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Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Jörg Bogumil
Rolf G. Heinze

Von der Industrieregion zur Wissensregion. Strukturwandel im Ruhrgebiet

Lebensqualität als Standortfaktor

In einer globalen Wissensgesellschaft hängt die Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsstandortes davon ab, wie attraktiv er sich als Wohnstandort präsentiert. Wenn die Attraktivität des direkten Lebensumfeldes der Bewohner einer Region sinkt, kann dies die wirtschaftliche Entwicklung hemmen. Zum einen gestaltet es sich schwieriger, die von den bestehenden Unternehmen benötigten qualifizierten Ausbildungskandidaten, Fachkräfte und auch Akademiker für eine Arbeit in der Region zu gewinnen. Und zum anderen kann dies auch für die Ansiedlung neuer Unternehmen zu einem dauerhaften Problem werden. Für das Ruhrgebiet ist der im Vergleich zu anderen großstädtischen Ballungsgebieten immer noch niedrige Anteil an Hochqualifizierten somit auch ein Ausdruck für die zuweilen nicht ausreichende Standortattraktivität für diese Arbeitskräfte. Im Hinblick auf die Anforderungen an Arbeits- und Lebensbedingungen von gut qualifizierten Beschäftigten aus der gesellschaftlichen Mitte sind dem Ruhrgebiet zum Teil immer noch Defizite und Imageprobleme zu attestieren.

Abb 3: Liquiditätskrise im Kernhaushalt am 31.12.2016 in Euro je EinwohnerAbb 3: Liquiditätskrise im Kernhaushalt am 31.12.2016 in Euro je Einwohner
Ein Problem in diesem Zusammenhang ist die mangelnde finanzielle Handlungsfähigkeit mancher Städte und Gemeinden (Abbildung 3). Seit 2000 ist für die Ruhrgebietskommunen ein ungebremstes Wachstum der Liquiditätskredite (vormals Kassenkredite) zu konstatieren (ähnlich in Kommunen mit strukturellen Altlasten vor allem in Nordrhein-Westfalen, Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz). Liquiditätskredite sind im Grunde genommen nichts anderes als ein überzogenes Girokonto oder ein Dispokredit, dem keine Werte gegenüberstehen. Sie sind daher ein guter Indikator für die strukturelle Verschuldung im Ruhrgebiet. Dieses Schuldenwachstum hat sich entkoppelt von der Wirtschaftskonjunktur und der Lage in den übrigen nordrhein-westfälischen Kommunen (mit Ausnahme des ebenfalls hoch verschuldeten bergischen Städtedreiecks und einiger weiterer kreisfreier Städte). Mit 3049 Euro je Einwohner entsprachen die Liquiditätskredite 2017 im Ruhrgebiet mehr als dem Sechseinhalbfachen des Durchschnitts der übrigen westdeutschen Flächenländer (453 Euro/Einwohner) und mehr als dem Zehnfachen der ostdeutschen Flächenländer (250 Euro/Einwohner). 30,2 Prozent der gesamtdeutschen Liquiditätskredite der kommunalen Kernhaushalte entfielen auf das Ruhrgebiet.

Seit 2002 erfolgte ein fast linearer Anstieg bis 2012. Ein wesentlicher Auslöser war der massive Einbruch der Steuereinnahmen 2001 bis 2003 bei gleichzeitig stark steigenden Sozialausgaben, die von den ausgezehrten Haushalten der Ruhrgebietskommunen kurzfristig nicht aufgefangen werden konnten. Der steile Schuldenanstieg rief Folgekosten in Form von Zinsen hervor. Seit 2012 flacht der Anstieg immer stärker ab vor dem Hintergrund des von der letzten Landesregierung aufgelegten Stärkungspaktes Stadtfinanzen, aber auch der guten Einnahmenentwicklung aus Steuern und Schlüsselzuweisungen sowie erhöhten Kostenbeteiligungen des Bundes bei den Sozialausgaben. Hätte man 2017 mit der Tilgung dieser Kredite begonnen und dafür 10 Euro je Einwohner eingesetzt würde es dennoch bis zum Jahr 2321 dauern, die Überziehungskredite abzulösen. [9] Hieran erkennt man die Notwendigkeit einer Altschuldenentlastung, die für die Ruhrgebietskommunen die wichtigste Strukturförderungsmaßnahme wäre. Hier sollte die jetzige Landesregierung aktiv werden, ähnlich wie dies auch schon in Hessen, dem Saarland und in Rheinland-Pfalz praktiziert wird. Zudem ist der Bund hier in die Pflicht zu nehmen, da 15,9 Milliarden Euro Liquiditätskredite im Ruhrgebiet schwerlich alleine vom Land bewältigt werden können.

