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10.3.2006 | Von:
Jutta Scherrer

Russlands neue-alte Erinnerungsorte

"Tag der nationalen Einheit"

Wie man sich erinnert, hatte bereits die historische Publizistik der Perestrojka die Oktoberrevolution zum Staatsstreich herabgewürdigt. Doch der nationale Feiertag am 7.November wurde auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 beibehalten. Zwar hatte Boris Jelzin 1997 die Erinnerung an die "Große Sozialistische Oktoberrevolution" zum "Tag der Eintracht und Versöhnung" umfunktioniert, doch der Durchschnittsrusse, der die so genannte "kollektive Erinnerung" verkörpert, wusste hiermit nicht viel anzufangen. Das von Jelzin für den neuen-alten Feiertag versprochene Mahnmal für die Opfer der Revolution ist bisher nicht errichtet worden. Dagegen blieb der Erinnerungsort an den einbalsamierten Führer der Revolution und Gründer des Sowjetstaates im Mausoleum auf dem Roten Platz trotz gelegentlicher Einwände von Öffentlichkeit und Kirche bis heute erhalten.

Wladimir Putin führte 2001 die alte sowjetische Nationalhymne wieder ein, die Jelzin 1990 durch eine Melodie aus Glinkas "Ein Leben für den Zaren" ersetzt hatte. Putin gab auch der Armee das rote Sowjetbanner mit dem Sowjetstern zurück, das Jelzin eingezogen hatte.[2] Schon meinten einige kritische Stimmen, das putinsche mit dem sowjetischen Russland gleichsetzen zu können. Doch jetzt fand sich nach längerem Suchen in Russlands ereignisreicher Geschichte eine Episode, wobei dem orthodoxen Christen Putin der Kirchenkalender zur Hilfe kam, die den Gedenktag an die Oktoberrevolution endgültig ablösen soll. Um die in mehr als sieben Jahrzehnten eingeübten Gewohnheiten des Volks nicht allzu sehr zu verunsichern, wurde mit Absicht ein Datum gewählt, das den "roten Tag" im Kalender nur um wenige Tage vorverlegt.

Am 4. November 2005 war das russische Volk erstmals aufgerufen, sich an ein Ereignis zu erinnern, das nach Meinung der Staatsduma am selben Tag im Jahre 1612 stattgefunden hat: Damals hatte eine von Nizhnij Nowgorod ausgehende Volkswehr unter dem Kommando des Bürgers Kozma Minin und des Fürsten Dmitrij Pozharskij den Moskauer Kreml von der polnischen Besatzung befreit. Aus der Sicht der Duma bedeutete dies das Ende der politischen "Wirren" (smuta), wie die Zeitgenossen die jahrzehntelange dynastische, soziale und nationale Krise schon damals nannten. Der erste Romanow kam auf den russischen Thron (1613) und mit ihm neue Wertvorstellungen über die russische Staatsmacht, wie Putins Hofhistoriker Andrej Sakharow in der "Literaturnaja gazeta" in Erinnerung rief.[3] Putin selbst erklärte in einer Ansprache auf dem Roten Platz in unmittelbarer Nähe des Denkmals von Minin und Pozharskij, das ihnen "das dankbare Russland" bereits 1818 aufgestellt hatte: "Der Kreml war das politische und geistige Zentrum Russlands. Die polnischen Besatzer bedrohten die Existenz des gesamten russischen Staates. Die Befreiung wurde durch den Zusammenschluss des Volkes möglich, dessenVertreter unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen, Nationalitäten und sozialen Schichten angehörten. Das ist besonders symbolisch und wichtig für unseren Vielvölkerstaat. Solange wir eine solche Einheit im Inneren spüren, wird Russland unbesiegbar bleiben."[4]

Die Analogie zu der von Putin seit Beginn seiner Herrschaft unablässig wiederholten Forderung nach dem starken russischen Zentralstaat und dem einheitlichen Volk aller Russländer ist offensichtlich. Die neue Wertvorstellung von der "Wiedergeburt Russlands" auf der Grundlage der nationalen Einheit und der "gelenkten Demokratie" soll die "Wirren" der neunziger Jahre endgültig beenden. Dass das Datum des 4. November keineswegs historisch belegt ist und die "Wirren" des 17. Jahrhunderts auch nicht an einem einzigen Tag, ja nicht einmal im Laufe eines Jahres beigelegt waren, braucht den Politiker Putin nicht weiter zu irritieren. Schwerer wiegt allerdings, dass das russische Volk von dem neuen-alten Erinnerungsort wenig überzeugt ist. Nicht mehr als acht Prozent der Bevölkerung konnten sich laut Umfragen an das von Putin beschworene historische Datum erinnern, das sich übrigens in keinem Geschichtsbuch findet. Nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung nahm an den landesweit organisierten Feierlichkeiten teil.[5] Eine gewisse Nostalgie nach dem Herzstück der sowjetischen Identitäts- und Vergangenheitspolitik blieb keineswegs nur bei den Kommunisten zurück. Meinungsumfragen zufolge ist für ein Drittel der Bevölkerung der 7. November noch immer "der wichtigste Tag in der russischen Geschichte".[6] Vor allem aber ist es die Gewohnheit an zwei arbeitsfreie "Revolutionstage", die stärker ist als alle putinsche Staatsräson.

Nicht zuletzt deshalb ließ sich der Revolutionsfeiertag nicht gänzlich dem Vergessen überantworten. Er findet sich jetzt gleichberechtigt neben anderen offiziellen Gedenktagen wie dem 1. Mai, dem Tag der Frauen, dem Tag der Verteidiger der Heimat, die aus der Sowjetära übernommen wurden, und den neuen, vom postkommunistischen Russland eingeführten Gedenktagen, zu denen auch kirchliche Feiertage gehören. Zudem wird ab diesem Jahr am 20. Dezember der sowjetische "Tag der Mitarbeiter der Sicherheitsorgane" wieder begangen.


Fußnoten

2.
Vgl. Jutta Scherrer, Zurück zu Gott und Vaterland, in: Die Zeit, Nr. 31 vom 26.7. 2001, S. 31.
3.
Andrej Nikolaevic Sakharov, Kogda ukhodit Smutnoe vremja, in: Literaturnaja gazeta, Nr. 45 - 46 vom 2.-8.11. 2005, S. 3.
4.
www.regnum.ru/news, 4.11. 2005; www.Russland. ru, 4.11. 2005.
5.
Darunter einige Tausend junge Ultranationalisten, die die Losung "Russland für die Russen" propagierten und gegen "mafiose Aserbaidschaner", "tadschikische Drogenschmuggler" und "amerikanisches Ungeziefer" protestierten.
6.
Izvestija vom 3.1. 2005.

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