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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Diethelm Blecking

Die Nummer 10 mit Migrationshintergrund. Fußball und Zuwanderung im Ruhrgebiet

Özil, Gündogan und Andere: Die "neue" Migration und ihre Spuren im Ruhrgebietsfußball

Die seit dem Anwerbeabkommen mit der Türkei (1961) ins Ruhrgebiet zuwandernden Türken fanden ebenfalls einen Wanderungsschwerpunkt im rheinisch-westfälischen Industriegebiet und Arbeit im Bergbau. 1982 waren 83 Prozent der von der Ruhrkohle AG beschäftigten ausländischen Arbeiter Türken, die anders als Polen und Masuren staatsrechtlich Ausländer waren.[25] Seit dem Anwerbestopp 1973 und dem Familiennachzug kam es bald zur Community-Bildung in den städtischen Ballungsgebieten. Um die Jahrtausendwende lebten von den damals etwa 2,1 Millionen türkischen Staatsbürgern in Deutschland, darunter geschätzt 350.000 bis 500.000 Kurden, etwa ein Drittel in Nordrhein-Westfalen.[26] Fußball war für die männlichen Angehörigen der türkischen Communities von Anfang an ein strukturierendes Element ihrer Freizeitkultur. Zur Irritation des organisierten deutschen Sports und der einheimischen Bevölkerung organisierten sich die türkischen Arbeiter, die wie ihre italienischen, spanischen, griechischen und jugoslawischen Kollegen als "Gastarbeiter" bezeichnet wurden, in eigenen Vereinen. Die "Suggestion der Geschichtslosigkeit" (Ulrich Herbert) für die Zuwanderung nach Deutschland hatte die Erinnerung an polnische und andere Vereine gründlich getilgt. Nachdem ausländische Mannschaften länger um den sogenannten Gastarbeiterpokal gespielt hatten, erlaubte der Westdeutsche Fußballverband seit der Saison 1971/72 ihre Teilnahme am regulären Ligenbetrieb.[27] Damit begann die auch auf dem Spielfeld nicht immer konfliktfreie Integration dieser Mannschaften in den organisierten deutschen Fußball. Türkische Mannschaften dominierten bald die Zahl der ausländischen Mannschaften im Ruhrgebiet, und in der Saison 2009/10 spielten hier fünfzig türkische Klubs.[28] Sukzessive wich im Verband und in der Öffentlichkeit die Reserve gegenüber den "ethnischen" Klubs, ihre Brückenfunktion im Integrationsprozess und ihre sozialpräventiven Aufgaben wurden wertgeschätzt.[29]

Die Mehrheit der männlichen Migranten im Ruhrgebiet kickten jedoch in deutschen Vereinen,[30] und erstaunlich bleibt in der Phase des fortschreitenden Einbürgerungsprozesses der Zuwanderer seit dem Ende der 1990er Jahre die späte Integration besonders von Spielern mit türkischer Migrationsbiografie in den deutschen Elitefußball. Im Prinzip illustriert diese Bestandsaufnahme die These, dass Einbürgerung nicht gleich Integration ist. Denn am Beispiel der im Ruhrgebiet aufgewachsenen und ausgebildeten Spieler Nuri Şahin sowie der Brüder Hamit und Halil Altintop,[31] die für die türkische Nationalmannschaft optierten, und dem Gegenbeispiel der aus Gelsenkirchen stammenden Fußballer Mesut Özil[32] und Ilkay Gündogan, die für das deutsche Team antraten, zeigt sich die Zerrissenheit der türkischen Minderheit in Deutschland. Für die Fans in der türkischen Community war die Lage eindeutiger: Bei einer Umfrage unter Fußballfans nach ihrem favorisierten Klub votierten im Jahre 2008 39,0 Prozent für Galatasaray Istanbul, 29,6 Prozent für Fenerbahçe Istanbul und 9,1 Prozent für Beşiktaş Istanbul. Schalke 04 landete mit 4,3 Prozent weit abgeschlagen dahinter, Borussia Dortmund brachte es auf 2,3 Prozent, aber beide Ruhrgebietsvereine lagen immerhin noch vor Bayern München mit 2,2 Prozent.[33]

