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5.1.2004 | Von:
Matthias Richter
Ullrich Bauer
Klaus Hurrelmann

Konsum psychoaktiver Substanz im Jugendalter: Der Einfluss sozialer Ungleichheit

Ergebnisse der WHO-Studie "Health Behaviour in School-aged Children"

Die Autoren gehen dem Einfluss sozialer Ungleichheit auf den Konsum psychoaktiver Substanzen im Jugendalter nach. Es wird gezeigt, dass der Schultyp größeren Einfluss auf den Substanzkonsum hat als die familiäre Herkunft.

Einführung

Der regelmäßige Konsum psychoaktiver Substanzen (wie Tabak, Alkohol, Marihuana und Ecstasy) zählt zu den wichtigsten vermeidbaren Krankheitsursachen, da die derzeit dominierenden Zivilisationskrankheiten in starkem Maße von diesem Gesundheitsverhalten ebenso wie den davon ausgehenden biomedizinischen Risikofaktoren (z.B. Bluthochdruck) bestimmt werden. Die gesundheitsrelevanten Alltagsroutinen stehen in der Regel in einem direkten Zusammenhang zu aktuellen wie späteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.





Das Jugendalter stellt für den Konsum legaler und illegaler Drogen in der Regel die Schlüsselphase dar. In dieser Lebensphase kommen die Heranwachsenden zum ersten Mal mit diesen Substanzen in Berührung.[1] Dementsprechend werden teils bewusst und teils unbewusst vielfältige Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf den Konsum psychoaktiver Substanzen erprobt, erlernt, verfestigt oder auch wieder verworfen. Die überwiegende Anzahl der im Jugendalter "erfolgreich" erworbenen Verhaltensweisen und Gewohnheiten werden im Erwachsenenalter beibehalten und sind damit bestimmende Faktoren für den weiteren Gesundheitszustand. Bei einer Betrachtung des Substanzkonsums ist aber nicht nur an die langfristigen Folgen zu denken. So wird die gesundheitliche Situation bereits im Jugendalter zu einem nicht geringen Ausmaß durch das Gesundheitsverhalten bestimmt.[2] Dennoch hat der Substanzkonsum ebenso wie andere gesundheitsbezogene Verhaltensweisen für die Jugendlichen keine unmittelbare gesundheitliche Relevanz, sondern wird in Bezug auf die altersbedingt anstehenden Entwicklungsaufgaben eingesetzt.





Während über die psychosozialen Funktionen desSubstanzkonsums im Jugendalter zahlreiche Erkenntnisse vorliegen, ist nach wie vor wenig über den Einfluss sozialer Ungleichheit auf den Konsum psychoaktiver Substanzen in dieser Altersgruppe bekannt. Das Fehlen von Erkenntnissen über soziale Unterschiede im Gesundheitsverhalten und hier insbesondere im Substanzkonsum ist verwunderlich, da ihr Nachweis eine besondere Herausforderung für die Gesundheitspolitik darstellt. Kinder und Jugendliche sind den sozialen Verhältnissen, d.h. den Lebensbedingungen und Lebensumwelten, in denen sie aufwachsen, mehr oder weniger ausgeliefert. Hinzu kommt, dass inzwischen keine andere Altersgruppe stärker von Armut (als extreme Ausprägung sozialer Ungleichheit) betroffen ist als Kinder und Jugendliche.[3] Darüber hinaus sind Informationen über soziale Unterschiede im Substanzkonsum für eine zielgruppengerechte Bedarfsplanung präventiver Aktivitäten, die über die Merkmale Alter und Geschlecht hinausgeht, von eminenter Bedeutung. So ist die Kenntnis derartiger Einflussfaktoren vor allem aus ökonomischer Perspektive sinnvoll: Präventionsprogramme müssen nicht flächendeckend, sondern sollten bei speziellen (sozialen) Risikogruppen zum Einsatz gelangen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Verbreitung des Substanzkonsums im Jugendalter und dem Ausmaß der Differenzen, die sich unter verschiedenen sozioökonomischen Bedingungen ergeben, mit besonderem Nachdruck.





Im folgenden Kapitel wird ein kurzer Einblick in die Funktionen des Substanzkonsums im Jugendalter gegeben. Im Anschluss daran soll auf die Problematik einer sozial ungleichen Verteilung psychoaktiver Substanzen eingegangen werden. Danach wird die Verbreitung legaler und illegaler Drogen im frühen Jugendalter auf der Grundlage nationaler Auswertungen der internationalen Vergleichsstudie "Health Behaviour in School-aged Children" (HBSC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dargestellt. Dabei wird die Differenzierung des Substanzkonsums nach sozioökonomischen Merkmalen im Mittelpunkt stehen. Abschließend wird ein Ausblick auf die Anforderungen zeitgemäßer Präventionsbemühungen im Suchtbereich gegeben.


Fußnoten

1.
Vgl. Marcus Freitag/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Illegale Alltagsdrogen, Weinheim 1999.
2.
Vgl. Matthias Richter/Wolfgang Settertobulte, Gesundheits- und Freizeitverhalten von Jugendlichen, in: Klaus Hurrelmann/Andreas Klocke/Wolfgang Melzer/Ulrike Ravens-Sieberer (Hrsg.), Jugendgesundheitssurvey, Weinheim 2003.
3.
Vgl. Wolfgang Lauterbach/Andreas Lange, Armut im Kindesalter. Ausmaß und Folgen ungesicherter Lebensverhältnisse, in: Diskurs, 9 (1999) 1, S. 88 - 96; Sabine Walper, Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung von Kindern, in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Kindliche Entwicklungspotentiale. Normalität, Abweichung und ihre Ursachen (Materialien zum 10. Kinder- und Jugendbericht), München 1999.