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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Delia Bösch

Kohle geht, Kultur bleibt - Essay

"Förderturm? Dat issen Fördergerüst!" Günter Stoppas Stimme dröhnt über den Ehrenhof von Zollverein, der einst modernsten und leistungsfähigsten Steinkohlenzeche der Welt und seit 2001 UNESCO-Welterbe. "Und zwar ist datt ein Doppelstrebengerüst!"

Stoppa, erkennbar an seiner Bergmannskluft mit Helm, weißem Fahrmantel und Sicherheitsschuhen, ist einer der letzten seiner Art. Einer der wenigen "Ehemaligen" oder auch "Zollvereiner", wie sie sich untereinander nennen, die selbst noch auf der Zeche beziehungsweise Kokerei Zollverein gearbeitet haben, bevor sie sich mit der kreativen Umwidmung dieses herausragenden Monuments des Industriezeitalters anfreundeten und Gästeführer wurden. 150.000 zahlende Besucher aus aller Welt führen die mehr als 120 Guides pro Jahr über den "Weg der Kohle", geben Auskunft über die Produktionsabläufe der gigantischen Anlage, über Arbeits- und Lebensbedingungen.

2018, im Jahr des endgültigen Ausstiegs aus der Steinkohlenförderung in Deutschland, war Stoppa besonders gefragt, als stolzer Zeit- und Kronzeuge einer Epoche, in der die Kohle aus dem Ruhrgebiet Treibstoff der Moderne war, Motor für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und für das westdeutsche "Wirtschaftswunder". Von diesem Mythos zehrt das Ruhrgebiet bis heute.

Alle wissen es, aber keiner spricht wirklich gerne darüber: Der Abbau konnte seit der Bergbaukrise Ende der 1950er Jahre nur mit massiven Subventionen am Leben gehalten werden – zuletzt mit über 100 Euro pro Tonne. Nach Expertenschätzungen flossen bis zu 200 Milliarden Euro Subventionen in die Branche, ehe sie einen würdevollen Tod sterben durfte. Dazwischen liegt nach Ansicht von Kritikern jede Menge verlorene Zeit, die die Region kaum noch aufholen kann, da durch die jahrzehntelange Subventionierung der Steinkohle mit Blick auf die Zukunft des Ruhrgebiets falsche Weichenstellungen erfolgten.

Die spinnen: ein Pütt als Denkmal!

Der heute 86-jährige Stoppa arbeitete seit 1955 im Bergbau und hat das Auf und Ab und "alles wieder anders" des Ruhrgebiets hautnah erlebt. Nach Stationen auf kleineren Zechen fing er Mitte der 1960er Jahre auf der Zeche Zollverein an, erst als Bauführer, später wurde er Leiter der Abteilung Baubetrieb. Eine sichere Bank, wie er damals glaubte. Als Zollverein 1986 als letzte Zeche der früheren Kohle- und Stahlstadt Essen stillgelegt wurde und 1300 Kumpel zur letzten Schicht ausgefahren waren, blieb er einfach da und gehörte zu den allerersten Gästeführern im Industriedenkmal Zollverein. Anders übrigens als die meisten Kumpel, die die Schließung des Bergwerks als schwere Niederlage erlebten und jahrelang keinen Schritt mehr auf dieses Gelände taten, das sich langsam von der "verbotenen Stadt" in einen öffentlichen Raum für Jedermann wandelte. "Die Kumpel haben sich schlapp gelacht, als sie von den Plänen hörten", erinnert sich Stoppa. "Alle sagten, die spinnen doch. Das hat es noch nie gegeben. Ein Pütt als Denkmal!"

Den meisten Bergmännern war nicht bewusst, dass die riesige Steinkohlenförderanlage Zollverein mit ihren harten und früher teilweise menschenverachtenden Arbeitsbedingungen eben nicht nur ein Arbeitsplatz war, sondern ein bedeutendes Kulturgut mit universellem Wert. Durchgestaltet bis in die Details der Lampen, Treppengeländer und Türgriffe, ist der komplett erhaltene Komplex von Zeche und Kokerei Zollverein ein Gesamtkunstwerk und repräsentiert exemplarisch die soziale und ökonomische Geschichte des Kohle- und Stahlzeitalters sowie ihre spezielle Ästhetik.

Geschaffen von 1927 bis 1932 von den visionären Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, ist die Zeche Zollverein Schacht XII ein Meisterwerk der Bergbauarchitektur und sozusagen gebautes Design. Noch heute besticht die symmetrische Anordnung der Gebäude auf zwei Blickachsen. Die 20 Einzelgebäude bilden die technischen Arbeits- und Produktionsabläufe der Kohleförderung ab, und zwar nach der Bauhaus-Maxime, dass sich die Form an der Funktion (form follows function) orientieren soll. Dieses funktionale Prinzip verbindet Zollverein mit den zukunftsweisenden Visionen der Bauhauszeit in den 1920er Jahren, die schließlich auch im Ruhrgebiet, dem industriellen Westen, zum Nährboden für die Moderne wurden.
Zeche Zollverein in EssenZeche Zollverein in Essen

Als die Zeche und Kokerei Zollverein am 14. Dezember 2001 als "Industriekomplex Zeche Zollverein" den Welterbe-Status erhielt und erste Pläne für die künftige Entwicklung die Runde machten, gab es in den umliegenden Quartieren viel Kopfschütteln. Kultur? Das ist doch Killefitt, hieß es. Viele verstanden die Pläne als Entwertung der harten Arbeit im Bergbau. Doch wenn der Steinkohlenbergbau 2019 endgültig Geschichte ist und die Branche sozusagen für immer ins Museum wechselt, hat die ehemalige Industrieanlage längst die Metamorphose geschafft und präsentiert sich als ein internationales Best-Practice-Modell für den Umgang mit industriellem Erbe. Heute ist Zollverein neben dem Kölner Dom die am zweithäufigsten besuchte kulturtouristische Sehenswürdigkeit in Nordrhein-Westfalen mit rund 1,5 Millionen Besuchern jährlich. Der berühmte Doppelbock der Zeche Zollverein gilt als der "Eiffelturm des Ruhrgebiets" und ist zum Symbol für den Wandel der gesamten Region avanciert.

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