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28.9.2006 | Von:
Ferdinand Sutterlüty

Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?

Negative Klassifikationen und Desintegration

Wenn man sich nun fragt, inwiefern negative Klassifikationen exkludierende Folgen haben, muss man zunächst zwischen symbolischem und sozialem Ausschluss unterscheiden. Klassifikationen als solche liegen auf der symbolischen, das heißt auf der Ebene von Deutungen und Bewertungen, während sozialer Ausschluss auf der Ebene von Handlungen und Handlungsfolgen angesiedelt ist. Auf dieser Ebene lassen sich negative Klassifikationen dann als desintegrativ bezeichnen, wenn sie die materiellen Aneignungschancen einer ethnischen Gruppe einschränken, wenn sie zum Ausschluss von der Teilnahme am politischen Willensbildungsprozess führen und wenn sie der Grund dafür sind, dass sich Sozialkontakte auf Mitglieder der ethnischen Eigengruppe reduzieren. Vor dem Hintergrund eines solchen Verständnisses von Desintegration muss man weiter fragen, welches Bild von Integration an das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen berechtigterweise herangetragen werden kann. Barren-Ost und Iderstadt-Süd stellen zwei aufschlussreiche Kontrastfälle dar.

In Barren-Ost besteht eine hohe Responsivität zwischen der deutschen und der türkischen Bevölkerung: Sie nehmen einander genau wahr und reagieren auf das Handeln des jeweils anderen. Die türkischen Migranten und ihre Organisationen vertreten ihre Interessen recht vehement und kämpfen um politische Partizipation und materielle Teilhabe. Insbesondere das Agieren des Ausländerbeirats und der türkisch-islamischen Vereine lässt sich als ein Anerkennungskampf mit dem normativen Anspruch beschreiben, dass kulturelle und religiöse Differenzen positiv gewürdigt werden.[14] Sie kämpfen um die soziale Wertschätzung ihrer Lebensform und reagieren auf entsprechende Missachtungserfahrungen. Die deutsche Bevölkerung und die Funktionsträger im Stadtteil beziehen ihrerseits Stellung zu den türkischen Anliegen und Ansprüchen. Daher ist es wenig verwunderlich, dass in Barren-Ost Klassifikationskämpfe zwischen der türkischen und der deutschen Bevölkerung relativ offen ausgetragen werden. Beide Seiten adressieren die negativen Klassifikationen recht direkt aneinander: Es herrschen "public transcripts"[15] - nicht nur in der Eigengruppe, sondern auch in der Öffentlichkeit artikulierte Klassifikationen - vor.

Für diese Konstellation ist der Modus der "konfliktvermittelten Integration" prädestiniert. Diese bietet die Chance, dass der Konflikt selbst als "Vergesellschaftungsform" fungiert, indem er "Wechselwirkungen" hervorbringt und dauerhafte Austauschbeziehungen zwischen den Konfliktparteien stiftet.[16] Die vielfältigen, öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen der Moscheevereine und des Ausländerbeirats mit der deutschen Bevölkerung und ihren Entscheidungsträgern in Barren-Ost machen durchaus auf die potenzielle Integrationskraft von Klassifikationskämpfen aufmerksam. Dieser Fall zeigt vor allem fünf Dinge:

Erstens behalten die Kombattanten füreinander Relevanz und können sich nicht gleichgültig werden, solange sie miteinander im Konflikt stehen und um die Legitimität bestimmter Zuschreibungen oder um das rechte Verständnis von Integration streiten. Zweitens bieten solche Konflikte die Möglichkeit einer zumindest partiellen Korrektur der negativen Klassifikationen selbst. Drittens kann der moderierende Einfluss von universalistischen Normen nur dann eintreten und die Folgen negativer Klassifikationen mildern, wenn es zum Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen kommt. Nur dann hat die machtschwächere Gruppe die Chance, sich wirkungsvoll auf inklusive Normen zu beziehen, die über ethnischen Grenzziehungen stehen. Viertens jedoch bergen Anerkennungskämpfe, wie sie sich in Barren-Ost beobachten lassen, das Risiko, dass sich die Migranten nie genug anerkannt fühlen und überall Missachtung wittern. Klassifikationskämpfe können dann leicht zu "unteilbaren Konflikten"[17] werden - zu solchen also, die Kompromissen nur schwer zugänglich sind und bei denen es schnell ums Ganze, nämlich um die vorbehaltlose Wertschätzung von Identitäten geht. Fünftens schließlich führt der Barrener Fall deutlich vor Augen, dass aktive Partizipationsversuche von Migranten auf Erfahrungen der Selbstwirksamkeit angewiesen sind, um nicht gleich wieder in Rückzugstendenzen zu münden.

