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11.9.2006 | Von:
Gerd (Andreas) Strohmeier

Warum wir Rundfunkgebühren zahlen

Nachfrage nach öffentlich-rechtlichen Rundfunkangeboten

"Der Zuschauer darf sich seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm. Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Und wir diskutieren aus der Angler-Perspektive",[28] beschrieb Ex-RTL-Chef Helmut Thoma die Politik des privaten Rundfunks. Dabei handelt es sich prinzipiell um eine nachfrageorientierte Politik, der zufolge grundsätzlich gesendet wird, was das Publikum will.[29] Allerdings will das Publikum in Deutschland offensichtlich mehr, als ihm vom privaten Rundfunk geboten wird. Ein Beleg dafür ist, dass sich der Fernsehkonsum in Deutschland nahezu gleichmäßig auf die öffentlich-rechtlichen und privaten Programme verteilt.[30] Die "Funktionsteilung" zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern wird im Übrigen nicht nur bei der Betrachtung der "Angebotsseite", sondern auch bei der Betrachtung der "Nachfrageseite" deutlich: Öffentlich-rechtliche Programme werden überwiegend zur Information, private Programme überwiegend zur Unterhaltung genutzt (vgl. Abbildung 3). Abbildung 3: Zeitaufwand der Fernsehzuschauer 2005 (Anteil am TV-Konsum in Prozent)[31]

Dementsprechend ist auch der Fernsehkonsum öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen signifikant höher als jener privater Nachrichtensendungen. So sind die Marktanteile öffentlich-rechtlicher Fernsehnachrichten wesentlich größer als die Marktanteile privater Fernsehnachrichten[32].

Öffentlich-rechtliche und private Sender unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Konzepte bzw. Aufgaben in der Dualen Rundfunkordnung, der Strategien der Rundfunkanbieter und der Programme auf dem Fernsehmarkt, sondern auch hinsichtlich der Nutzungsgewohnheiten und der damit verbundenen Nutzungsmotive und Imageprofile innerhalb des Publikums. So gilt für die Fernsehzuschauer in Deutschland das öffentlich-rechtliche Fernsehen überwiegend als sachlicher (79 zu 14%), glaubwürdiger (76 zu 14%), kompetenter (71 zu 20%), anspruchsvoller (70 zu 25%), informativer (65 zu 24%) sowie kritischer (65 zu 27%) und das private Fernsehen überwiegend als mutiger (69 zu 24%), unterhaltsamer (67 zu 25%), moderner (74 zu 19%), lockerer (81 zu 15%) bzw. ungezwungener.[33] Interessant und auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch von Zuschauern mit privatem Lieblingssender überwiegend als sachlicher, glaubwürdiger, kompetenter, anspruchsvoller, informativer sowie kritischer und das private Fernsehen auch von Zuschauern mit öffentlich-rechtlichem Lieblingssender überwiegend als mutiger, unterhaltsamer, moderner, lockerer sowie ungezwungener eingestuft wird.[34] Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht also überwiegend für "anspruchsvolles Fernsehen", das private für "emotionales Fernsehen"[35]. Entscheidend ist, dass das Medienpublikum in Deutschland - bei einer Gesamtbetrachtung - nicht nur ein Verlangen nach dem "emotionalen Fernsehen", sondern auch ein Verlangen nach dem "anspruchsvollen Fernsehen" hat: "Bei den Öffentlich-rechtlichen geht die Tendenz in Richtung Information, man sucht Denkanstöße, Rat und Orientierung im Alltag. Bei den Privaten will man sich eher entspannen und unterhalten oder den Alltag vergessen."[36] Infolgedessen gibt es zwar eine Duale Rundfunkordnung bzw. eine duale Angebotsstruktur auf dem Rundfunkmarkt, aber - letztlich - kein "duales Publikum".[37] Die Fernsehzuschauer in Deutschland nutzen überwiegend das öffentlich-rechtliche Fernsehen, um sich zu informieren, Denkanstöße zu bekommen, mitreden zu können sowie sich im Alltag zurechtzufinden, und das private Fernsehen, um Spaß zu haben, zu entspannen, sich nicht allein zu fühlen sowie den Alltag zu vergessen (vgl. Abbildung 4).

