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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Juliane Czierpka

Der Ruhrbergbau. Von der Industrialisierung bis zur Kohlenkrise

Der Ruhrbergbau in der Europäischen Kohlenkrise

Im Februar 1958 wurden auf den Zechen im Ruhrgebiet erste Feierschichten eingelegt, erstmals seit der Rüstungskonjunktur überstieg die Förderung die Nachfrage. Einen langfristigen Rückgang der Steinkohlennachfrage hatte kaum jemand prognostiziert, vielmehr waren auch die Akteure im Ruhrbergbau davon ausgegangen, auch weiterhin in hohem Maße an einem stark wachsenden Energiebedarf zu partizipieren. Entsprechend überraschend begann mit dem Einbruch der Nachfrage im Winter 1957/58 die Kohlenkrise. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre hatte sich das Mineralöl auf dem deutschen Markt durch den Wegfall des Heizölzolls verbilligt, zudem war es zu einer Erschließung neuer Fördergebiete gekommen, und nach dem Ende der Suezkrise 1956 waren die Transportpreise stark gefallen. Zwischen 1957 und 1960 halbierten sich die Preise für Heizöl, während die gesunkenen Frachtraten auch die importiere amerikanische Steinkohle stark verbilligten. Auch andere Entwicklungen, wie der Wechsel von Schiene zur Straße oder die Umstellung der Lokomotiven auf Dieselkraftstoffe, wirkten gegen den Ruhrbergbau.[36]

Die strukturellen Verschiebungen in der Energienachfrage stürzten nicht nur den Ruhrbergbau, sondern alle westeuropäischen Steinkohlenreviere in die Krise. In den Mitgliedsländern der EGKS sank der Anteil der Steinkohle an der Deckung des gesamten Energiebedarfs von 74 Prozent 1950 auf 53 Prozent 1960. Weitere fünf Jahre später, 1965, wurden nur noch 38 Prozent des Energiebedarfs durch Steinkohle gedeckt. In dem gleichen Zeitraum stieg der Anteil des Erdöls zunächst von zehn auf 27 Prozent und dann auf 45 Prozent.[37] In Deutschland lag die Bedeutung der Steinkohle höher als im europäischen Durchschnitt, sodass 1957 etwa 68 Prozent des Primärenergieverbrauchs durch Steinkohle, 15 Prozent durch Braunkohle und etwa zwölf Prozent durch Mineralöl gedeckt wurden. 1969 war der Anteil der Steinkohle auf knapp 32 Prozent gesunken.[38] Anders als die IG Bergbau, deren Vertreter recht früh auf die strukturellen Ursachen der Bergbaukrise hinwiesen und eine Neuordnung des Steinkohlenbergbaus forderten, postulierten die Vertreter der Unternehmerseite den konjunkturellen und damit vorübergehenden Charakter der Krise. Entsprechend konzentrierten sich die Maßnahmen in der unmittelbaren Folgezeit der Krise auf die Betriebsebene. Zur Erleichterung der Absatzsituation wurde die Notgemeinschaft deutscher Steinkohlenreviere GmbH gegründet, über die bestehende Verträge über den Import von US-amerikanischen Steinkohlen abgelöst wurden. Trotz des starken Rückgangs der Steinkohlenimporte gingen die Förderzahlen weiter zurück, was wiederum zu massenhaften Entlassungen der Beschäftigten führte. Waren 1957 noch 397.000 Menschen bei den Zechen an der Ruhr beschäftigt, waren es 1961 nur noch 296.000 und 1966 nur noch etwas über 200.000.[39] Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützte die Anpassungsmaßnahmen zwar mit finanziellen Hilfen, gab jedoch den Forderungen des Ruhrbergbaus nach einem Schutz der Steinkohlen vor der Konkurrenz durch andere Energieträger erst 1960 mit der Einführung einer Heizölsteuer nach. Allerdings konnte Ruhrkohle an vielen Orten die künstlich angehobenen Ölpreise trotzdem nicht unterbieten. 1961 und 1962 kam es, nach einer kurzen Erholung im Jahr 1960, zu erneuten Zechenschließungen. Die Zahlung von Stilllegungsprämien ab Dezember 1962 ließ die Zahl der Schließungen weit über das erwartete Maß hinaus in die Höhe schießen, führte jedoch nicht zu der Stilllegung der unrentabelsten Zechen des gesamten Ruhrbergbaus. Vielmehr wurden jeweils die in ihrem Unternehmensverbund defizitären Zechen geschlossen. Zudem hemmte die Prämie die Ansiedelung neuer Industrien, da die Zechenunternehmen keinen unmittelbaren finanziellen Druck zur Veräußerung von Flächen spürten. Eine weitere Verschärfung der Krise Mitte der 1960er Jahre mündete in Verhandlungen über die Gründung einer Einheitsgesellschaft für die Ruhrkohle – eine solche war bereits zehn Jahre zuvor von Seiten der Gewerkschaften vorgeschlagen worden. 1969 kam es dann zur Gründung der Ruhrkohle AG, unter deren Dach etwa 94 Prozent der geförderten Ruhrkohlen vereint waren.[40]

Der Niedergang des Ruhrbergbaus

Rückblickend markierte die Kohlenkrise den Anfang vom Ende des Ruhrbergbaus. In den nachfolgenden Jahrzehnten kam es nicht zu einer Stabilisierung oder gar einem Wachstum des Ruhrbergbaus. Allgemein verlor die Steinkohle, die ihre hohe Bedeutung vom 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der ersten großen Energiewende verdankt hatte, ihre Dominanz in der zweiten und dritten Energiewende.[41] Auch innerhalb des stetig schrumpfenden Steinkohlensegments – 2017 lag der Anteil der Steinkohle am Primärenergieverbrauch der Bundesrepublik bei knapp elf Prozent, die benötigten Steinkohlen wurden zum größten Teil importiert[42] – erwies sich die Ruhrkohle als nur noch begrenzt konkurrenzfähig, weswegen hohe Subventionszahlungen nötig wurden, um das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus hinauszuzögern. In diesen hohen Subventionen für einen sozialverträglichen Niedergang des deutschen Steinkohlenbergbaus spiegelte sich noch einmal die große Bedeutung des Ruhrbergbaus.

Fußnoten

36.
Vgl. Farrenkopf (Anm. 26), S. 215f.; Petzina (Anm. 25), S. 518f.
37.
Vgl. Fritz Hellwig, Sinkende Wettbewerbsfähigkeit der Kohle, in: Wirtschaftsdienst 6/1947, S. 279–287, hier S. 279.
38.
Vgl. Farrenkopf (Anm. 26), S. 216.
39.
Vgl. Christoph Nonn, Die Ruhrbergbaukrise. Entindustrialisierung und Politik 1958–1969, Göttingen 2001, S. 387f.
40.
Vgl. Jochen Streb, Energiewenden aus historischer Perspektive, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2/1956, S. 587–608, hier S. 598.
41.
Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Einfuhr von Steinkohle in Deutschland, 20.9.2017, http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Infografiken/Energie/Energiedaten/Energietraeger/energiedaten-energietraeger-24.html«; dass., Primärenergieverbrauch in Deutschland 2017, 1.8.2018, http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Infografiken/Energie/Energiedaten/Energiegewinnung-und-Energieverbrauch/energiedaten-energiegewinnung-verbrauch-03.html«.
42.
Vgl. Farrenkopf (Anm. 26), S. 216ff., S. 220ff., S. 231.
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