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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Jörg Bogumil
Rolf G. Heinze

Von der Industrieregion zur Wissensregion. Strukturwandel im Ruhrgebiet

Die lange Transformation zu einer Wissensregion

Der Wandel des Produktionssystems in Richtung wissensintensiver Sektoren spiegelt sich gut in den verschiedenen Hochschulen der Region wider. Das Ruhrgebiet ist damit auf dem Weg, von der Region mit dem "Pulsschlag aus Stahl" zur Wissensregion, in der es viele Hochschulen, Forschungs- und Beratungseinrichtungen gibt. Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind eine Grundbedingung für kreative Wissensnetzwerke, allerdings sind sie autonome Organisationen mit spezifischen Kulturen und müssen deshalb sensibel in regionale Innovationsstrategien eingebaut werden. Dies wurde 2018 auch vom Wissenschaftsrat klar formuliert.[6]

Das Vorhandensein von Hochschulen und Forschungseinrichtungen allein reicht nicht aus, um alle Standorte im Ruhrgebiet erfolgreich neu zu positionieren, wenngleich manche Neuansiedlungen die Potenziale des Ruhrgebiets gut demonstrieren können – etwa die Ansiedlung des Bosch-Tochterunternehmens Escrypt in Bochum auf dem Gelände des ehemaligen Opelwerkes, die darauf hinweist, wie wichtig die wissenschaftliche Infrastruktur für die Ansiedlung neuer Unternehmen ist, in diesem Fall das an der Ruhr-Universität profilierte Thema IT-Sicherheit.[7] Die erfolgreiche Fokussierung auf Sicherheit im Internet als ein Zukunftsprojekt wird auch dadurch unterstützt, dass Ende 2018 die Ansiedlung eines neuen Max-Planck-Institutes für Cybersicherheit und Schutz der Privatsphäre in Bochum verkündet wurde. Deshalb sollte weiterhin an der Profilierung von Zukunftsprojekten gearbeitet und eine Strategie der Förderung des Wissensaustausches an den Schnittstellen verwandter Kompetenzfelder verfolgt werden (etwa im Feld der Mobilität oder der Energieeffizienz) – was inzwischen auch ansatzweise in vielen Ruhrgebietskommunen passiert. Insbesondere an den Übergängen werden weitaus bedeutendere systemische Innovationen hervorgebracht als in ihren Kernen, wenngleich auch dort durch die Digitalisierung ein Restrukturierungsbedarf (gerade für kleinere und mittelgroße Unternehmen) entsteht. In Zukunft werden immer mehr qualitativ hochwertige, auf die Kundenwünsche zugeschnittene sowie durch Wissensintensität gekennzeichnete Produkte, eingebettet in eine Fülle von Dienstleistungsangeboten, zu einem Charakteristikum der Wirtschaft werden.

Der Begriff "Wissensregion" impliziert jedoch mehr als Wissenschaftsregion, die zentral auf die Ausbildungs- und Forschungskapazitäten in Hochschulen und Forschungseinrichtungen zielt. Das Wachstumspotenzial der Wissenschaft soll durch eine aktivierende Standortpolitik und offensive Unternehmensstrategien ausgeschöpft werden, bei denen es nicht mehr zuerst um die kostengünstigere Herstellung des Herkömmlichen gehen kann. Ziel soll vielmehr die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen sein. Um aus Wissen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen, kommt es darauf an, relevante Wissensbestände zu identifizieren, sich diese anzueignen, miteinander in Netzwerken zu verknüpfen, dann zu Problemlösungen zusammenzuführen und sie für die Anwendung bereitzustellen und umzusetzen. Diese anspruchsvolle Aufgabe wird jedoch schwieriger dadurch, dass durch die Globalisierungs- und Digitalisierungsschübe der Zeitdruck für die Herstellung neuer Produkte und Dienstleistungen enorm gewachsen ist.

