Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Jörg Bogumil
Rolf G. Heinze

Von der Industrieregion zur Wissensregion. Strukturwandel im Ruhrgebiet

Mit dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus im September 2018 endete eine Ära von 150 Jahren Industriegeschichte mit außerordentlichen Wohlstandsgewinnen, aber auch erheblichen Eingriffen in die Naturlandschaft. Für viele Menschen im Ruhrgebiet ist dies kein besonderes Ereignis mehr, da der Rückzug des Steinkohlenbergbaus sich schon lange hinzieht.

Das Ruhrgebiet wurde durch einen Wachstumskern rund um Kohle und Stahl nachhaltig geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die alten Montanstrukturen aufgrund der herausragenden Bedeutung der Grundstoffindustrie für den Wiederaufbau Europas und des Kohlemangels wieder errichtet und das Ruhrgebiet zum schwerindustriellen Zentrum Deutschlands. Zunächst erzielten die Montanunternehmen Wachstumsraten, die deutlich über dem bundesrepublikanischen Durchschnitt lagen, was sich wiederum positiv auf die Lohnentwicklung in der Region auswirkte. Ein hohes Lohnniveau verfestigte aber die sektoralen Strukturen, Nicht-Montanbranchen siedelten sich in anderen westdeutschen Regionen an. In den 1960er Jahren endete die Wachstumsphase des Montansektors, schon seit den 1950er Jahren gibt es Zechenstilllegungen, und die wirtschafts- und beschäftigungspolitische Bedeutung von Kohle und Stahl ging seitdem massiv zurück. Allerdings erschwerten die Dominanz der altindustriellen Montanstrukturen und ihre Beharrungskräfte den Strukturwandel.

Beschäftigungsaufbau wurde seit den 1960er Jahren zunächst vor allem im Bildungs- und Wissenschaftsbereich sowie in der Automobilindustrie (vor allem Opel) realisiert. Seit den 1990er Jahren wurde der Strukturwandel forciert und verstärkt auch Bereiche der mittelständischen Produktionswirtschaft ins Auge gefasst. Heute gibt es neue wirtschaftliche Standbeine und "Leitmärkte" in der Logistik, Chemie und Gesundheitswirtschaft, aber auch im Bereich der digitalen Kommunikation, Ressourceneffizienz, Informations-, Nano- und Werkstofftechnologien.[1]

Abb 1: Anzahl von Bergbaubeschäftigten (Kohle) und Studierenden im RuhrgebietAbb 1: Anzahl von Bergbaubeschäftigten (Kohle) und Studierenden im Ruhrgebiet
Besonders deutlich wird der Strukturwandel im Ruhrgebiet beim Vergleich der Bergbaubeschäftigten und der Studentenzahl. Während im Ruhrgebiet 1960 noch 400.000 Beschäftigte im Steinkohlenbergbau arbeiteten, sind es Ende 2018 nur noch einige wenige (Abbildung 1), die sich vor allem um die Sicherung der Grubenwässer kümmern. Studenten gab es damals nicht. Die erste Universität, die Ruhr-Universität Bochum, wurde 1962 gegründet; 1965 wurde der Lehrbetrieb aufgenommen. Heute gibt es im Ruhrgebiet gut 270.000 Studenten in fünf Universitäten, einer Kunsthochschule und 13 weiteren Hochschulen sowie über 30.000 Beschäftigte in den Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. Das Ruhrgebiet hat inzwischen europaweit die dichteste Hochschullandschaft.

Die Debatte um den Strukturwandel an der Ruhr hat sich mittlerweile gedreht. Prägten jahrzehntelang Schlagzeilen über hohe Dauerarbeitslosigkeit, Armut und Verödung städtischer Räume den Diskurs, gibt es mittlerweile auch viele positive Nachrichten. Der wirtschaftliche Aufholprozess setzt sich fort, nachhaltige Strategien zur ökologischen Umgestaltung und der integrierten Stadtentwicklung werden mehr und mehr zum Thema[2] und die Hochschulen zum Treiber der Stadtentwicklung. Wir werden auf diese Aspekte im Folgenden eingehen.

