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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Diethelm Blecking

Die Nummer 10 mit Migrationshintergrund. Fußball und Zuwanderung im Ruhrgebiet

Der FC Schalke 04 und die deutsche Nationalmannschaft – Entstehung eines "Ruhrvolks"?

Vier der genannten Nationalspieler gehörten dem FC Schalke 04 an, der zwischen 1934 und 1942 sechsmal die deutsche Meisterschaft gewann. Die Mannschaft war gespickt mit Spielern, die polnisch klingende Namen trugen, am bekanntesten waren die Nationalspieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Als Schalke 1934 die Meisterschaft zum ersten Mal gewann und das Team vor der Kamera mit Hitlergruß posierte, erschien in der polnischen Sportpresse die Schlagzeile "Die deutsche Meisterschaft in den Händen der Polen".[14] Das Fußball-Magazin "Kicker" forderte empört eine deutsche Reaktion, und die Schalker Vereinsführung beeilte sich, das Gegenteil zu beweisen, nämlich, "dass die Eltern unserer Spieler sämtlich im heutigen oder früheren Deutschland geboren und keine polnischen Emigranten sind".[15] Gelsenkirchen war das Wanderungszentrum der Masuren, deshalb stammten die Eltern vieler Schalker Spieler aus dem südlichen Ostpreußen, gehörten also zum genannten Kreis der Masuren: "In der ersten Hälfte der 1920er Jahre stellten sie die überwiegende Mehrheit der ersten Mannschaft und auch die Meistermannschaft von 1934 bestand noch zur Hälfte aus Kindern von Zuwanderern aus den preußischen Ostprovinzen". Die Gelsenkirchener Meistermannschaft aus dem Umfeld der Zeche Consolidation spiegelte so die Migrationsgeschichte des Reviers. Spieler mit polnischer oder masurischer Familienbiografie bürgten ausgerechnet in der Zeit des "Dritten Reiches" für die Spielstärke des Ruhrgebietsfußballs, besonders Schalkes, aber auch der deutschen Nationalmannschaft.

Die nationalsozialistische "Volkstumsforschung", die antipolnische, rassistische und biologistische Ansätze verfolgte, löste dieses Dilemma dadurch, dass ihre Vertreter im Revier nur noch Masuren sichteten, und diese für "ihrer Kultur und Denkungsart nach rein deutsch" erklärten, so der Mitarbeiter der "Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrgebiet" Eberhard Franke 1934 in der Zeitschrift "Fußball. Illustrierte Sportzeitung". Der Leiter der "Forschungsstelle" Wilhelm Brepohl sah hier bereits Anzeichen für die "Umvolkung" beziehungsweise Eindeutschung der "minderwertigen, fremden Zuwanderer (allen voran Polen)" und Tendenzen zur Entstehung eines "Ruhrvolks". Die ideologisch geprägte Denkfigur "Ruhrvolk" blieb nach 1945 weiter wirksam und speiste Erzählungen über gelungene "Integration" bis hin zum angeblichen "Schmelztiegel" Ruhrgebiet.[16] Gegen diese Harmonisierung konfliktreicher Prozesse ist anzuführen, dass in der Zeit, als Spieler mit masurischer oder polnischer Migrationsbiografie im deutschen Elitefußball reüssierten, die Organisationen der polnischen Minderheit im "Dritten Reich" hart verfolgt wurden. Bis 1939 waren bereits 249 Funktionäre der Minderheit in Konzentrationslager verbracht worden.[17] Anfang September 1939, wenige Tage nach dem Überfall auf Polen, wurden alle Organisationen der polnischen Minderheit verboten, das Vermögen wurde beschlagnahmt.[18]

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Folklorisierung und Harmonisierung

Der Zivilisationsbruch und seine Folgen zwischen 1939 und 1945 wirkten wie eine Wasserscheide auf die kollektive Erinnerung in Deutschland,[19] und diese prägte auch die imaginierte Geschichte des Fußballs im Ruhrgebiet. Das bunte gesellschaftliche Feld des Sports vor 1933 mit polnischen Klubs, jüdischen Vereinen, den katholischen Sportvereinen der Deutschen Jugendkraft und den zahlreichen Vereinen der sozialistischen Arbeitersportbewegung[20] wurde genauso wenig erinnert wie die konflikt- und repressionsreiche Geschichte der polnischen und masurischen Zuwanderung. Dabei waren die Kinder und Enkel der Migranten, wie ein Essener Beispiel zeigt, ständig präsent: "Jerosch, Kosinski, Pisarski, Majewski, Mieloszyk, Radziejewski und Rynkowski, so hießen die Spieler der ersten Mannschaft der Sportfreunde Katernberg zwischen 1945 und 1950."[21]

