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11.9.2006 | Von:
Achim Baum

Pressefreiheit durch Selbstkontrolle

Perspektiven

Ein öffentliches Werben für die Ideen und Aufgaben des Presserats würde freilich eine Flut von Eingaben und Beschwerden nach sich ziehen, die wahrscheinlich binnen kurzer Zeit die Kapazitäten seiner Bonner Geschäftsstelle sprengen müssten - ein Kostenaufwand und zugleich ein Bedeutungszuwachs für den Presserat, den seine Trägerverbände scheuen. Hier drängt sich schließlich der Verdacht auf, dass die Verbände der Journalisten und Verleger, die den Deutschen Presserat aus der Taufe gehoben haben, heute an einer allzu großen gesellschaftlichen Relevanz ihres Selbstkontrollgremiums nicht interessiert sind. Denn die Reputation eines allzu starken Presserats würde wohl die Interessen der ihn tragenden Korporationen bald in den Schatten stellen.[18] Soll der Deutsche Presserat allerdings über sein 50-jähriges Jubiläum hinaus die Bedeutung besitzen, die er in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik hatte, werden seine Träger die Souveränität aufbringen müssen, ihn in vielerlei Hinsicht zu öffnen. Denn die freiwillige Selbstkontrolle der Presse, die streng auf ihre Distanz zum Staat achtet, kann sich nur durch eine breite gesellschaftliche Diskussion legitimieren und bedarf der kritischen Solidarität einer möglichst breiten Öffentlichkeit. Das kann durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen sicher gestellt werden. So ist es ausdrücklich zu begrüßen, dass führende Vertreter des Presserats inzwischen das Gespräch mit der Wissenschaft suchen, um die Publizistischen Grundsätze weiterzuentwickeln[19] und auf mittlere Sicht eine kontinuierliche Beobachtung und Begleitung der Presseratsarbeit zu organisieren. Denn der Pressekodex wird angesichts der rasanten Entwicklungen im Mediensystem auf Dauer nur Bestand haben können, wenn er die für das journalistische Handeln relevanten Normen in Form von Geboten - nicht von Verboten - auflistet.

Damit gewinnt er eine Leitbildfunktion auch über den Pressejournalismus hinaus, indem er die Regeln für gutes professionelles Handeln fest- und im Dialog mit den Betroffenen fortschreibt. Dazu gehört nicht zuletzt, dass der Presserat und seine Mitglieder nicht länger passiv und abwehrend gegenüber Dialogangeboten bleiben, sondern aktiv die Auseinandersetzung vorantreiben. Der Presserat sollte unabhängige Beobachter und Berater zu seinen Gremiensitzungen einladen; er muss neue Medientechnologien nutzen, um in Internetforen oder Weblogs Journalisten und alle Interessierten über seine Normen und seine Spruchpraxis diskutieren zu lassen; und er sollte sich dafür einsetzen, dass auf allen Ebenen der Bildung die Gedanken der Medienethik und ihrer (Selbst-)Kontrolle thematisiert werden.

Fußnoten

18.
Vgl. Oliver Suhr, Absolute Minimallösung, in: Message, (2003) 2, S. 38-43.
19.
So soll anlässlich der Jubiläumsfeier am 20. November in Berlin eine stark überarbeitete Version des Pressekodex an den Bundespräsidenten überreicht und der Öffentlichkeit präsentiert werden.