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11.9.2006 | Von:
Jens Tenscher

Medienereignis "Streik"

Streiks gelten nicht nur im Rahmen von Tarifvereinbarungen als Ausnahmesituationen, sie stellen auch das gewerkschaftliche Kommunikationsmanagement vor besondere Herausforderungen.

Einleitung

Jahr für Jahr werden in Deutschland rund 5 000 Tarifverträge zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften neu verhandelt und unterschrieben. Charakteristisch für die auf Dauer angelegte "antagonistische Kooperation"[1] der Tarifpartner in Deutschland ist, dass die weit überwiegende Mehrheit ihrer Verhandlungen vergleichsweise "lautlos", arbeitskampffrei, hinter verschlossenen Türen, fern öffentlichen Interesses und bar jeglicher massenmedialer Aufmerksamkeit abläuft. Die große Ausnahme von dieser Regel stellen indes Tarifauseinandersetzungen in den so genannten "Leitbranchen" dar, namentlich der Metall- und Elektroindustrie und dem Öffentlichen Dienst. Diesen ist nicht zuletzt aufgrund ihrer volkswirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Relevanz eine erhöhte massenmediale Zuwendung und Berichterstattung garantiert.






Wenn entsprechende Tarifauseinandersetzungen dann noch vom Verhandlungstisch ganz bewusst in die Öffentlichkeit verlagert werden, wenn es zu Arbeitsniederlegungen kommt, welche die Allgemeinheit betreffen, wenn Streiks mediengerecht inszeniert werden und der Konflikt zwischen den Hauptprotagonisten auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zunimmt, wenn sich schließlich prominente Akteure aus Politik und Wirtschaft zu Wort melden, dann erhöhen sich Medienresonanz und öffentliche Aufmerksamkeit nahezu zwangsläufig.[2] Mit dem Gang in die (Medien)Öffentlichkeit verändern sich aber nicht nur die kommunikativen Ansprüche an und Handlungsrationalitäten für intermediäre Akteure, wie sie Verbände, Gewerkschaften, aber auch Parteien und neue soziale Bewegungen darstellen, nachhaltig. Zugleich wächst für diese die Herausforderung, dem Spagat zwischen den Logiken und Erwartungen der Mediengesellschaft einerseits und den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der öffentlichkeitsfernen Binnenkommunikation andererseits dauerhaft gerecht zu werden.[3] Welche Fallstricke sich dabei für Gewerkschaften im Allgemeinen und insbesondere zu Zeiten öffentlich ausgetragener Tarifauseinandersetzungen auftun, soll im Folgenden geklärt werden.

Fußnoten

1.
Peter Kappelhoff, Rational Choice, Macht und korporative Organisation der Gesellschaft, in: Günther Ortmann/Jörg Sydow/Klaus Türk (Hrsg.), Theorien der Organisation, Wiesbaden 2000, S. 234.
2.
Vgl. Hans-Jürgen Arlt, Einmischen, mitreden, durchsetzen. Gewerkschaftliche Interessenvertretung im Interaktionsfeld von Politik und Medien, in: Ulrich Sarcinelli/Jens Tenscher (Hrsg.), Machtdarstellung und Darstellungsmacht. Beiträge zu Theorie und Praxis moderner Politikvermittlung, Baden-Baden 2003, S. 118f.
3.
Vgl. Bernhard Weßels, Gewerkschaften in der Mediengesellschaft, in: Wolfgang Schroeder/ders. (Hrsg.), Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2003, S. 323 - 341.