Der Gelsenkirchener Özil, dessen Großväter als Zechenarbeiter aus der türkischen Kohleregion um Zonguldak Mitte der 1960er Jahre zugewandert waren, avancierte indessen bis zu seinem Rücktritt im Sommer 2018 zum Modell einer gelungenen Integration und wurde 2010 durch einen Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine des Berliner Olympiastadions in dieser Rolle bestätigt und nobilitiert.[34] Das Ruhrgebiet kann so bis heute durch die lange Zuwanderungsgeschichte verknüpft mit der Zivilreligion Fußball als Beispiel für die – wenn auch nicht konfliktfreie – sozial-kulturelle Kreativität in ethnisch-heterogenen Erfahrungsräumen gelten. Dies betrifft den Elitefußball wie den Amateursport, letzterer symbolisch präsentiert durch Mesut Özils Bruder Mutlu, der lange für Firtina Spor 95 Gelsenkirchen in der Kreisliga B auflief, und Ilkay Gündogans Bruder Ilker, der für Blau-Weiß Gelsenkirchen in der Kreisliga A die Fußballschuhe schnürte.

Von Lore Karlowski zu Fatmire Alushi: Frauenfußball und Migration im Revier

Die Entwicklung des Frauenfußballs im Ruhrgebiet wurde massiv durch das bis 1970 bestehende Verbot durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) behindert. Trotz dieser Diskriminierung existierten schon in den 1950er Jahren Frauenfußballmannschaften im Revier, die den Stamm für eine inoffizielle Nationalmannschaft bildeten, die bis 1963 70 "Länderspiele" austrug. Protagonistinnen des Frauenfußballs im Revier waren die "Nationalspielerinnen" Brunhilde Zawatzky von Fortuna Dortmund und Lore Karlowski von Kickers Essen, die beide aus Zuwandererfamilien stammten. Der Vater von Lore Karlowski mit masurischer Migrationsbiografie arbeitete als Bergmann auf der Zeche Nordstern.[35] Die Frauen aus der "neuen" Migration, darunter Flüchtlinge aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg, mussten nicht mehr mit den patriarchalischen Vorstellungen des DFB kämpfen. Im Verband hatten sich inzwischen Kräfte durchgesetzt, die den Frauenfußball sogar als "Überlebenschance für die Vereine" sahen. [36] Hindernisse resultierten eher aus den Traditionen agrarischer Gesellschaften, die die gesellschaftliche Rolle der Frau ähnlich vormodern wie der alte DFB definieren.[37] Vorbild und Modellfall einer Emanzipation aus diesem Umfeld ist die Nationalspielerin Fatmire Alushi, 1988 als Fatmire Bajramaj im Kosovo in einer albanischen Familie geboren und 1992 mit ihrer Familie vor den serbischen Übergriffen gegen Muslime unter Lebensgefahr nach Remscheid geflohen. [38] Sie spielte für den FCR 2001 Duisburg, dann für den 1. FFC Turbine Potsdam, für den 1. FFC Frankfurt und für Paris Saint-Germain. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde sie Weltmeisterin (2007), zweifache Europameisterin (2009, 2013) und Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. 2011 wurde Alushi "Fußballerin des Jahres" in Deutschland und spielte, mehrfach ausgezeichnet, im Grunde die Rolle für den Frauenfußball, die Mesut Özil bis 2018 für den Elitefußball der Männer als Beispiel gelungener Integration vorlebte. Die Fußballerin äußerte sich dabei kritisch zur Rolle eines orthodoxen Islam für eine Karriere im Sport.[39]

Schluss: Vom Selbstbild einer Region

Das von der Montanindustrie bestimmte Ruhrgebiet war während des "Zeitalters der Kohle"[40] eine Einwandererregion, die zuerst von polnisch und masurisch sprechenden Menschen, dann von Vertriebenen und Flüchtlingen, schließlich in der Zeit der "Gastarbeiter" von Arbeitern aus den Anrainerstaaten des Mittelmeerraums, besonders von türkischen Migranten, bestimmt wurde, ein heterogener ethnoscape par excellence. Die Vereinskultur des Fußballs im Revier wurde seit dem Ersten Weltkrieg stark von den Zuwanderern geprägt. Eine Ausstellung in Essen, die sich 2015 dem Thema widmete, hat mit ihrem Titel "Von Kuzorra zu Özil" zu Recht dieser historischen Evidenz das Sigel aufgedrückt.[41] In der Selbstreflexion des Reviers in Museen, wissenschaftlicher und populärer Publizistik sowie Politikerstatements beziehungsweise Äußerungen von Vereinspräsidenten spielt die multikulturelle Zusammensetzung von Spielern, seit einiger Zeit auch Spielerinnen, in der Regel keine Rolle. Hier überwiegt deutlich der Rekurs auf das Arbeitsethos der Bergleute und die bergmännisch bestimmte Kultur. Dies gilt nicht nur für die Innenperspektive, sondern auch für den Blick von außen. Als der FC Schalke 04, das Paradebeispiel einer multikulturellen Mannschaft schon seit den 1920er Jahren, 1997 den UEFA-Cup gewann, galt die Mannschaft der "Süddeutschen Zeitung" aus München als "Malocherbrigade" und "Arbeiterklub".[42] Trainer der Mannschaft war der Niederländer Huub Stevens, Torschützenkönig des Turniers der Schalker Marc Wilmots, ein Belgier.

