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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Juliane Czierpka

Der Ruhrbergbau. Von der Industrialisierung bis zur Kohlenkrise

Der Ruhrbergbau nach dem Zweiten Weltkrieg

War der Ruhrbergbau eine Basis der Kriegswirtschaft, kam ihm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Schlüsselrolle für die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Bundesrepublik zu. Unmittelbar nachdem der Krieg im Ruhrgebiet im April 1945 geendet hatte, waren jedoch zuerst einige Schwierigkeiten zu überwinden. Während die Zechen von Kriegsschäden verhältnismäßig gering betroffen waren, waren große Teile des Wohnraums im Ruhrgebiet zerstört. Mit dem Zusammenbruch der Kohlenwirtschaft im Winter 1944/45 war auch die Versorgung der Einwohner im Ruhrgebiet zusammengebrochen, sodass weder ausreichend Wohnraum noch Lebensmittel für die ohnehin stark dezimierte Bevölkerung zur Verfügung standen.[25] Während sich die Menschen auf zu wenig Wohnraum drängten, mangelte es den Zechen nach der Befreiung der Zwangsarbeiter an Arbeitskräften. Verschiedene Anwerbe- und Zwangsverpflichtungsmaßnahmen der Alliierten blieben ohne Wirkung, was nicht zuletzt an der weiterhin schlechten Ernährungslage im Ruhrgebiet lag, die zudem die Förderleistung der Bergarbeiter beeinträchtigte. Erst Ende der 1940er Jahre stellten sich erste Erfolge ein, die jedoch mit der ohnehin starken Verbesserung der wirtschaftlichen Lage einhergingen.[26] Negativen Einfluss auf die Förderleistung des Ruhrbergbaus hatte auch der während der Kriegsjahre betriebene Raubbau, bei dem sich der Abbau auf die leicht zu gewinnenden Flöze konzentriert hatte. Aufgrund der lange Zeit ungeklärten Eigentumsverhältnisse im Ruhrbergbau und des staatlich festgesetzten Kohlepreises verzögerten sich zudem dringend nötige Investitionen, sodass die Entwicklung des Ruhrbergbaus Anfang der 1950er Jahre hinter der anderer Branchen zurückblieb.[27]

Die Organisation des Ruhrbergbaus hatten die Alliierten mit der Gründung der Deutschen Kohlenbergbau-Leitung (DKBL) 1947 und des Deutschen Kohlen-Verkauf (DKV) weitestgehend in die Hände der Deutschen gelegt. Zuvor hatte die britische Militärregierung, die außerdem die Liquidation des RWKS verfügt hatte, verschiedene Kontroll- und Verteilungsstrukturen geschaffen, bis der operative Teil 1948 an den DKV übergeben wurde, der fortan als zentrale Verkaufs- und Vertriebsorganisation für Steinkohlen fungierte.[28] Vor dem Hintergrund der immer moderater werdenden Deutschlandpolitiken der Briten und US-Amerikaner fürchteten die Franzosen einen Verlust der Kontrolle über das Ruhrgebiet und seine Schwerindustrie. Zum einen trieb die Franzosen die Angst vor einer erneuten Aufrüstung Deutschlands, zum anderen war die französische Stahlindustrie von den Kokskohlen aus dem Ruhrrevier abhängig. Als sich abzeichnete, dass die übrigen westlichen Alliierten an einer strengen Fortführung der Kontrollen nicht interessiert waren, änderte die französische Regierung ihre Strategie, und Außenminister Robert Schuman stellte im Mai 1950 seine Vision einer europäischen Montanunion vor. Bundeskanzler Konrad Adenauer begrüßte den Vorschlag, die europäischen Kohle-, Eisen- und Stahlindustrien aus der Zuständigkeit der nationalen Regierungen herauszulösen und einer supranationalen Behörde – der sogenannten Hohen Behörde – zu unterstellen. Er erhoffte sich für die junge Bundesrepublik einen Rückgewinn an relativer Macht und Souveränität.[29] Auch der Ruhrbergbau stand den Plänen Schumans anfangs nicht ablehnend gegenüber. Hier sah man eine Möglichkeit, sich durch die Montanunion vor den Interventionen der Alliierten – die Eigentumsfrage war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärt – schützen zu können. Als im Laufe der Verhandlungen jedoch die französische Delegation die Liquidation des DKV und ein Kartellverbot forderte, kippte die Stimmung an der Ruhr. Erbittert kämpften die Akteure des Ruhrbergbaus für ihre zentralisierte Verkaufsorganisation, deren Abschaffung sie für nicht praktikabel hielten.[30] Infolge des Widerstandes des Ruhrbergbaus kam es beinahe zum Scheitern der Verhandlungen, woraufhin die Alliierte Hohe Kommission starken Druck auf die Bundesregierung ausübte, die daraufhin die Notwendigkeit einer Liquidation des DKV anerkannte und damit den Weg zur Gründung der EGKS freimachte.[31] Die wirtschaftliche und politische Bedeutung des Ruhrbergbaus war somit eines der Motive für die Bemühungen einer europäischen Einigung nach 1945, auf der wiederum die heutige Europäische Union fußt. Aus Sicht der Akteure des Ruhrbergbaus hatten sie für die politisch gewollte Gründung der EGKS "ein schwer erträgliches Maß wirtschaftlicher Opfer"[32] zu erbringen. Die Schaffung der Montanunion gegen die Interessen des Ruhrbergbaus ist jedoch eher ein Beleg für die hohe Bedeutung des Ruhrbergbaus in Europa – der Anteil der Ruhrkohlen an der gesamten Förderung in der EGKS lag 1952 bei knapp 48 Prozent[33] – denn für eine mangelnde Durchsetzungskraft der Akteure.