Das Ruhrgebiet zog mit der Weiterführung der Steinkohleförderung nach dem Krieg stetig Arbeitskräfte an. Der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen unter den Bergleuten verdreifachte sich zwischen 1947 und 1950.[22] Zechenvereine spielten weiter eine Rolle bei der Integration dieser Menschen und nahmen viele von ihnen auf. Bei Schalke begann der Oberschlesier Georg Rudinger, der eigentlich Rudzki hieß, sein Engagement in der Spielzeit 1948/49 und zog bald zur Alemannia nach Aachen weiter. Am Beispiel des SV Sodingen zeigte sich paradigmatisch die Kontinuität der alten polnischen und masurischen Erwerbsmigration. Als sich der Verein 1955 für die Endrunde der deutschen Meisterschaft qualifizierte, hatte die Hälfte der Mannschaft polnisch beziehungsweise masurisch klingende Namen wie Sawitzki, Kropla, Lika, Nowak, Adamik, Dembski und Konopczinski. Sie waren zwar im Ruhrgebiet geboren, aber stammten in der dritten Generation aus der Zuwanderung vor dem Ersten Weltkrieg.

Im Elitefußball gab es Spieler wie Hans Tilkowski, 1935 geboren, als "Mann im Wembley-Tor" für die deutsche Nationalmannschaft spätestens seit 1966 eine deutsche Fußball-Legende.[23] Tilkowski hat eine Musterbiografie: Der Athlet ist der Sohn eines Bergmanns aus Dortmund-Husen, der Sozialdemokrat und Gewerkschaftler war, und wuchs in der Zechenkolonie der Zeche Kurl auf, wo er seine ersten Erfahrungen als Straßenfußballer sammelte. Sein Großvater war aus dem westpreußischen Schöneberg (Ostaszewo) in den Bergbau des Ruhrgebiets eingewandert. Die Karriere begann er als Torwart bei Westfalia Herne, Höhepunkte seiner Laufbahn erlebte der Fußballer bei Borussia Dortmund und dann als Vizeweltmeister bei der Weltmeisterschaft in England 1966. Viele andere Beispiele, die von einer solchen Kontinuität zur polnischen Migration zeugten, existierten im Ruhrgebiet. In der Öffentlichkeit herrschten jedoch jetzt anekdotenhafte, folklorisierende und harmonisierende Erzählungen, die die Geschichte der "alten" Migration im Prinzip als geschichtslos und konfliktfrei ganz im Sinne der "Ruhrvolk"-Ideologie ad acta legten. In diesen Kontext gehören auch Statements prominenter Politiker verschiedener parteipolitischer Couleur.[24] Unterschwellig verwies dieses Narrativ bereits auf die Vorstellung, dass die Zuwanderung abgeschlossen und bewältigt sei.

Fußnoten

14.
Przegląd Sportowy (Sportrundschau), zit. nach ebd., S. 100.
15.
Dieses und alle folgenden Zitate bei Lenz (Anm. 13), S. 102, S. 105, S. 109f.
16.
Vgl. Wilhelm Brepohl, Der Aufbau des Ruhrvolkes im Zuge der Ost-West-Wanderung, Recklinghausen 1948. Vgl. z.B. Richard C. Murphy, Gastarbeiter im Deutschen Reich. Polen in Bottrop 1891–1939, S. 184. Zu den Narrativen, die häufig zu politischen Statements über gelungene Integration verdichtet wurden, vgl. Diethelm Blecking, Sport and Immigration in Germany, in: The International Journal of the History of Sport 8/2008, S. 955–973, hier S. 956, S. 967, Anm. 10.
17.
Vgl. Valentina Maria Stefanski, Die polnische Minderheit zwischen 1918 und 1939/45, in: Dagmar Kift/Dietmar Osses (Hrsg.), Polen-Ruhr: Zuwanderung zwischen 1871 und heute, Essen 2007, S. 33–43, hier S. 42.
18.
Vgl. Blecking (Anm. 6), S. 207.
19.
Vgl. Phillip Ther, Soll und Haben: Warum das deutsche Kaiserreich kein Nationalstaat war, in: Le Monde diplomatique, Mai 2005, S. 16f.
20.
Vgl. Osses (Anm. 9), S. 40ff.
21.
Lenz (Anm. 10), S. 203.
22.
Vgl. für diesen Abschnitt Bartholomäus Fujak, Schmelztiegel Ruhrgebiet. Eine Spurensuche zwischen Oberliga und Bundesliga, in: Osses (Anm. 9), S. 71–79, hier S. 73ff.
23.
Vgl. zur Biografie Hans Ost/Hans Tilkowski, Und ewig fällt das Wembley-Tor – Geschichte meines Lebens, Göttingen 2006.
24.
Vgl. Blecking (Anm. 16), S. 967, Anm. 10.
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