Fußnoten

25.
Vgl. ebd., S. 962.
26.
Zahlen und weitere Belege bei Diethelm Blecking, Polish Community before the First World War and Present-Day Turkish Community Formation – Some Thoughts on a Diachronistic Comparison, in: John Belchem/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Irish and Polish Migration in Comparative Perspective, Essen 2003, S. 183–197, hier S. 190ff.
27.
Vgl. Ole Merkel, Verbandspolitik im Wandel. Der Umgang mit zugezogenen Menschen seit der Zeit der Gastarbeiter, in: Osses (Anm. 9), S. 107–115, hier S. 108.
28.
Vgl. Daniel Huhn/Hannes Kunstreich/Stefan Metzger, Türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und in Berlin, Münster 2011, S. 145f.
29.
Vgl. Merkel (Anm. 27), S. 110ff.
30.
Da Statistiken die Nationalität nicht ausweisen, lassen sich keine belastbaren quantitativen Aussagen machen.
31.
Zu Şahin und Hamit Altintop vgl. Schulze-Marmeling (Anm. 2), S. 30. Zu Halil Altintop siehe "Warum sollte ich nur Döner essen?" – Halil Altintop im Gespräch mit Ronny Blaschke, in: Diethelm Blecking/Gerd Dembowski, Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland, Frankfurt/M. 2010, S. 38–42.
32.
Vgl. "Die türkischen Fans respektieren meine Entscheidung". Mesut Özil im Gespräch mit Mike Glindmeier, in: ebd., S. 69ff.
33.
Vgl. Blecking (Anm. 23), S. 964.
34.
Vgl. Mesut Özil, Die Magie des Spiels. Und was du brauchst um deine Träume zu verwirklichen, Köln 2017, S. 33ff. Die Diskussion um die symbolische oder tatsächliche Rolle Özils beim Scheitern der deutschen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in Russland 2018 wird bei Schulze-Marmeling (Anm. 2) diskutiert. Vgl. Diethelm Blecking, Fußball und Migration in Deutschland, in: Schulze-Marmeling (Anm. 2), S. 161–178, hier S. 170ff.
35.
Vgl. Vanja Mandic, Frauenfußball und Migration im Ruhrgebiet. Von Emanzipationshebeln, Wiederholungen und einer anderen Geschichte, in: Osses (Anm. 9), S. 127–135; dies., Lore Barnhusen, geborene Karlowski. Nationalspielerin trotz Verbots, in: ebd., S. 154f.
36.
So der DFB-Präsident Theo Zwanziger, zit. nach Mandic (Anm. 35), S. 132.
37.
Für eine differenzierte Sicht vgl. das Interview mit der Filmemacherin Aysun Bademsoy, die mehrere Dokumentarfilme über migrantischen Frauenfußball gedreht hat: Doppelt benachteiligt? Die türkischen Mädchen nahmen sich einfach den Platz. Aysun Bademsoy im Gespräch mit Gerd Dembowski, in: Blecking/Dembowski (Anm. 31), S. 111–118.
38.
Vgl. Vanja Mandic, Fatmire Alushi. Vom Flüchtling zur Weltmeisterin, in: Osses (Anm. 9), S. 194f.
39.
Vgl. Mandic (Anm. 35), S. 134. Ursula Zender geht der Frage nach, warum der Organisationsgrad türkisch-muslimischer Migrantinnen im Sport im Allgemeinen so gering ist. Vgl. Ursula Zender, Sportengagements türkisch-muslimischer Migrantinnen. Der Einfluss von Kultur, Religion und Herkunftsfamilie, Wiesbaden 2018.
40.
Vgl. den Katalog zur Ausstellung auf Zeche Zollverein Franz-Josef Brüggemeier/Michael Farrenkopf/Heinrich Theodor Grütter (Hrsg.), Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte, Essen 2018.
41.
Für das Begleitbuch zur Ausstellung vgl. Osses (Anm. 9).
42.
Vgl. Stefan Goch, Zwischen Mythos und Selbstinszenierung: Fußball im Ruhrgebiet und das Image der Region, in: Westfälische Forschungen 2013, S. 103–118, hier S. 113.
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