In Iderstadt-Süd ist die Konstellation komplizierter und unübersichtlicher, aber man kann sagen, dass das Verhältnis zwischen der deutschen und der türkischen Bevölkerung insgesamt durch eine geringe Responsivität gekennzeichnet ist. Es gibt hier keine Migrantengruppen oder -vertreter, die auf konkrete Stigmatisierungen im Stadtteil antworten. So kam es zu keinen vernehmbaren Reaktionen auf die erwähnten Invektiven der Iderstädter Bürgerinitiative gegen die Migranten im Stadtteil von deren Seite. Das wäre in Barren-Ost völlig undenkbar. Auch die große Gruppe der Türkischstämmigen in Iderstadt-Süd artikuliert ihre Interessen im Stadtteil nicht; sie nimmt am lokalpolitischen Geschehen kaum Anteil. Gerade die Moscheegemeinden ziehen sich zurück und kämpfen nicht um die Anerkennung ihrer Lebensform.[18] Hier werden Klassifikationskämpfe auf Distanz ausgetragen, Haltungen der Konfliktvermeidung bestimmen das Geschehen. In Iderstadt-Süd dominieren "hidden transcripts":[19] Negative Klassifikationen zwischen den ethnischen Gruppen werden meist nur in der Binnenkommunikation der Eigengruppe artikuliert.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Iderstadt-Süd sei ein gelungenes Beispiel für den "Integrationsmodus urbaner Indifferenz".[20] Nach diesem sehr modernen, großstädtischen Leitbild ist Integration kein kollektives Unterfangen von Gruppen, sondern ausschließlich eine Aufgabe von Individuen, deren Kontakt sich auf bestimmte Rollen beschränkt: Man begegnet sich als Kunde und Verkäufer im Geschäft, als Eltern in der Schule etc. Die Voraussetzung für diesen Integrationsmodus ist eine Respektierung von Fremdheit, weniger eine materiale Anerkennung von Differenz, das heißt von unterschiedlichen kulturellen Orientierungen und Lebensformen. Im Einzelnen gibt es diese Respektierung von Fremdheit in Iderstadt-Süd durchaus, und das entspricht auch dem Image als buntem und tolerantem Multikulti-Stadtteil.[21] Die Vielzahl negativer Klassifikationen zwischen der türkischen und der deutschen Bevölkerung in Iderstadt-Süd weist indes auf alles andere als auf eine Respektierung von Fremdheit hin.

Weil hier die wechselseitigen Zuschreibungen hinter den Vorhängen der ethnischen Eigengruppen bleiben, fällt die konfliktvermittelte Korrektur negativer Klassifikationen aus. Die entwertenden Fremdbilder führen dazu, dass über das notwendige Maß hinausgehende Sozialkontakte sich auf die je eigene ethnische Gruppe beschränken. Die negativen Klassifikationen hintertreiben jenen toleranten Respekt vor der Fremdheit des anderen, der für den Integrationsmodus urbaner Indifferenz unabdingbar ist.

In beiden Stadtteilen, die für unterschiedliche Modi der Integration stehen, ist hinsichtlich der weiteren Entwicklung des interethnischen Zusammenlebens der Umstand höchst bedenklich, dass gerade jene türkischen Bewohnerinnen und Bewohner stigmatisiert werden, die als Vorreiter und Vorbilder geglückter Integration geeignet wären. Mehr noch, die ihnen zugeschriebenen Negativattribute werden oft auf "die Türken" insgesamt übertragen. Ob die gegen sie gerichteten negativen Klassifikationen nicht nur symbolisch, sondern auch sozial ausgrenzend wirken, hängt zum einen von ihrem Inhalt ab. So macht es einen entscheidenden Unterschied, ob sie zwischen der Eigengruppe und der klassifizierten Fremdgruppe nur "graduelle" Unterschiede markieren, wie etwa bei der Zuschreibung einer allzu ausgeprägten Arbeitsethik, oder ob sie die Klassifizierten in eine "kategorial" andere Klasse von Menschen rubrizieren, wie dies beispielsweise bei der Zuschreibung eines rationalen Schmarotzertums der Fall ist.[22]

Zum anderen haben negative Klassifikationen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen in ganz unterschiedlichem Maße desintegrierende Folgen.[23] Im Bereich der Wirtschaft gelten die institutionalisierten Regeln der ökonomischen Rationalität, die den ausschließenden Wirkungen negativer Klassifikationen Grenzen setzen. In der Sphäre des Ökonomischen herrschen die ganz eigenen Gesetze von Märkten. Dem Prinzip nach zählen die Mechanismen von Angebot und Nachfrage hier mehr als die Ethnizität der Marktteilnehmer. Im politischen Bereich wiederum können Migranten, die sich im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten engagieren, nicht einfach ausgeschlossen werden, weil demokratische Werte und ihre Institutionalisierung eine solche Praxis eindämmen. Die normativen Regeln der Fairness, der Chancengleichheit und der Gerechtigkeit besitzen im politischen Raum eine auch durch Sanktionen geschützte Geltung. Soziale Lebenswelten hingegen kennen nur performative Regeln des wechselseitigen Umgangs, die informeller Natur sind und deren Verletzung kaum erwartbare Folgen nach sich zieht. Hier können die ausschließenden Wirkungen negativer Klassifikationen ungebremst zur Entfaltung kommen.

