modernisierung und Rationalisierung des Ruhrbergbaus, die sich unter anderem in einem Anstieg der maschinell geförderten Steinkohle auf 66 Prozent zeigte – vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs hatte dieser Wert bei zwei Prozent gelegen.[17]

Nur wenige Jahre später traf die Weltwirtschaftskrise das Ruhrgebiet – zwar mit leichter Verzögerung, dafür jedoch umso stärker. Im Deutschen Reich fiel die Industrieproduktion um 40 Prozent, entsprechend schwerwiegend waren die Auswirkungen im schwerindustriell geprägten Ruhrgebiet. Hier fiel der Anteil der Beschäftigten in Industrie und Handwerk von knapp 60 Prozent im Jahr 1925 auf etwa 30 Prozent im Jahr 1933, während zugleich über ein Viertel der Beschäftigten erwerbslos wurde. Die Belegschaft im Ruhrbergbau schrumpfte zwischen 1929 und 1932 von knapp 353.000 auf 190.000 Beschäftigte, während die Fördermenge von über 123 Millionen Tonnen im Jahr 1929 auf knapp 74 Millionen Tonnen im Jahr 1932 sank, bevor 1933 eine erste Erholung einsetzte, die aber deutlich länger andauerte als in anderen Branchen.[18]

Auch wenn die jährliche Kohlenförderung erst 1937 wieder über den Wert von 1929 stieg, blieb die wirtschaftliche und politische Bedeutung des Ruhrreviers unbestritten.[19] Im Rahmen des Vierjahresplans bildete die Steinkohle, und damit vor allen anderen Revieren die Ruhrkohle, die Basis der Rüstungs- und Autarkiewirtschaft. Zudem kam der Ruhrkohle aufgrund ihrer Exportstärke eine wichtige Rolle für die Devisenbeschaffung zu.[20] Die Zechenbesitzer an der Ruhr scheuten jedoch größere Investitionen in den Ausbau ihrer Anlagen – Mittel für staatliche Investitionen waren für den Steinkohlenbergbau nicht vorgesehen – und bevorzugten eine Steigerung der geförderten Mengen durch eine Ausweitung der Belegschaft. Vor dem Hintergrund der durch die Aufrüstung und die Autarkiebestrebungen ausgelösten Hochkonjunktur misslang jedoch nicht nur die Anwerbung neuer Arbeitskräfte, vielmehr musste der Ruhrbergbau eine starke Abwanderung der Beschäftigten hinnehmen.[21] Erleichterung brachte weder die Schichtzeitverlängerung noch die Anwerbung in- und ausländischer Arbeitskräfte, sodass der Arbeitskräftemangel bis Kriegsbeginn nicht behoben werden konnte. Anders als zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden Förderung und Transport der Ruhrkohlen 1939 nicht durch die Mobilmachung und Einberufung gestört. Allerdings wurden auch Teile der Belegschaft der Zechen eingezogen, sodass sich der Mangel an Bergleuten weiter verschärfte. In der Folge kam es zu einer Anwerbung ausländischer Zivilarbeiter. Im weiteren Kriegsverlauf wurden massiv Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in den Ruhrzechen eingesetzt.[22]

Bis Anfang der 1940er Jahre gelang den Ruhrzechen eine Steigerung ihrer Förderung. Nachdem 1941 mit fast 130 Millionen Tonnen fast der Spitzenwert aus dem Jahr 1939 erreicht wurde, sank die Fördermenge in den kommenden beiden Jahren jedoch leicht und stürzte dann 1944 auf etwa 111 Millionen und 1945 auf 33 Millionen Tonnen.[23] Diese Zahlen spiegeln den Zusammenbruch der Kohlewirtschaft Ende 1944 wider. Infolge konzentrierter Luftangriffe gegen die Verkehrsinfrastruktur des Ruhrgebiets im Herbst 1944 war ein Transport von Gütern aus dem Ruhrgebiet in die übrigen Teile des Reichs ab Oktober faktisch nicht mehr möglich. So konnten selbst die geringen Fördermengen der letzten Kriegsmonate nicht mehr an die Verbraucher geliefert, geschweige denn nach Dringlichkeit verteilt werden.[24]

Fußnoten

13.
Vgl. Abelshauser (Anm. 10), S. 436ff.
14.
Vgl. Conan Fischer, The Ruhr Crisis, 1923–1924, Oxford 2003, S. 29ff., S. 80; Dieter Ziegler, Kriegswirtschaft, Kriegsfolgenbewältigung, Kriegsvorbereitung. Der deutsche Bergbau im dauernden Ausnahmezustand (1914–1945), in: ders. (Hrsg.), Rohstoffgewinnung im Strukturwandel. Der deutsche Bergbau im 20. Jahrhundert, Münster 2013, S. 15–182, hier S. 58.
15.
Vgl. ebd., S. 64, S. 131f.
16.
Vgl. Hans-Christoph Seidel, Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg: Zechen, Bergarbeiter, Zwangsarbeiter, Essen 2010, S. 65.
17.
Vgl. Abelshauser (Anm. 10), S. 460; Seidel (Anm. 16), S. 62ff.; Ziegler (Anm. 14), S. 131f., S. 137ff.
18.
Vgl. Abelshauser (Anm. 10), S. 437, S. 467, S. 479; Ziegler (Anm. 14), S. 142.
19.
Vgl. zur Bedeutung des Ruhrbergbaus Seidel (Anm. 16), S. 64ff.
20.
Vgl. ebd., S. 67ff.
21.
Vgl. Abelshauser (Anm. 10), S. 485; Seidel (Anm. 16), S. 69ff., S. 90ff.; Ziegler (Anm. 14), S. 146ff.
22.
Vgl. Seidel (Anm. 16), S. 139ff., S. 168ff., S. 562f.
23.
Vgl. Abelshauser (Anm. 10), S. 437.
24.
Vgl. Seidel (Anm. 16), S. 366ff.
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