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11.9.2006 | Von:
Gerd (Andreas) Strohmeier

Warum wir Rundfunkgebühren zahlen

Das Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Was ist im öffentlich-rechtlichen bzw. im privaten Fernsehen zu sehen? "Bianca - Wege zum Glück" oder "Verliebt in Berlin"? Ski-Alpin oder Skispringen? Harald Schmidt oder Stefan Raab? Die Frage "Wie privat sind die öffentlich-rechtlichen Sender?"[15] ist berechtigt. Dahinter verbirgt sich natürlich die Frage nach dem Unterschied zwischen dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Fernsehen - und dahinter wiederum die Frage nach der Legitimation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sowie (damit verbunden) der Rundfunkgebühren. Schließlich legitimiert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk über sein Programm und dabei insbesondere über den Programmunterschied zum privaten Rundfunk. Schenkt man den Vertretern der so genannten Konvergenzhypothese[16] Glauben, so gleichen sich die (zuschauerstarken) Vollprogramme öffentlich-rechtlicher und privater Sender in der Konkurrenz um die Gunst der Zuschauer strukturell sowie inhaltlich (und damit auch qualitativ) an.[17] Wenngleich eine gewisse Annäherung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkprogrammen nicht zu leugnen ist, so lässt sich jedoch allenfalls von einer Annäherung, keinesfalls von einer Angleichung sprechen. Sicherlich ist - die Telenovela "Bianca - Wege zum Glück" im ZDF zu sehen -, allerdings weist diese doch gewisse Unterschiede zur SAT.1-Telenovela "Verliebt in Berlin" auf und folgt danach nicht die Doku-Inszenierung "K 11 - Kommissare im Einsatz", sondern die Nachrichtensendung "heute". - Skispringen mittlerweile (auch) auf RTL zu sehen -, allerdings erst, seit Martin Schmitt zur absoluten Weltspitze und in der Folge Skispringen zu einer höchst populären Sportart avanciert ist. - Harald Schmidt mittlerweile (wieder) im Ersten (ARD) zu sehen -, allerdings hat es zwischen Harald Schmidt und anderen Moderatoren des privaten Fernsehens, wie z.B. Stefan Raab, auch schon immer einen gewissen Unterschied gegeben, einen Unterschied, der seit Schmidts (erneutem) Engagement für das Erste (ARD) im Übrigen wieder zugenommen hat.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist hinsichtlich seines Angebots zwar "unterhaltsamer", "bunter" und damit in gewisser Weise auch "privater" geworden, jedoch eindeutig ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk geblieben. Dies wird sowohl bei einer Betrachtung der Struktur als auch bei einer Betrachtung der Inhalte des Programmangebots öffentlich-rechtlicher Rundfunksender deutlich. Ein Vergleich der Angebote der führenden Fernsehprogramme (ARD/Das Erste und ZDF sowie RTL, SAT.1 und ProSieben), die zusammen fast 60 Prozent des deutschen Fernsehpublikums erreichen, zeigt deutliche Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Programmen. So ist das Informationsangebot bei den privaten nur etwa halb so groß wie bei den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen.[18] Dagegen ist das nonfiktionale Unterhaltungsangebot bei den privaten Hauptprogrammen viermal so groß wie bei den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen[19]. Ein (differenzierter) Vergleich der Informationsangebote sowie der darin enthaltenen Nachrichtenangebote bzw. der darin enthaltenen politischen Angebote (Politik im weiteren Sinne, i.w.S.) der führenden Fernsehprogramme zeigt ein deutliches Gefälle zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Hauptprogrammen (vgl. Abbildung 1). Abbildung 1: Sparte "Information" und darin enthaltene Sendungsform "Nachrichten" bzw. darin enthaltenes politisches Angebot (Politik i.w.S.) 2005 (Sendezeitanteil in Prozent)[20]

Ein ebenso deutliches, jedoch im Verlauf umgekehrtes Gefälle zwischen ARD/Das Erste und ZDF einerseits sowie RTL, SAT.1 und ProSieben andererseits zeigt einen (ebenso differenziert) Vergleich der nonfiktionalen Unterhaltungsangebote sowie der darin enthaltenen Doku-Inszenierungen bzw. Doku-Soaps der führenden Fernsehprogramme (vgl. Abbildung 2). Abbildung 2: Sparte "Nonfiktionale Unterhaltung" und darin enthaltene Sendungsform "Doku-Inszenierung/Doku-Soap" 2005 (Sendezeitanteil in Prozent)[21]

Beachtung verdient auch, dass das Kinder- und Jugendprogramm bei den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen deutlich besser ausgebaut ist als bei den privaten Hauptprogrammen[22] und die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme innerhalb dieser Sparte im Gegensatz zu den privaten Hauptprogrammen auch - zu nicht übersehbaren Anteilen - nonfiktionale Kindersendungen, d.h. Kindersendungen mit pädagogischer Intention, anbieten[23].

