Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Sharon Golan Yaron

Nur Bauhaus? Zur Moderne in Tel Aviv

Bei einer Fahrt auf dem den Ayalon Highway ins Zentrum von Tel Aviv fallen einem sofort die vielen neuen Wolkenkratzer auf, die sich aus einem Wald aus Kränen zum Himmel recken. Die Straße umschließt die historische Altstadt wie eine Art riesiger Badewannenrand. Aber auch die "Weiße Stadt", das zehn Hektar umfassende UNESCO-Weltkulturerbe in der Stadtmitte, droht im aktuellen Bauwahn verschlungen zu werden.

Tel Aviv rühmt sich, eine "globale Stadt" zu sein, eine Stadt, die niemals schläft. Sie ist geprägt vom Kontrast zwischen historischem Stadtkern und den sich fortwährend weiterentwickelnden Randgebieten, zwischen den Bemühungen, einerseits die bestehenden Strukturen zu erhalten und andererseits neue Gebäude zu errichten – was zuweilen direkt auf den Dächern der historischen Häuser geschieht. Während die historische Bausubstanz auf Straßenniveau also in ihrem jetzigen Zustand erhalten oder ihr früherer Glanz durch Restaurierungen wiederhergestellt wird, kommen einige Stockwerke darüber vollständig neue Etagen hinzu. Diese Bebauungsform ist das lokale Konzept zur Bestandserhaltung und resultiert aus dem Spannungsverhältnis, wichtige kulturelle Merkmale der Stadt erhalten zu wollen und gleichzeitig dringend benötigten Wohnraum schaffen zu müssen. Dabei ist die 110 Jahre alte Stadt bestrebt, sich dem hektischen Lifestyle Israels als "Startup-Nation" anzupassen.

Auch wenn Tel Aviv seit Langem als "Bauhaus-Stadt" gilt: Der wissenschaftlich angemessene Begriff für die Architektur der Weißen Stadt ist "Internationaler Stil", wie er bereits 1932 von dem Architekturtheoretiker Henry-Russell Hitchcock und dem Architekten Philip C. Johnson eingeführt wurde. Der Stil repräsentiert einen damals zeitgemäßen Gestaltungsansatz: Er steht für funktionelles, schnörkelloses Design, das die moderne europäische Architektur ab den 1920er Jahren zunehmend prägte und sich von dort aus weltweit verbreitete. Auf Tel Aviv bezogen brachte er das Verlangen der damals jungen Stadt zum Ausdruck, so modern wie möglich zu erscheinen. Zugleich versuchte man dort, ein neues architektonisches Umfeld zu schaffen, das einen bewussten Kontrapunkt sowohl zu den Bautraditionen der Herkunftsländer der vielen Einwanderinnen und Einwanderer als auch zum lokalen Architekturstil der Levante setzte.

Trotzdem ist "Bauhaus" zum umgangssprachlichen Synonym des Internationalen Stils in Tel Aviv geworden – nicht zuletzt, weil damit eine aussagekräftige Werbebotschaft transportiert wird, mit der sich zudem der Glanz einer realisierten Sozialutopie verbindet. Die Architektur der Stadt ist jedoch viel zu komplex, als dass sie schlichtweg als Bauhaus-Stil bezeichnet werden könnte. Sie vereint zahlreiche Theorien und Einflüsse diverser Protagonistinnen und Protagonisten der Moderne in sich. Tel Aviv hat somit vielmehr einen eigenen "glokalen" architektonischen Ausdruck gefunden: einerseits geprägt von den europäischen Einflüssen, andererseits angepasst an die gegebenen klimatischen und kulturellen Bedingungen.