Die Normen der ökonomischen Rationalität sowie der politischen Partizipation hingegen setzen den Effekten symbolischer Ausgrenzung gewisse Schranken und wirken Prozessen des sozialen Ausschlusses entgegen - zumal bei erfolgreichen türkischen Migranten, die bereits Zugang zu den wichtigsten gesellschaftlichen Funktionsbereichen haben und Ressourcen der Gegenwehr besitzen. Schließlich kennt der demokratische Rechtsstaat auch kein Gesetz, welches die Aufstiegsorientierung von Zugewanderten und ihren Nachkommen unter Strafe stellt.

Oft jedoch werden die zivilen Regeln im sozialen Alltag von einem primordialen Verwandtschaftsglauben zu Fall gebracht. Unter seiner Ägide weiß der exklusiv sich als einheimisch verstehende Bevölkerungsteil bei seinen türkischen Nachbarn immer neue Verhaltensmerkmale zu beobachten, die diese für die vollwertige Zugehörigkeit disqualifizieren. Jenseits aller populären Integrationsrhetorik treibt dies Prozesse der ethnischen Separierung voran.

Fußnoten

14.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/M. 1992, S. 196ff.
15.
Vgl. James C. Scott, Domination and the Arts of Resistance: Hidden Transcripts, New Haven-London 1990, S. 4 ff.
16.
Vgl. Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe, Bd. 11, Frankfurt/M. 1992, S. 284ff.; ferner Helmut Dubiel, Gehegte Konflikte, in: Merkur, 49 (1995) 12, S. 1095-1106.
17.
Vgl. Albert O. Hirschman, Wieviel Gemeinsinn braucht die liberale Gesellschaft?, in: Leviathan, 22 (1994) 2, S. 293-304.
18.
Der große Unterschied zu Barren-Ost ist in erster Linie auf die quantitativen Verhältnisse zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zurückzuführen. In Barren-Ost, wo die Nichtdeutschen nur gut zehn Prozent, die türkischen Staatsangehörigen etwa fünf Prozent der Wohnbevölkerung stellen, ist die türkische Bevölkerung auf die Kooperation mit der Mehrheitsgesellschaft angewiesen, um ihren Anliegen und Bedürfnissen Geltung zu verschaffen. Ein Ausländeranteil wie in Iderstadt-Süd, der fast die Hälfte der Wohnbevölkerung ausmacht, lässt kaum eine Notwendigkeit entstehen, sich intensiv mit der deutschen Bevölkerung auseinander zu setzen. Diese Tendenz gilt insbesondere für die Türken, die rund ein Viertel aller Stadtteilbewohner ausmachen, und wird dadurch verstärkt, dass diese Bevölkerungsgruppe eine ethnisch bestimmte Infrastruktur im Stadtteil besitzt, die Züge einer Außenkontakte überflüssig machenden "institutional completeness" aufweist. Vgl. dazu Raymond Breton, Institutional Completeness of Ethnic Communities and the Personal Relations of Immigrants, in: American Journal of Sociology, 70 (1964) 2, S. 193-205.
19.
Vgl. J. Scott (Anm. 15), S. 2 ff.
20.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Die Stadt als Ort der Integration von Zuwanderern. Über den Umgang mit Differenz in der modernen Gesellschaft, in: Vorgänge, 43 (2004) 1, S. 9-19, hier 10ff.
21.
Dem steht allerdings der Ruf entgegen, die "Raisfurther Bronx" und ein mit vielen sozialen Problemen beladenes "Revolverviertel" zu sein.
22.
Zur Unterscheidung zwischen "graduellen" und "kategorialen" Klassifikationen vgl. Sighard Neckel/Ferdinand Sutterlüty, Negative Klassifikationen. Konflikte um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit, in: Wilhelm Heitmeyer/Peter Imbusch (Hrsg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft, Wiesbaden 2005, S. 409-428, hier 414ff.; weiterhin Peter A. Berger, Ungleichheitssemantiken. Graduelle Unterschiede und kategoriale Exklusivitäten, in: Archives Européennes de Sociologie, 30 (1989) 1, S. 48-60.
23.
Zum Folgenden vgl. Ferdinand Sutterlüty/Sighard Neckel, Bashing the Migrant Climbers: Interethnic Classification Struggles in German City Neighborhoods, in: International Journal of Urban and Regional Research, 30 (2006) 4 (i.E.).