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5.1.2004 | Von:
Lucia A. Reisch
Michael Neuner
Gerhard Raab

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland

Das Suchtmittel Kaufen

Abhängig sind die von Kaufsucht Betroffenen von einem bestimmten "Suchterleben", das ihnen das Kaufen verschafft, nämlich Anregung, Beruhigung, aber auch Anerkennung, Bestätigung und Aufmerksamkeit. Bei der Kaufsucht verschafft das Kaufen selbst diese Befriedigung. Es ist nicht primär der Besitz oder der Konsum der Güter, auch wenn der Besitz kurzfristig positive Gefühle vermitteln kann. Kaufen kann zum einen als "Tranquilizer" dienen. Der Zweck besteht dann darin, eine innere Unruhe zu betäuben und aufsteigende Depressionen oder Ängste zu unterdrücken. Zum anderen kann Kaufen als "Aufputschmittel" wirken, um aus dem als sinnlos und ermüdend empfundenen Alltag auszubrechen. Kaufen soll zu Glücksgefühlen verhelfen, die ausbleiben, wenn andere die Süchtigen nicht beachten. Man beschenkt sich selbst, um eine innere Leere zu füllen, man versucht der Realität zu entfliehen, deren Anforderungen sich die Süchtigen nicht gewachsen fühlen.

Schließlich kann Kaufen auch der Selbstbestätigung dienen. Kaufen wird als Symbol für selbständiges, kompetentes Entscheiden empfunden ("Bei den Modefarben hab' ich den siebten Sinn, die Verkäuferinnen haben doch keine Ahnung"), als Symbol für Überfluss und ein intensives Leben ("Ich stelle mir vor, Geld spielt keine Rolle; ich genieße es, als Stammkundin bevorzugt bedient zu werden"), als emotionale Unterstützung ("Einkaufen versetzt mich in Hochstimmung"), als Bestärkung einer unsicheren Identität ("Ich kaufe Sportgeräte und teure Accessoires, um meiner jungen Frau zu imponieren"). Kaufen dient auch als Ersatz für Anerkennung in anderen Lebensbereichen ("Ich bin ja sonst nichts wert"), als Schutz vor einer inneren Leere und Minderwertigkeitsgefühlen ("Als Kundin mit lockerem Scheckbuch bin ich jemand"), als Belohnung ("Da gönne ich mir etwas, wenn ich es sonst schon so schwer habe") und Trost ("Kaufen ist bei mir Partnerersatz"), alsBestätigung eigener Fantasievorstellungen. Grundlage ist meist eine unerfüllte Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Zuneigung, Respekt und Beachtung. Dies ist auch daran abzulesen, dass Kaufsucht sehr häufig mit Depressionen einhergeht.

Fast alle Kaufsüchtigen spezialisieren sich auf bestimmte Produkte und Kaufumgebungen, die für sie mit einer bestimmten Symbolik verbunden sind. Frauen scheinen sich dabei mehr auf Kleidung, Schuhe, Schmuck, Lebensmittel und Bücher zu verlegen, Männer kaufen eher technische und modische Accessoires, technische Geräte, Sportgeräte etc. Manche Kaufsüchtigen kaufen nur reduzierte Waren, bei manchen entscheidet die Gemütslage, welche Art von Produkten - und damit welche Symbole - gekauft werden. Dass die Güter jedoch nach der Kaufsituation eine untergeordnete Rolle spielen, kann daran abgelesen werden, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie erst einmal gekauft worden sind: Häufig werden sie zu Hause gar nicht ausgepackt, nicht oder nur einmal benutzt, sie werden achtlos weggeräumt, verschenkt oder aus Angst vor Vorwürfen der Familie sogar versteckt oder weggeworfen. Aus dem Katalog bestellte Waren bleiben ungeöffnet in den Paketen, an den Kleidern hängen noch die Preisschilder, Lebensmittel werden im Keller gelagert und vergessen, bis sie ungenießbar geworden sind.