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11.9.2006 | Von:
Matthias Spielkamp

Es waren einmal Zuschauer

Verändern Weblogs den Journalismus?

Zunächst: Die heiß diskutierten Fragen, ob Weblogs Journalismus sind oder Blogger Journalisten, ergeben keinen Sinn. Zu Recht würde auch die Frage, ob eine Videokamera oder eine Druckerpresse Journalismus sind, für unsinnig gehalten. Eine berechtigte Frage ist allerdings, ob das Online-Publizieren via Weblogs den klassischen Journalismus ersetzen kann, der in redaktionellen Zusammenhängen nach bestimmten Konventionen entsteht. Auf kurze Sicht ist das zumindest unwahrscheinlich. Doch die Frage, ob "Weblogs den Journalismus verändern werden", ist von der Realität längst überholt. Weblogs haben den Journalismus bereits jetzt nachhaltig beeinflusst.

Vor allem in den USA entwickelten sich etliche große Stories, die entweder von den Mainstream-Medien ignoriert oder selber von ihnen verbockt worden waren, entwickelten sich zu Sternstunden (oder Tiefpunkten) der Blogosphäre. Zwei Bespiele:

Rathergate

Dan Rather, legendärer CBS-Nachrichtenmann, präsentierte in der angesehenen US-Fernsehsendung für investigativen Journalismus 60 Minutes Dokumente, die belegen sollten, dass George W. Bush in seiner Zeit bei der Nationalgarde Befehle missachtet habe und sein Vorgesetzter dazu genötigt worden sei, ihm unverdient gute Beurteilungen zu geben. Innerhalb von Stunden nach der Sendung wurden die Dokumente von Bloggern aufgrund von Indizien wie der Typographie als Fälschungen bezeichnet. Etliche von ihnen begannen zu recherchieren, was auch etablierte Medien dazu bewog, die Herkunft der Dokumente zu prüfen. Zwei Wochen lang hielt CBS den Standpunkt aufrecht, es handele sich um echte Dokumente, dann musste der Sender eingestehen, dass es sich um Fälschungen handelte.[10] Nach 44 Jahren bei CBS trat Dan Rather zurück, die Produzentin der Sendung wurde gefeuert.

Eason Jordan

Der CNN-Nachrichtenchef hatte beim World Economic Forum in Davos im vergangenen Jahr behauptet, das US-Militär habe im Irak gezielt Journalisten getötet. Ein Blogger veröffentlichte diese Aussage, andere griffen sie auf und zwangen Jordan, der sagte, seine Aussage sei falsch zitiert worden, schließlich zum Rücktritt. Die Tatsache, dass die Berichterstattung der Blogger in diesem Fall eher einer Hetzjagd denn einer Recherche glich, veranlasste einige Kommentatoren, von Bloggern als Lnych-Mob zu sprechen.[11]

Einen vergleichbaren Fall hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Das kann daran liegen, dass politische Auseinandersetzungen nicht mit der gleichen Schärfe und Verbissenheit wie in den Vereinigten Staaten geführt werden, aber auch daran, dass es bisher wenige Weblogs gibt - zumindest im Vergleich mit dem Cyberspace-Mutterland USA. Sicher hat es auch etwas mit einer journalistischen Tradition zu tun. Wenn schon die Mehrheit der Profi-Journalisten in Deutschland kaum etwas mit dem Ideal des Journalisten als "mudraker", als "Dreckwühler", anfangen kann, der Geschichten hartnäckig und gegen Widerstände nachspürt, um sie ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren,[12] wäre es etwas viel verlangt, genau diese Arbeit von Bloggern zu fordern - und sie als Online-Tagebuchschreiber abzutun, wenn sie nicht das leisten, was eigentlich Aufgabe der etablierten Medien sein sollte. Somit hat die deutsche Medienbranche gegenüber der amerikanischen einen unschätzbaren Vorteil: mehr Zeit um herauszufinden, was sie von Weblogs halten soll.

Viel ist in dieser Nachdenkphase bisher nicht heraus gekommen - was angesichts hierarchischer Strukturen in den Medienkonzernen nicht weiter überrascht. Immerhin binden große Zeitungsgruppen wie der Holtzbrinck-Verlag ("Handelsblatt", "Zeit", "Tagesspiegel") Blogger in ihre Online-Angebote ein, und manche von ihnen haben sogar bisweilen etwas Interessantes zu sagen. Blogger, die auch von den klassischen Medien wahrgenommen werden, weil sie monatlich mehrere Hunderttausend Leser haben, gibt es in Deutschland bisher nicht. Aber in einigen Branchen - darunter wenig überraschend Computer-, Software- und Webentwicklung, aber zunehmend auch andere Gebiete - gibt es kaum noch einen Journalisten, der nicht auch liest (und lesen muss), was die Fachblogger zu sagen haben.

So kann man sich der Kolumnistin des "Wall Street Journal", Peggy Noonan, anschließen. "Mainstream-Medien sind nicht vorbei", ist ihre Zwischenbilanz. "Sie können nur nicht mehr auftreten als Der Wächter der Unzweifelhaften Wahrheit. Die Mainstream-Medien sind jetzt nur noch ein Akteur unter vielen. Ein großer, aber eben nur ein Akteur."[13] Das ist weniger, als viele Großsprecher der Blogger-Szene behaupten, die die Mainstream-Medien bereits als Dinosaurier im Angesicht des Kometen sehen: als Ausgestorbene in spe. Aber doch entschieden mehr, als viele Chefs großer Medienkonzerne wahrhaben wollen.

Fußnoten

10.
Vgl. Jim Rutenberg/Mark J. Prendergast, CBS Asserts It Was Misled by Ex-Officer on Bush Documents, in: New York Times vom 20. 9. 2004, http://www.nytimes.com/2004/09/20/politics/campaign/20CND-GUAR.html (5. 8. 2006).
11.
Vgl. Howard Kurtz, CNN's Jordan Resigns Over Iraq Remarks, in: Washington Post vom 12. 2. 2005, http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A17462 - 2005Feb11.html (5. 8. 2006).
12.
Vgl. Frank Esser, Gehemmter Investigativgeist. Enthüllungsjournalismus im internationalen Vergleich, in: Message, 2 (1999), S. 26 - 31.
13.
Peggy Noonan, The Blogs Must Be Crazy, in: WallStreet Journal vom 17. 2. 2005, http://www.opinionjournal.com/columnists/pnoonan/?id=110006302 (5. 8. 2006).