Ein weiteres, schon bekanntes, aber immer noch virulentes Problem sind die nach wie vor vorhandenen Segregationseffekte im Ruhrgebiet. [10] Viele Stadtteile, die ursprünglich gemischt belegt waren, entmischen sich über die Zeit, was objektive Gründe (den Wohnungsmarkt) und subjektive Gründe (symbolische Identifikation) hat. Diese Entwicklungen sind in allen Großstädten zu beobachten. Es gibt Viertel, in denen junge Menschen und Familien die Mehrheit, und andere, in denen sie die Minderheit der Haushalte darstellen. Einwanderer ziehen in der Regel dorthin, wo schon andere Einwanderer gleicher Herkunft leben. Im Vergleich zu anderen Großstädten in Nordrhein-Westfalen leben aber im Ruhrgebiet überdurchschnittlich viele Menschen in Stadtteilen, in der ethnische, demografische und soziale Segregation kumuliert auftreten. Soziale Fragmentierung führt zu sozialer Exklusion und Rückzugsverhalten. Diese Probleme sind mittlerweile erkannt, aber nicht immer leicht abzustellen. Der wichtigste Einflussfaktor sind Investitionen in Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabechancen. Benachteiligte Sozialräume müssen und werden bereits zum Teil besonders gefördert nach dem Motto "Ungleiches muss ungleich behandelt werden", allerdings gibt es hier noch einiges zu tun.

Zukunftsvision für das Ruhrgebiet: die ökologisch umgestaltete Wissensregion

Verschiedene Beispiele aus anderen Regionen zeigen, dass der Strukturwandel besser bewältigt wird, wenn der Wandel durch eine "Change Story" unterstützt wird. Daran mangelt es derzeit noch etwas im Ruhrgebiet. Nach dem Industriezeitalter hat sich zwar eine Wissenschaftslandschaft aufgebaut, der Umbruch wird aber noch zu wenig von überzeugenden Zukunftsentwürfen begleitet. Eine ökologisch umgestaltete Wissensregion, wie oben angedeutet, könnte ein solcher Entwurf sein. Hierzu braucht es weitere mutige Schritte in diese Richtung und noch mehr Kooperation zwischen Kommunen, Hochschulen, Forschungsinstituten und Unternehmen. So sollte die regional oft unübersichtliche Palette an kleineren Technologiezentren, Transferstellen und Beratungseinrichtungen im Umkreis von Universitäten und Hochschulen überprüft und daraufhin relativ rasch Maßnahmen zur effizienzorientierten Bündelung dieser Einrichtungen eingeleitet werden. Denn um eine regionale Kooperationskultur auch außen wirksam zu etablieren, spielt die transparente Organisationsstruktur von Netzwerken und deren Akteuren eine wichtige Rolle. Ohne eine Modernisierung dieser Organisationsformen sind die Herausforderungen schwer zu meistern.

Zudem gewinnen neben den harten die weichen Standortfaktoren in letzter Zeit immer mehr an Bedeutung im Wettbewerb der Regionen. Das direkte Lebensumfeld, die Wohnangebote, aber auch die umliegenden Naherholungsgebiete und die Natur spielen hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das Ruhrgebiet hat frühzeitig die Weichen auf Wandel gestellt und die negativen Altlasten der Montanindustrie nach und nach beseitigt. Die IBA Emscher Park ist nur ein gutes Beispiel, das verdeutlicht, wie erfolgreich der Wandel des Ruhrgebiets als postmontaner Wohn- und Lebensraum verlaufen ist. Hier zeigt sich paradigmatisch ein nachhaltiger, ökologischer Umbau einer traditionellen Industrielandschaft. Dies lässt sich auch an der Renaturierung der Emscher studieren. Die dadurch gewonnene höhere Lebensqualität lässt sich an vielen Orten im Ruhrgebiet beobachten, wo die Renaturierung bereits abgeschlossen ist. Gerade vor dem Hintergrund der ökologischen und demografischen Herausforderungen und Erschöpfungssymptomen bei den traditionellen politischen Institutionen wird der Stärkung der Selbstorganisationsfähigkeit und Eigenverantwortung auf lokaler Ebene eine große Bedeutung beigemessen.