Wirtschaftlicher Aufholprozess und ökologische Umgestaltung

Der wirtschaftliche Aufholprozess setzt sich fort. Es gibt wirtschaftliche Kerne mit hoher Spezialisierung und internationaler Sichtbarkeit, wie beispielsweise in den Feldern Gesundheitswirtschaft (mit über 330.000 Beschäftigten), digitale Kommunikation, Logistik oder chemischer Industrie. Im Ruhrgebiet sind heute bereits über 77 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig. Für den Arbeitsmarkt im Ruhrgebiet sind sowohl der Wissenssektor als auch die Gesundheitswirtschaft/sozialen Dienste bedeutsam geworden.[3] Die Dienstleistungslücke ist nicht nur geschlossen, Jobs entstehen mehrheitlich im tertiären Sektor beziehungsweise in "gemischten" Strukturen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat sich weiter erhöht, dennoch hinkt das Ruhrgebiet bei einigen zentralen Wirtschaftsindikatoren weiter hinterher.
Abb 2: Arbeitslosenquoten in der Metropole Ruhr in ProzentAbb 2: Arbeitslosenquoten in der Metropole Ruhr in Prozent
So liegt in einzelnen Städten, insbesondere im nördlichen Ruhrgebiet, die Erwerbslosigkeit noch immer deutlich über dem Landes- und Bundesdurchschnitt.[4] Betrug die Erwerbslosigkeit 2005 bundesweit durchschnittlich 11,7 Prozent, sind es 2018 nur noch 5,3 Prozent. Im Ruhrgebiet ist sie von über 14 Prozent 2005 auf nunmehr 8,7 Prozent (November 2018) zurückgegangen (Abbildung 2).

Der tertiäre Sektor ist nicht der alleinige Wachstumsträger, da viele Dienstleistungen weiterhin an industrielle Aktivitäten gekoppelt sind. Gerade anhand der Digitalisierung wird die wechselseitige Durchdringung deutlich (etwa digitale Gesundheits- und Wohntechnologien, urbanes Bauen und Wohnen sowie Logistik). Nachhaltige Produktentwicklungen und damit auch Beschäftigung entstehen immer häufiger an Schnittstellen verschiedener Kompetenzfelder. Dabei ist es uninteressant, ob neue Tätigkeiten dem Industrie- oder Dienstleistungssektor zugeordnet werden, der Strukturwandel hat diese Sichtweise längst überholt. Ob Volkswagen Infotainment mit über 400 Beschäftigten in Bochum zum Dienstleistungs- oder Industriesektor gehört, ist nebensächlich. Wichtig ist, dass sich kreative Unternehmen in Kooperation mit Wissenschaftseinrichtungen im Ruhrgebiet ansiedeln.

Im Bereich der ökologischen Umgestaltung des Ruhrgebiets sind insbesondere die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) und der Emscherumbau zu nennen. Letzerer zielt auf eine ökologische Umgestaltung des Flusses. Hier hat die Emschergenossenschaft in den vergangenen 20 Jahren etwa 4,5 Milliarden Euro verbaut: Es wurden vier dezentrale Kläranlagen gebaut, 429 Kilometer Abwasserkanäle neu verlegt und auf 326 Kilometern Gewässer renaturiert. 2021 wird dieses Projekt abgeschlossen sein, und die frühere "Kloake" Emscher ist vollkommen abwasserfrei, ein gigantisches Projekt ökologischer Sanierung des nördlichen Ruhrgebiets und das größte Infrastrukturprojekt Europas. Weiterhin sind Projekte zur Energie- und Ressourceneffizienz (wie etwa Innovation City) zu nennen. Seit 2009 gilt Bottrop mit der Innovation City als Best-Practice-Beispiel für Klimaschutz und zieht (als traditionelle Bergbaustadt) viele Besucher an, die sich informieren wollen, wie es hier gelingt, durch ökologische Modernisierung bis 2020 fast 40 Prozent weniger CO2 zu emittieren.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Jörg Bogumil et al., Viel erreicht – wenig gewonnen. Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet, Essen 2012; Prognos AG/InWIS, Lehren aus dem Strukturwandel im Ruhrgebiet für die Regionalpolitik, Berlin 2016; zu den Leitmärkten siehe die fortlaufende Berichterstattung durch die Business Metropole Ruhr, https://business.metropoleruhr.de«.
2.
Vgl. Franz Lehner/Hans-Peter Noll, Ruhr: Das Zukunftsprojekt, Essen 2016; Jan Polívka/Christa Reicher/Christoph Zöpel, Raumstrategien Ruhr 2035+: Konzepte zur Entwicklung der Agglomeration Ruhr, Dortmund 2017.
3.
Vgl. die Beiträge in Elke Dahlbeck/Josef Hilbert (Hrsg.), Gesundheitswirtschaft als Motor der Regionalentwicklung, Wiesbaden 2017; Rolf G. Heinze/Joachim Lange/Werner Sesselmeier (Hrsg.), Neue Governancestrukturen in der Wohlfahrtspflege, Baden-Baden 2018; Stephan Grohs/Rolf G. Heinze/Katrin Schneiders, Mission Wohlfahrtsmarkt, Baden-Baden 2014.
4.
Vgl. jüngst Klaus-Heiner Röhl et al., Die Zukunft des Ruhrgebietes. Wirtschaftliche Lage und Potenziale des größten deutschen Ballungsraumes, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln 2018.
5.
Vgl. Stefan Scheytt, Schaut auf diese Stadt!, in: Brand Eins 12/2018, S. 24–29.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Jörg Bogumil, Rolf G. Heinze für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.