Anfänge

Der Ursprung der Weißen Stadt liegt im sogenannten Geddes-Plan: 1925 beauftragten die Briten, unter deren Mandat die Region seit 1922 verwaltet wurde, den schottischen Stadtplaner Patrick Geddes damit, neue stadtplanerische Ideen in Palästina umzusetzen. Geddes schlug vor, Tel Aviv in eine Gartenstadt zu verwandeln.[1] Mit seinem ökologischen Ansatz und seinem Verständnis für das Wesen der Stadt als sich fortwährend verändernder Organismus entwickelte er einen Plan, der viele kleine Grundstücke und freistehende Gebäude vorsah. Ein Grundprinzip bestand darin, Licht und Luft in die Häuser zu lassen und die Belüftung der Straßen durch den vom Meer wehenden Wind zu gewährleisten. Entsprechend wurde das Straßennetz hierarchisch in Hauptverkehrsachsen, Wohnstraßen und Fußwege aufgeteilt.

Der visionäre Entwurf, den Geddes bis 1929 ausarbeitete, sollte mehr sein als nur ein städtebaulicher Masterplan. Er sollte ein politisches, soziales und kulturelles Werkzeug sein, das dabei helfen sollte, in einem idealen Lebensraum einen "neuen Juden" zu schaffen. Dieses "human engineering" war ein zentraler ideeller Baustein in jenen Teilen der zionistischen Bewegung, die davon träumten, eine stolze makkabäische Nation wiederaufzubauen. Sie glaubten, dieses Ziel könne unter anderem durch die Umsiedlung von Emigrantinnen und Emigranten aus den osteuropäischen Ghettos in eine gesunde, grüne Gartenstadt erreicht werden, die sich als lebenswertes Umfeld erweisen und sowohl physische als auch spirituelle Bedürfnisse befriedigen würde. Jedoch hätte sich niemand träumen lassen, dass die junge Stadt, die direkt außerhalb der Mauern der alten Hafenstadt Jaffa liegt, in so kurzer Zeit ein so massives Wachstum erfahren würde: Zwischen 1932 und 1938 – insbesondere nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 – flohen rund 200.000 europäische Jüdinnen und Juden nach Palästina. Binnen weniger Jahre verdreifachte sich die Bevölkerung von Tel Aviv bis 1938 auf rund 150.000 Einwohnerinnen und Einwohner, wodurch viele von Geddes’ ursprünglichen Entwürfen obsolet wurden.

Errichtet von Zehntausenden Einwanderern und als in Betonsilhouetten im Internationalen Stil gegossener Schmelztiegel der Kulturen hat Tel Aviv weder herausragende gebaute Ikonen noch als solche anerkannte eigenständige architektonische Bauhaus-Meisterwerke, die aus sich selbst heraus den Stil der Stadt definieren könnten. Was der Weißen Stadt ihre herausragende kulturelle Bedeutung verleiht, ist vielmehr die Verschmelzung der Gebäude mit ihrem urbanen Umfeld, mit der historischen Stadtlandschaft, die sich weit über die Grenzen des zum Weltkulturerbe erklärten Bereiches mit seinen zahlreichen unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden hinaus ausdehnt. Die Weiße Stadt inklusive ihres Umfeldes ist ein lebendiges, sich bis heute veränderndes urbanes Gefüge, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Sanddünen am Meer erhob und sich ständig weiterentwickelt – und als solches sollte sie auch verstanden werden.

Die Bauphase der Moderne währte in Tel Aviv lediglich etwa sechs Jahre, von 1931 bis 1937. Es war zugleich die Blütezeit des Internationalen Stils und der Bauhaus-Bewegung. Der Einfluss der europäischen Architektur der Zwischenkriegszeit und neue lokale Entwicklungen führten zu vielfältigen Ausformungen der Moderne, die sowohl gesellschaftliche als auch kulturelle Bedürfnisse berücksichtigten. So wurde der Internationale Stil an die örtlichen Sachzwänge angepasst, etwa an die starke Sonneneinstrahlung und das vorhandene Baumaterial.

Fußnoten

1.
Das Konzept der Gartenstadt geht zurück auf den britischen Stadtplaner Ebenezer Howard, der 1898 in Reaktion auf die durch die Industrialisierung verschlechterten städtischen Wohn- und Lebensbedingungen vorschlug, große Städte durch die Gründung angrenzender neuer Städte auf dem Lande zu entlasten. Diese Gartenstädte sollten großzügig begrünt sein und die Vorteile des Land- und des Stadtlebens miteinander verbinden.
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Autor: Sharon Golan Yaron für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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