Auch Anfang der 1950er Jahre war der Ruhrbergbau noch immer nicht in der Lage, die stetig wachsende Nachfrage nach Energie zu befriedigen. Zur Deckung der Energielücke wurden zusätzliche Steinkohlen sowie Öl importiert, zudem wurden Anreize zur Stimulierung der Erzeugung von Heizöl gesetzt. Parallel zu dieser Entwicklung begann Anfang der 1950er Jahre auch die Modernisierung des Ruhrbergbaus und das Abteufen neuer Schächte, hierfür waren mit dem Investitionshilfegesetz Mittel für die zu langsam wachsenden Grundstoffindustrien zur Verfügung gestellt worden.[34] Nachdem die Kriegsfolgen überwunden waren, setzte ein Wachstum der Förderung ein; 1956 wurde der Spitzenwert der Zwischenkriegszeit übertroffen. An die starke Förderleistung der Jahre 1937 bis 1943 reichten die in den 1950er Jahren geförderten Mengen jedoch nicht heran.[35] Die 1956 geförderten 124,6 Millionen Tonnen Ruhrkohle machten dabei mehr als 82 Prozent der bundesrepublikanischen Steinkohlenförderung aus.

Fußnoten

25.
Vgl. Dietmar Petzina, Wirtschaft und Arbeit im Ruhrgebiet 1945 bis 1985, in: Köllmann et al. (Anm. 2), S. 491–567, hier S. 492f.
26.
Vgl. Michael Farrenkopf, Wiederaufstieg und Niedergang des Bergbaus in der Bundesrepublik, in: Ziegler (Anm. 14), S. 183–302, hier S. 201ff.
27.
Vgl. ebd., S. 197, S. 204f.
28.
Vgl. Werner Abelshauser, Der Ruhrkohlenbergbau seit 1945. Wiederaufbau, Krise, Anpassung, München 1984, S. 50f.; Farrenkopf (Anm. 26), S. 199f.; Heinz Vogelsang, Die deutsche Kohlenverkaufsorganisation in ihrer historischen Entwicklung, München 1957, S. 123f.
29.
Vgl. Gerhard Brunn, Die europäische Einigung von 1945 bis heute, Stuttgart 2002, S. 70–82.
30.
Vgl. Heinrich Kost an Konrad Adenauer, 11.1.1951, Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv (BBA) 32/3980.
31.
Vgl. zu der Rolle der US-Amerikaner Volker R. Berghahn, Industriegesellschaft und Kulturtransfer. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010, S. 228f.; Klaus Schwabe, Fürsprecher Frankreichs? John McCloy und die Integration der Bundesrepublik, in: Ludolf Herbst/Werner Bührer/Hanno Sowade (Hrsg.), Vom Marshallplan zur EWG. Die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt, München 1990, S. 517–533, hier S. 522f.
32.
Heinrich Kost (DKBL) und August Schmidt (IG Bergbau) an Konrad Adenauer, 7.2.1951, Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv (BBA) 32/3980.
33.
Vgl. zu den Förderzahlen Wilhelm Gumz/Rudolf Regul, Die Kohle. Entstehung, Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung, gemeinfasslich dargestellt, Essen 1954, S. 193; vgl. Petzina (Anm. 25), S. 517.
34.
Vgl. Farrenkopf (Anm. 26), S. 212f.
35.
Vgl. zu den Daten Abelshauser (Anm. 10), S. 437; Petzina (Anm. 25), S. 517.
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