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10.3.2006 | Von:
Roland Götz

Deutschland und Russland - "strategische Partner"?

Enge Energiebeziehungen

Die wirtschaftlichen Beziehungen werden auf beiden Seiten im Allgemeinen positiv gewertet, allerdings werden die engen Energiebeziehungen aus deutscher Sicht gleichzeitig als problematisch eingestuft. Deutschland, das 97 Prozent seines Erdölverbrauchs und über 80 Prozent seines verbrauchten Erdgases importieren muss, hat in Russland einen verlässlichen Großlieferanten gefunden. Aus Russland kamen 2004 rund 34 Prozent der deutschen Erdöleinfuhren und 42 Prozent der Erdgasimporte (vgl. Tabellen 3 und 4).

Was bedeutet diese enge Verflechtung auf dem Energiegebiet? Gewährt sie Energiesicherheit, oder bringt sie gefährlich hohe Energieabhängigkeit? Was die numerischen Relationen anbelangt, so lässt sich aus ihnen unmittelbar kein Urteil ableiten. Deutschland, das von Energieträgerexportländern umgeben ist, kann sich einer hohen Diversifizierung seiner Energieimporte erfreuen. Aber wird das in Zukunft so bleiben, wenn Deutschland noch mehr Erdöl und Erdgas von Russland beziehen wird? Russland besitzt neun Prozent der weltweiten Vorräte an konventionellem Erdöl sowie 34 Prozent der Erdgasvorkommen.[9] Die Erdöl- und Erdgasfelder sind über das gesamte Territorium der Russischen Föderation verteilt, wobei der Schwerpunkt der Förderung gegenwärtig in Westsibirien liegt (vgl. Karte1). Freilich kann keine Rede davon sein, dass Russland gegebenenfalls etwa an Stelle des Nahen Ostens die Versorgung der westlichen Länder mit Erdöl übernehmen könnte, denn Russland verfügt über keine ungenutzten Reservekapazitäten. Für Europa, dessen Erdölverbrauch bis 2025 noch um ein Drittel zunehmen wird, dürfte es ein zuverlässiger Lieferant im bisherigen Umfang bleiben, wobei zusätzliche Erdölimporte vorwiegend aus dem Nahen Osten, aus Afrika und dem kaspischen Raum zu erwarten sind.[10] Da der deutsche Erdölbedarf künftig abnehmen wird, wird bei gleichbleibender Liefermenge der Anteil Russlands am deutschen Erdölimport auf rund 40 Prozent ansteigen.[11]

Russisches Erdgas hat auf dem europäischen Markt eine dominierende Stellung, denn es kann durch die noch aus sowjetischen Zeiten stammenden Pipelinenetze aus westsibirischen Gasfeldern preisgünstig geliefert werden. Künftig werden bei steigenden Kosten der sich in die Barentssee und die Jamal-Halbinsel verlagernden russischen Erdgasförderung die Importe aus Afrika und dem Nahen Osten erhöhte Anteile gewinnen, und Russlands relativer Anteil an den europäischen Erdgasimporten wird sinken. Russlands Erdgaslieferungen werden davon abgesehen zunehmend Richtung China und Japan gelenkt werden (vgl. Karte 2). Dies wird Europas Versorgung allerdings nicht tangieren, da dafür überwiegend ostsibirische und fernöstliche Vorkommen in Anspruch genommen werden, die für den europäischen Markt wegen der hohen Transportentfernung ohnehin nicht in Frage kommen.[12] Auch das Erdöl, das durch neue Pipelines nach China und zur Pazifikküste transportiert werden soll, wird vorwiegend aus ostsibirischen Feldern und von Sachalin kommen, jedoch nicht aus den für Europa wichtigen westsibirischen Feldern. Eine geopolitische Konkurrenz zwischen Deutschland bzw. Europa einerseits, Asien und den USA andererseits um russisches Erdöl und Erdgas wird daher nicht drohen.[13]

Die deutschen Erdgasimporte werden bis 2025 um rund 25 Prozent auf dann rund 105 Mrd. Kubikmeter ansteigen.[14] Da absehbar ist, dass bis dahin die Einfuhren aus den Niederlanden, Dänemark und Großbritannien zurückgehen werden, während die Erdgasbezüge aus Norwegen etwa auf gleicher Höhe bleiben dürften, müssten die Importe Deutschlands aus Russland um rund zwei Drittel auf rund 60 Mrd. Kubikmeter zunehmen. Sie werden dann ab 2020 einen Anteil von 55 bis 60 Prozent der gesamten deutschen Erdgasimporte ausmachen. Deutschland läge mit dieser numerischen Abhängigkeit in dem Bereich, den die östlichen EU-Länder aufweisen.[15] Ob dies als zu hoch angesehen wird, hängt von der Bewertung Russlands als politisch zuverlässigem Partner ab. Weil die Gasexporte nach Deutschland ein Viertel der russischen Erdgasexporte nach Europa ausmachen, ist offensichtlich, dass die Abhängigkeit allenfalls gegenseitiger Natur ist. Eine einseitige Abhängigkeit und damit eine potenzielle Bedrohung der deutschen Energiesicherheit ist somit nicht gegeben.[16]

