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28.9.2006 | Von:
Ferdinand Sutterlüty

Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?

Ethnizität als "master status"

In beiden Untersuchungsgebieten dominieren negative Klassifikationen, die sich an ethnische Merkmale heften. Die ethnische Zugehörigkeit bildet sowohl in Barren-Ost als auch in Iderstadt-Süd den "master status"[6] von Personen: Deutschsein oder Nichtdeutsch- bzw. Türkischsein sind die bestimmenden Merkmale der wechselseitigen Wahrnehmung. Hinter ethnischen erscheinen andere Merkmale als sekundär oder, besser gesagt, nachgeordnet.

Die Ethnizität wirkt wie ein Filter für andere Klassifizierungen: Die Bewertung anderer Merkmale hängt von der ethnischen Zugehörigkeit des Merkmalsträgers ab. Innerhalb ethnisierender Zuschreibungen spielen andere Ungleichheitsdimensionen jedoch eine große Rolle. Bestimmte Statuspositionen erfahren erst dann eine negative Bewertung, wenn sie mit Migrantinnen und Migranten, insbesondere mit Türkinnen und Türken verbunden werden. Dies ist etwa dann der Fall, wenn der angeblich so findige, alle Möglichkeiten ausreizende Umgang von türkischen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern mit den sozialen Sicherungssystemen problematisiert wird.

Insgesamt fällt jedoch eine Häufung abwertender Zuschreibungen auf, die sich gegen türkische Aufsteiger richten. Türkische Geschäftsinhaber und Immobilienbesitzer, aber auch sich Gehör verschaffende Migrantenvertreter erregen in besonderer Weise den Argwohn ihrer deutschen Nachbarn und werden von diesen verschiedenster Vergehen gegen Moral, Anstand und Gesetz bezichtigt. Dies weist auf eine paradoxe Situation hin: Während die deutsche Bevölkerung mehr oder weniger unisono mehr Integrationsbereitschaft von ihren türkischen Nachbarn fordert, diffamiert sie gleichzeitig ausgerechnet jene, die bereits Integrationserfolge erringen konnten und denen es gelungen ist, aus dem Schatten der subalternen Marginalität ihrer als Gastarbeiter eingewanderten Vorväter herauszutreten.

Bevor dieser höchst erklärungsbedürftige Befund auf seine tieferen Ursachen hin untersucht wird, sollen nun die Inhalte negativer Klassifikationen gegen die "avancierenden Fremden"[7] dargestellt werden, um im Anschluss daran auf das ebenso wenig schmeichelhafte Bild einzugehen, das diese von ihren deutschen Nachbarn zeichnen.

Fußnoten

6.
Vgl. Everett C. Hughes, Dilemmas and Contradictions of Status, in: ders., The Sociological Eye, Chicago 1971, S. 141-150.
7.
Vgl. Jörg Hüttermann, Der avancierende Fremde. Zur Genese von Unsicherheitserfahrungen und Konflikten in einem ethnisch polarisierten und sozialräumlich benachteiligten Stadtteil, in: Zeitschrift für Soziologie, 29 (2000) 4, S. 275-293.