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28.9.2006 | Von:
Ingrid Matthäi

Alleinstehende Migrantinnen: Integriert - isoliert - segregiert?

Zusammenfassung

Die vorgefundenen Vergemeinschaftungsmuster mit ihren jeweiligen Netzwerkqualitäten sind als soziale Ressourcen differenziert zu betrachten. Die Migrantinnen sind keineswegs, wie vielfach prognostiziert, als Alleinstehende im Alter in toto von sozialer Isolation bedroht. Neben isolierten und eher desintegrierten älteren Migrantinnen gibt es starke Gruppen von gut integrierten und sozial eingebetteten Einwanderinnen. Die soziale Integration ist in maßgeblicher Weise von sozialer Lage, Bildung und individuellen Ressourcen beeinflusst. Die Orientierung an modernen Lebensformen fördert zwar eine soziale Integration, schafft aber soziale und wirtschaftliche Abstiegsrisiken für diejenigen, deren Handlungs- und Sprachkompetenz wie beim Typus der Isolierten nicht ausreicht, um diese modernen Lebensformen auszufüllen.

Die Befunde widerlegen jene Thesen, die von einem ethnischen Rückzug im Alter ausgehen und die der ethnischen Gemeinschaft besondere soziale Auffangqualitäten zuschreiben. Gegen diese Hypothesen sprechen Kontinuitätserfahrungen und im Lebensverlauf erprobte Handlungs- und Sozialisationsmuster. Die Ergebnisse zeigen zum einen, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass Migrantinnen ein in jüngeren und mittleren Jahren erprobtes soziales Handlungsmuster allein aufgrund des Alters aufgeben und sich sozial neu orientieren. Das hieße nämlich, dass sie ihr angestammtes und vertrautes soziales Milieu wechseln müssten. Zum anderen zeigt sich deutlich, dass traditionell orientierte Frauen aus rückständigeren Herkunftsregionen nicht erst im Alter die Nähe zur ethnischen Nachbarschaft suchen, sondern bereits seit ihrer Ankunft in Deutschland weitgehend abgegrenzt und in Distanz zur Aufnahmegesellschaft gelebt haben und dieses Muster im Alter beibehalten.

Die ethnischen Gemeinschaften stellen für die Mehrzahl der älteren Migrantinnen, die alleinstehend sind, weder ein soziales Refugium oder Auffangbecken noch ein alternatives Integrationsmodell dar. Der Status als alleinstehende Frau dürfte diesbezüglich eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Mehrzahl der Befragten grenzt sich bewusst von der ethnic community ab, vornehmlich, um den tradierten Verhaltens- und Rollenerwartungen sowie dem sozialen Konformitätsdruck zu entgehen. Diese Frauen sind nicht mehr bereit oder willens, sich tradierten Rollenklischees zu beugen oder gar ihr soziales Verhalten und Handeln gegenüber Landsleuten rechtfertigen zu müssen. Lediglich für Migrantinnen vom Typus Segregierte sind die ethnischen Netzwerke identifikatorische, soziale und emotionale Ersatzheimat und Auffangbecken zugleich.