Zunehmende deutsche Energieträgerimporte aus Russland werfen die Frage nach der Verfügbarkeit und Sicherheit der Transportwege aus dem Osten auf. Die Transportwege für Erdöl und Erdgas aus Russland Richtung Europa führen durch Gelände, das nicht durch Erdbeben gefährdet ist und weniger als andere Weltgegenden zum Operationsgebiet von Terroristen gehört. Unterbrechungen der Fernpipelines durch Transitstaaten (Belarus und die Ukraine im Zusammenhang mit Streitigkeiten über Gaspreise bei der Inlandsversorgung) waren bislang äußerst kurzfristigund beeinträchtigten die Gasversorgung Deutschlands und Europas nicht. Auf alle Fälle könnte, so wird argumentiert, die geplante Nordeuropäische Gaspipeline (NEGP) (bzw. "Ostseepipeline") einen wichtigen Beitrag zur deutschen Energiesicherheit leisten, weil sie nicht durch potenziell unsichere Transitländer (gemeint sind die Ukraine, Belarus und Polen) verläuft (vgl. Karten 3 und 4).

Die Ostseepipeline hat erhebliche Proteste in den baltischen Staaten und in Polen hervorgerufen, die vor allem auf den dort entstandenen Eindruck einer absichtlichen Umgehung dieser Staaten und einer Einigung Deutschlands und Russlands über ihre Köpfe hinweg zurückzuführen sind.[17] Hierbei wurde deutlich, wie wichtig eine rechtzeitige Information und Konsultation aller von der deutschen Russlandpolitik betroffenen Staaten ist. Der rationale Kern der Verstimmung im Baltikum und in Polen besteht darin, dass die alternativen Möglichkeiten einer Erweiterung der russischen Gastransportkapazitäten nach Westen, nämlich die vorgesehene geplante Verdoppelung der Jamal-Pipeline durch Belarus und Polen von 30 Mrd. Kubikmeter auf 60 Mrd. pro Jahr bzw. der Ausbau des ukrainischen Pipelinenetzes (gegenwärtig rund 120 Mrd. Kubikmeter, erweiterbar auf 190 Mrd. pro Jahr) durch den Bau der Ostseepipeline mit ihrer Endkapazität von 55 Mrd. Kubikmeter pro Jahr faktisch hintan gestellt werden. Damit entgehen den betroffenen Staaten potenzielle Investitionen und Transitgebühren. Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass die Kapazitätserweiterungen des weißrussisch-polnischen bzw. des ukrainischen Netzes zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.


Fußnoten

9.
Vgl. Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Energiestudie 2004, www.bgr.bund. de (1.2. 2006), Tab. 7 und Tab. 11. Unter "konventionellem Erdöl" wird Erdöl verstanden, das durch Pumpen gefördert werden kann. Dazu kann Erdöl auf "unkonventionelle" Weise aus Schwerstölen und Ölsanden gewonnen werden.
10.
Nach der als optimistisch einzustufenden Prognose der Energy Information Administration (EIA) wird Russlands Export von Erdöl und Erdölprodukten je nach Entwicklung des Erdölpreises von 340 Mio. t (2005) auf 390 bis 450 Mio. t (2020) ansteigen. Die Exporte aus dem kaspischen Raum werden von 30 Mio. t (2005) auf 170 bis 195 (2020) Mio. t zunehmen. Siehe dazu Roland Götz, Rußlands Erdöl und der Welt-Erdölmarkt, SWP-Studie 40/2005, S. 24ff.
11.
Der deutsche Erdöl-Einfuhrbedarf wird bis 2025 wegen der zunehmenden Abkoppelung des Energieeinsatzes vom Wirtschaftswachstum von gegenwärtig über 100 Mio. t auf rund 90 Mio. t zurückgehen, siehe Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln (Hrsg.), Energiereport IV. Die Entwicklung der Energiemärkte bis zum Jahr 2030, München 2005, S. 380 ff.; siehe dazu auch die Kurzfassung: www.ewi.uni-koeln.de/content/e266/e563/e3009/EnergiereportIV_Kurzfassung_de_ger.pdf (1.2. 2006).
12.
Vgl. Roland Götz, Rußlands Erdöl und Erdgas drängen auf den Weltmarkt, SWP-Studie 34/2004, www.swp-berlin.org (1.2. 2006).
13.
Eine andere Meinung vertritt Alexander Rahr, Die neue OPEC. Wie Russland zur globalen Energie- Supermacht werden will, in: Internationale Politik, 31(2006) 2, S.15-23, www.internationalepolitik.de (13.2. 2006).
14.
Vgl. Energiewirtschaftliches Institut (Anm. 11).
15.
Vgl. Roland Götz, Nach dem Gaskonflikt. Wirtschaftliche Konsequenzen für Russland, die Ukraine und die EU, SWP-Aktuell 3/2006, hier Tab. 3, www.swp-berlin.org (1.2. 2006).
16.
Anders dagegen: Frank Umbach, Europas nächster Kalter Krieg. Die EU braucht endlich ein Konzept zur Versorgungssicherheit, in: Internationale Politik, 61 (2006) 2, S.6-14, www.internationalepolitik.de (1.2. 2006).
17.
Die sonstigen Streitpunkte wie seerechtliche Fragen, die von versenkten Sprengkörpern aus dem Zweiten Weltkrieg ausgehenden Gefahren sowie ökologische Bedenken werden sich unter Einbeziehung nicht nur der russischen und deutschen Seite, sondern auch der Ostsee-Anrainerstaaten klären lassen.

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