Die Gründungsintensität im Ruhrgebiet ist allerdings sowohl in den innovationsstarken Wirtschaftsbereichen als auch insgesamt gegenüber dem Landes- und Bundesdurchschnitt schwächer ausgeprägt. Trotz politischer Bemühungen seit Mitte der 1980er Jahre konnte die Region diesen Rückstand bislang noch nicht kompensieren. Zwar gibt es hinsichtlich der Quantität inzwischen eine hohe Dichte an Innovations-, Technologie- und Gründerzentren sowie entsprechende Beratungsangebote, aber die Ausgründungsquote aus Hochschulen und damit auch die regionalökonomischen Effekte der Wissenschaftslandschaft sind noch immer vergleichsweise gering.

Expansion des Gesundheitssektors

Es waren nicht die industriellen Sektoren, die in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich für die Schaffung vieler Arbeitsplätze im Ruhrgebiet waren, sondern vor allem gesundheitsbezogene Branchen haben den Strukturwandel geprägt und die Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur fortgesetzt. Die Spannbreite reicht von der ambulanten und stationären Versorgung (dem traditionellen Gesundheitswesen) über die Medizintechnik und die Gesundheitshandwerke bis hin zum Servicewohnen für pflegebedürftige Menschen oder der Medical Wellness. Inzwischen arbeiten im Ruhrgebiet knapp 330.000 Menschen in der Gesundheitswirtschaft, das sind rund 19,5 Prozent aller Erwerbstätigen – mehr als der Anteil aller Beschäftigten in den industriellen Kernen. Für die Wirtschaft des Ruhrgebiets haben die Gesundheitsbranchen eine über dem Bundes- und Landesdurchschnitt liegende hohe Dynamik, und die Gesundheitswirtschaft ist ein heimlicher "Gewinner" des Strukturwandels.

Das Thema "Gesundheit" wird immer wichtiger, erst recht in der alternden Gesellschaft. An der Debatte um Digitalisierung zeigt sich zudem, dass Gesundheitsthemen eines der bedeutsamsten Anwendungsfelder für High-Tech-Lösungen sind – von Big Data über die Nanotechnik bis hin zu den Biotechnologien. Am Beispiel der Gesundheitswirtschaft kann auch die weit verbreitete These aus der Innovationsforschung belegt werden, dass es nicht mehr die relativ isolierten Schlüsselakteure sind, die kurzfristig neuen Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, sondern vielmehr die Verknüpfung von Akteuren immer zentraler wird. Gerade regionale Innovationsprozesse verlaufen nur dann erfolgreich, wenn die Steuerung von heterogenen Netzwerken in einem räumlichen und sozialen Kontext gelingt, was erhebliche organisatorische Lernprozesse von den Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik verlangt.[8] Man kann von einem "neuen" Strukturwandel sprechen, der sich durch eine wachsende Bedeutung hybrider Wertschöpfungsnetzen auszeichnet und deshalb nicht mit den Instrumenten des "alten" Strukturwandels im Sinne rigide getrennter Handlungsfelder von Politik und Unternehmen zu bewältigen ist. Nur mit integrierten Konzepten und einer strategischen Intensivierung der Wissensströme zwischen den verschiedenen Akteuren auf regionaler Ebene können die Herausforderungen gemeistert werden. Dies gilt insbesondere für eine traditionell industriell ausgerichtete Region wie dem Ruhrgebiet.

Fußnoten

6.
Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu regionalen Kooperationen wissenschaftlicher Einrichtungen, Köln 2018.
7.
Bis 2023 werden auf dem ehemaligen Opel-Gelände insgesamt etwa 6.000 Arbeitsplätze entstehen; das sind doppelt so viele wie zum Zeitpunkt der Schließung der Opelwerke, davon etwa 3.300 mit unmittelbarem Bezug zur Universität.
8.
Vgl. die Beiträge in Rasmus C. Beck/Rolf G. Heinze/Josef Schmid (Hrsg.), Zukunft der Wirtschaftsförderung, Baden-Baden 2014; Rasmus C. Beck/Josef Schmid, Regionale Modernisierungspolitik, in: Fabian Hoose/Fabian Beckmann/Anna-Lena Schönauer (Hrsg.), Fortsetzung folgt. Kontinuität und Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, Wiesbaden 2017, S. 139–154.
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