Von größter Bedeutung ist, dass sich die oben aufgezeigten Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Programmen nicht nur auf der Ebene der Programmstruktur, sondern auch auf der Ebene der Programminhalte zeigen. Betrachtet man die Themenstruktur der Informationssendungen ohne Nachrichten - d.h. der nichttagesaktuellen Informationsangebote - in den führenden Fernsehprogrammen, wird deutlich, dass die privaten Hauptprogramme im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen außerhalb der Nachrichten kaum politische Themen (Politik i.w.S.) behandeln. So ist der Anteil politischer Themen (Politik i.w.S.) in den nichttagesaktuellen Informationsangeboten der öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme weitaus größer als in nichttagesaktuellen Informationsangeboten der privaten Hauptprogramme, die völlig andere Schwerpunkte setzen: "Etwa die Hälfte ihres nichttagesaktuellen Informationsangebots zur günstigsten Sendezeit bestreiten die Privatprogramme (...) mit Themen des Alltags und Privatlebens sowie Themen aus der Traumwelt des Glamours und Vergnügens".[24]

Auch eine Betrachtung der Themenstruktur der Nachrichtensendungen in den führenden Fernsehprogrammen zeigt, dass die öffentlich-rechtlichen und privaten Hauptprogramme sehr unterschiedliche Akzente setzen. So nehmen politische Themen (Politik i.w.S.) in den Nachrichtensendungen öffentlich-rechtlicher Hauptprogramme einen wesentlich größeren Anteil ein als in den Nachrichtensendungen privater Hauptprogramme.[25]

Der Vergleich der Angebote führender öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehprogramme macht eine gewisse "Funktionsteilung zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern"[26] deutlich: Öffentlich-rechtliche Programme bieten überwiegend informationsorientierte, private Programme überwiegend unterhaltungsorientierte Inhalte. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, "dass der Zuschauer, der nur private Hauptprogramme nutzt, mit politisch und gesellschaftlich relevanten Themen sowie deren Hintergrund kaum konfrontiert wird"[27].

Fußnoten

15.
Muenchenblogger, Jauch oder Pilawa? ARD oder RTL? - Diskussion im Stadtforum, http://www.muenchenblogger.de, 19. 5. 2006.
16.
Vgl. Heribert Schatz/Nikolaus Immer/Frank Marcinkowski, Der Vielfalt eine Chance? Empirische Befunde zu einem zentralen Argument für die "Dualisierung" des Rundfunks in der Bundesrepublik Deutschland, in: Rundfunk und Fernsehen, 37 (1989) 1, S. 5 - 24.
17.
Vgl. Hans-Bernd Brosius, Politikvermittlung durch Fernsehen. Inhalte und Rezeption von Fernsehnachrichten, in: Walter Klingler/Gunnar Roters/Oliver Zöllner (Hrsg.), Fernsehforschung in Deutschland. Themen - Akteure - Methoden. Teilband 1, Baden-Baden 1998, http://www.mediaculture-online.de, 27. 7. 2006.
18.
Sendezeitanteile: RTL, SAT.1 und ProSieben 24 %; ARD/Das Erste und ZDF 46 %, vgl. Udo Michael Krüger/Thomas Zapf-Schramm, Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deutschen Fernsehangebot. Programmanalyse 2005 von ARD/Das Erste, ZDF, RTL, SAT.1 und ProSieben, in: Media Perspektiven, (2006) 4, S. 202.
19.
Sendezeitanteile: RTL, SAT.1 und ProSieben 24 %; ARD/Das Erste und ZDF 6 %, vgl. ebd.
20.
Vgl. ebd., S. 203ff.
21.
Vgl. ebd.
22.
Sendezeitanteile: ARD/Das Erste 5,7 %, ZDF: 5 %; RTL 1,4 %, SAT.1 0,2 %, ProSieben 2,4 %, vgl. ebd., S. 203.
23.
Sendezeitanteile: ARD/Das Erste 3 %, ZDF: 1,7 %; RTL 0, SAT.1 0, ProSieben 0,1 %, vgl. ebd., S. 208.
24.
Sendezeitanteile: ARD/Das Erste 33,2 %, ZDF: 26,1 %; RTL 8,8 %, SAT.1 7,6 %, vgl. ebd., S. 217.
25.
Sendezeitanteile: ARD/Das Erste 55,6 %, ZDF: 47,2 %; RTL 30,2 %, SAT.1 21,1 %, vgl. ebd., S. 218.
26.
Ebd., S. 216.
27.
Ebd.