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11.9.2006 | Von:
Lutz Tillmanns

Aktuelle Herausforderungen für die Medienethik

Essay

Graubereiche zwischen Journalismus und PR

Ein Blick auf das Beschwerdeaufkommen der vergangenen Jahre beim Deutschen Presserat bestätigt die Vermutung, dass sich der Graubereich zwischen Journalismus und Public Relations deutlich vergrößert hat. So löst eine Debatte um Schleichwerbung die andere ab. Die Beantwortung der Frage, wie die Medien mit der Trennung von redaktionellen Texten und Werbung zukünftig umgehen wollen, wird dringender denn je. Den Wandel des Zusammenspiels zwischen Journalismus, PR und Werbung kann jeder Zeitungsleser täglich beobachten. Nicht von ungefähr beschäftigen sich sämtliche Medien und auch die Kontrollinstanzen im Rundfunk- und Pressebereich kontinuierlich mit dieser Thematik.

Mediennutzer erwarten, dass redaktionelle Teile von Zeitungen und Zeitschriften informieren, unabhängig berichten und dabei nicht von gewerblichen Interessen bestimmt werden. Die Leserinnen und Leser werden getäuscht, wenn das äußere Erscheinungsbild einer publizistischen Darstellung als Tarnkappe für die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen benutzt wird. Während das Netzwerk Recherche, eine Vereinigung investigativ arbeitender Journalistinnen und Journalisten, mit seinem neuen Medienkodex dagegen hält und feststellt: "Journalisten machen keine PR", spricht sich der Presserat für eine praxisnahe Einhaltung des Trennungsgebotes aus und fordert die Presse immer wieder auf, im eigenen Interesse auf diese Grundsätze zu achten.

Das Trennungsgebot ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Medienethik. Es ist mit Blick auf die Mediennutzer geboten, sie dürfen auf die publizistische Qualität des redaktionellen Teils vertrauen, sie bezahlen diesen immerhin. Die Trennung ist auch als Garant für die redaktionelle Unabhängigkeit unverzichtbar. Sie verhindert einen unlauteren Wettbewerb und fördert sowohl die Produktklarheit als auch das Verbraucherbewusstsein.

Erkenntnisse aus dem Grundsatz der Trennung sind auch für die Kapitalmarkt- und Börsenberichterstattung zu ziehen. Deshalb entspricht es einer Selbstverständlichkeit, dass Journalisten und Verleger Informationen, die sie im Rahmen ihrer Berufsausübung recherchieren oder erhalten, vor ihrer Veröffentlichung ausschließlich für publizistische Zwecke und nicht zum persönlichen Vorteil nutzen. Der Presserat hat hierzu erst vor wenigen Monaten mit einer Ergänzung des Pressekodex die Regeln für die Finanzmarktberichterstattung konkretisiert. Damit reagierte er auf eine Novellierung des Wertpapierhandelsgesetzes. Die Regelungen dieses Gesetzes, soweit sie die Erstellung und Veröffentlichung von Finanzanalysen behandeln, werden nun für Journalisten durch die freiwillige Selbstregulierung beim Presserat ersetzt. Mit dieser Lösung konnte immerhin auch die drohende gesetzliche Reglementierung der journalistischen Arbeit verhindert werden. So stellt die Selbstregulierung einen angemessenen Ausgleich zwischen den Interessen der Anleger und der verfassungsrechtlich verankerten Pressefreiheit dar.