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11.9.2006 | Von:
Matthias Spielkamp

Es waren einmal Zuschauer

Was sind Weblogs?

Die Definition eines Weblogs (kurz auch Blog genannt) im Singular greift im besten Fall zu kurz, im schlimmsten Fall bleibt sie sinnlos und unverständlich. Weblogs können nur als Teil eines sozialen Systems verstanden werden, das durch eine Kombination verschiedener Programme ermöglicht wird. Eine Weblog-Software erlaubt es auf sehr einfache Art, Inhalte im Web zu veröffentlichen: Texte, Bilder, Töne, Videos. Ein Weblog einzurichten ist keine größere Herausforderung, als sich ein kostenloses E-Mail-Postfach bei Yahoo, GMX oder einem anderen Anbieter anzulegen.[6] Von diesem Zeitpunkt an ist es vom Nutzer abhängig, was daraus wird: vom Tagebuch mit (un)denkbar trivialen Einträgen zu Zahnpflege und Stuhlgang bis hin zur Bühne für investigativen, politischen Journalismus ist alles möglich und existiert auch.

Der Grund für den phänomenalen Erfolg von Weblogs ist zum einen, dass sie es Nutzern so leicht machen, im Internet zu veröffentlichen. Zum anderen ist es die Idee, dass das Weblog nur dann einen Sinn hat, wenn es mit vielen anderen Weblogs verknüpft ist und Autoren und Leser miteinander kommunizieren. Darum sind Kommentare und so genannte Trackbacks von vornherein grundlegende Bestandteile. Ein Blog-Eintrag kann üblicherweise von allen Lesern kommentiert werden. Diese Kommentare sind nicht nur für den Inhaber des Blogs sichtbar, sondern für alle Leser, die wiederum auch die Kommentare kommentieren können. So kann über die Kommentarfunktion eine Diskussion unter den Lesern entstehen, die dadurch selber zu Schreibern werden. Bei populären Blogs ist es nicht ungewöhnlich, einige Dutzend - oder sogar Hunderte - Kommentare zu finden. Dan Gillmor, ein Vordenker des Bürgerjournalismus, spricht daher von der "former audience", den ehemaligen Zuschauern, die eben nicht mehr nur Zuschauer sind, sondern Mitschreiber, Autoren, Beteiligte an der Auseinandersetzung.[7]

Zu den Kommentaren kommen die so genannten Trackbacks, die es erlauben, per Mausklick vom eigenen Blog auf einen Eintrag in einem anderen Blog zu verweisen. Dieser Verweis ist keine Einbahnstraße, sondern wirkt zurück: Auch im Blog, auf das verwiesen wird, erscheint ein Hinweis darauf, dass es von einem anderen Blog verlinkt wurde. Dadurch erfahren Autor und Leser des verlinkten Blogs davon, dass jemand anders auf sie verweist und können herausfinden, was der Grund dafür ist - in vielen Fällen ähnliche Interessen, die sich nicht auf das gesamte Blog beziehen müssen, sondern eventuell nur auf den einen Artikel, auf den hingewiesen wird. Durch Kommentare, Trackbacks und andere Verlinkungen entstehen Verknüpfungen, die Diskussionen und Auseinandersetzungen anspornen und Blogs einen Vorsprung innerhalb dessen verschaffen, was treffend mit dem Begriff Aufmerksamkeitsökonomie bezeichnet wird.[8]

Wie wichtig also sind Weblogs als eine neue Art der Publikation? Zuerst einmal scheint die schiere Masse zu zeigen, dass sie nicht ignoriert werden können. "Weltweit mehr als 50 Millionen Weblogs", behauptete im vergangenen Jahr die Website "The Blog Herald", basierend auf Angaben und Umfragen einiger Marktforschungsinstitute und Weblog-Anbieter.[9] Derartige Zahlen sind ebenso bedeutungslos wie bedeutungsvoll. Bedeutungslos deshalb, weil es zum einen technisch äußerst schwierig ist zu bestimmen, ob es sich bei einer Website um ein Weblog handelt. Zum anderen ist es auch für unerfahrene Webnutzer inzwischen vergleichsweise trivial, bei einem Dienstleister ein Weblog einzurichten. Wer es geschafft hat, sich eine Webmail-Adresse anzulegen, den wird ein Weblog-Dienst nicht vor unüberwindbare Hindernisse stellen. Das führt dazu, dass eine enorme Anzahl von unbenutzten Blogs existiert, die zum Ausprobieren eingerichtet, dann aber sich selbst überlassen wurden. Zahlen zur Verbreitung von Weblogs sollten daher mit äußerster Skepsis betrachtet werden. Bedeutungsvoll sind die Zahlen dennoch. Denn selbst wenn man sie einfach um den Faktor zehn reduziert, um den Ungenauigkeiten in der Erhebung Rechnung zu tragen, bleibt noch immer eine gewaltige Menge neuer Publikationen übrig, auf denen veröffentlicht wird und die auch gelesen werden, was man an der Anzahl der Kommentare, Links und Zitate erkennen kann.

Fußnoten

6.
Für eine kurze Übersicht von Weblog-Anbietern vgl. Christiane Rosenberger, Weblog Hoster und Dienste in der Übersicht, http://www.drweb.de/ weblogs/hoster-weblog-liste.shtml (5. 8. 2006).
7.
Dan Gillmor, We the Media, Sebastopol 2006, S. 136ff.
8.
Vgl. Michael H. Goldhaber, The Attention Economy and the Net, in: First Monday, 2 (1997), http://www.firstmonday.org/issues/issue2_4/goldhaber (5. 8. 2006).
9.
Vgl. Duncan Riley, Number of blogs now exceeds 50 million worldwide, in: The Blog Herald vom 14. 4. 2005, http://www.blogherald.com/2005/04/14/number-of-blogs-now-exceeds-50-million-worldwide (5.8. 2006).