Auch die Quartiersorientierung ist wichtig, wenn sichtbare Verbesserungen der Lebenssituation der Menschen im Ruhrgebiet erzielt werden sollen. Das Quartier ist eine Handlungsebene, die losgelöst von "abstrakten" Programmen, die nicht selten für einen Großteil der Bevölkerung (insbesondere in benachteiligten Quartieren) eher unsichtbar sind, direkte Verbesserungen und Aufwertungen für die Bewohner nach sich ziehen. Mit einer "reflexiven" Architektur, die bauliche und infrastrukturelle Elemente mit sozialen Technologien der Gemeinschaftsbildung modellhaft verknüpft, können attraktive Lebensräume gestaltet werden, die sowohl für junge Menschen und Familien als auch für ältere, an Sicherheit orientierte Menschen interessant sind. Um eine offensive Standortpolitik zu etablieren, kommt es zentral darauf an, sie nicht als reaktiv gegenüber Problemlagen zu begreifen, sondern als Hebel für konstruktive und kreative Gestaltungsmöglichkeiten zu verstehen.[11]

Die Wissensinfrastruktur ist im Ruhrgebiet inzwischen weitgehend vorhanden, und auch spezifische Kompetenzfelder haben sich herauskristallisiert. Eine funktionale Differenzierung[12] zwischen den Städten und Branchen wird zunehmend akzeptiert, und das Kirchturmdenken geht, wenn auch langsamer als erhofft, zurück. Zukünftig wird es darauf ankommen, die Projekte zur Energie- und Ressourceneffizienz und insgesamt zur ökologischen Umgestaltung der Region strategisch effizienter in Konzepte der Stadtentwicklung einzubetten. Es wird darauf ankommen, ob eine Vermittlung zwischen den Organisationskulturen der einzelnen Akteure (von den Unternehmen, den Hochschulen, der Verwaltung) nicht nur verbal gelingt, sondern sich auch in funktionsfähigen Projekten und Strukturen realisiert. Zukunftsträchtige Innovationen werden nur noch dann zustande kommen, wenn Ressourcen und Potenziale aus unterschiedlichen Bereichen, Branchen und Betrieben miteinander verknüpft werden. Hier ist strategisches Management gefordert, um die heterogenen regionalen Netzwerke zu erfolgreichen "Treibern" zu formen. Dies kann in Ruhrgebietsstädten ansatzweise beobachtet werden, muss aber noch stärker kommuniziert werden.[13]

Das Ruhrgebiet ist insgesamt auf einem guten Weg, steht aber dennoch weiterhin vor großen Herausforderungen. Der Strukturwandel geht weiter in Richtung des Aufbaus einer wettbewerbsfähigen ökologischen Wissensregion.

Fußnoten

9.
Vgl. Martin Junkernheinrich/Gerhard Micosatt, Kommunalfinanzbericht Metropole Ruhr 2017. Konsolidierung schreitet voran, Tragfähigkeit noch nicht gesichert, Essen 2017, S. 32.
10.
Sebastian Jeworutzki/Jörg-Peter Schräpler/Stefan Schweers, Soziale Segregation – Die räumliche Ungleichverteilung von SGB-II-Bezug in NRW, in: Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW (Hrsg.), Sozialbericht NRW 2016. Armuts- und Reichtumsbericht, Düsseldorf 2016, S. 405–452.
11.
Ein gutes Beispiel für eine innovative Standortpolitik ist das Modellvorhaben "Problemimmobilien" der Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen, einer Tochtergesellschaft der Stadt Gelsenkirchen, die bisher über 40 "Schrottimmobilien" in schwierigen Stadtteilen aufgekauft hat, diese neu gestaltet und beispielsweise für studentisches Wohnen öffnet und die Stadtteile damit aufwertet.
12.
Funktionale Differenzierung meint die Aufteilung von Tätigkeiten, Aufgaben und Funktionen auf Personen, Organisationen, Städte und andere Einrichtungen, die sich jeweils für diese Tätigkeiten, Aufgaben und Funktionen spezialisieren. In einer funktional differenzierten regionalen Wirtschaft machen also nicht alle das Gleiche, sondern jede Stadt entwickelt für bestimmte Aktivitäten besondere Kompetenzen und günstige Rahmenbedingungen. Vgl. Bogumil et al. (Anm. 1), S. 11.
13.
Vgl. die Beiträge in Jörg Bogumil/Rolf G. Heinze (Hrsg.), Auf dem Weg zur Wissenschaftsregion Ruhr. Regionale Kooperationen als Strategie, Essen 2015.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Jörg Bogumil, Rolf G. Heinze für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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