Interessant und auffallend ist in diesem Zusammenhang wiederum, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch von Zuschauern mit privatem Lieblingssender überwiegend genutzt wird, um sich zu informieren sowie sich im Alltag zurechtzufinden, und das private Fernsehen auch von Zuschauern mit öffentlich-rechtlichem Lieblingssender überwiegend genutzt wird, um zu entspannen sowie den Alltag zu vergessen.[38]

Größte Bedeutung hat, dass "die Kompetenz des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als Informationsvermittler und Meinungsbildungsfaktor ... auch bei denen, die am liebsten privat sehen, nach wie vor völlig unumstritten"[39] ist. Selbst Zuschauer mit privatem Lieblingssender sehen das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Blick auf die Bedeutung für die politische Meinungsbildung, die Ausgewogenheit in der politischen[40] Berichterstattung, die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der Informationen sowie die Vermittlung der Werte unserer Gesellschaft vor dem privaten Fernsehen (vgl. Abbildung 5) - und sprechen ihm somit (wenn auch nur indirekt) eine Legitimation zu.

Die Nutzung und Bewertung des Rundfunkangebots durch das Medienpublikum in Deutschland macht deutlich, dass die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks keineswegs nur aus den juristischen Begründungen des Bundesverfassungsgerichts, den (daraus resultierenden) politischen Weichenstellungen des Gesetzgebers und den (daraus resultierenden) spezifischen Programmangeboten der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender, sondern auch aus den Bedürfnissen und Ansprüchen bzw. der sich daraus ergebenden Nachfrage des Medienpublikums resultiert. Der "Wurm" (das Programm) des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "schmeckt" keineswegs nur dem "Angler" (dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk), sondern auch dem "Fisch" (dem Medienpublikum): Nahezu zwei Drittel der Bundesbürger, für die das Fernsehen eine relativ wichtige Informationsquelle darstellt, informieren sich eher bei öffentlich-rechtlichen als bei privaten Programmen über aktuelle Ereignisse aus Politik und öffentlichem Leben;[41] nahezu drei Viertel der Bundesbürger betrachten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als unverzichtbaren Bestandteil der Kultur in Deutschland;[42] mehr als vier Fünftel der Bundesbürger halten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch in Zukunft für unverzichtbar.[43]

Betrachtet man die Entwicklung der Dualen Rundfunkordnung in Deutschland sowie die damit einhergehende Funktionszuweisung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das Angebot öffentlich-rechtlicher Programme sowie die Nachfrage nach diesen Programmen, wird deutlich: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramme haben eine Legitimation - und damit auch die Rundfunkgebühren.

Fußnoten

28.
Hanni Chill/Hermann Meyn, Entwicklung des privaten Rundfunks, in: Informationen zur politischen Bildung, Massenmedien, 260 (2000), S. 34.
29.
Vgl. G. Strohmeier (Anm. 1), S. 294f.
30.
Marktanteile: ARD/Das Erste 13,5 %, ZDF 13,5 %, Dritte 13,6 %, 3sat 1 %, Kinerkanal 1,8 %, Phoenix 0,6 %, Arte 0,6 %; RTL 13,2 %, SAT.1 10,9 %, ProSieben 6,7 %, RTL II 4,2 %, VOX 4,2 %, kabel eins 3,8 %, Super RTL 2,8 %, n-tv 0,6 %, DSF 1,2 %, Eurosport 0,9 %, vgl. Camille Zubayr/Heinz Gerhard, Tendenzen im Zuschauerverhalten. Fernsehgewohnheiten und Fernsehreichweiten im Jahr 2005, in: Media Perspektiven, (2006) 3, S. 129.
31.
Vgl. ebd., S. 132ff.
32.
Sendezeitanteile: Tagesschau 33,8 %, Tagesthemen 11,5 %, heute 20,5 %, heute journal 13,7 %; RTL aktuell 17,4 %, SAT.1 News 11,6 %, ProSieben Newstime 4,7 %, vgl. ebd., S. 133.
33.
Vgl. Christa-Maria Ridder/Bernhard Engel, Massenkommunikation 2005: Images und Funktionen der Massenmedien im Vergleich. Ergebnisse der 9. Welle der ARD/ZDF-Langzeitstudie zur Mediennutzung und -bewertung, in: Media Perspektiven, (2005) 9, S. 435.
34.
Vgl. hier ausführlich ebd., S. 436.
35.
Vgl. ebd., S. 432.
36.
Ebd., S. 434.
37.
Vgl. ebd., S. 437.
38.
Vgl. hierzu ausführlich ebd., S. 438.
39.
Ebd., S. 438f.
40.
Vgl. ebd., S. 442.
41.
Vgl. ebd., S. 442.
42.
Vgl. ebd., S. 440.
43.
Vgl. ebd., S. 445.