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10.3.2006 | Von:
Jutta Scherrer

Russlands neue-alte Erinnerungsorte

"Tag des Sieges"

Der wichtigste aus der sowjetischen Vergangenheit verbliebene Gedenktag, der auch in der postsowjetischen Erinnerungskultur den bedeutendsten Platz einnimmt, ist der "Tag des Sieges" (Den' pobedy), der 9. Mai. Er erinnert weiterhin daran, dass der Sieg über den Nationalsozialismus die Sowjetunion zur Weltmacht und den Vereinigten Staaten ebenbürtig machte, und trifft damit nach wie vor den Konsens aller Schichten der russischen Gesellschaft. Emotional und moralisch bedient die Erinnerung an den Sieg im Zweiten Weltkrieg den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit, die in die als weniger glorreich empfundene Gegenwart hineinreicht. Die staatliche Veranstaltung des Kriegsgedenkens kehrt in alter wie in neuer Stärke den unbesiegbaren russischen Staat hervor, dessen Kontinuität Putin zu konsolidieren sucht. So wie die Russische Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion ihr Erbe antrat, hat sie sich auch uneingeschränkt als Siegermacht an die Stelle der ehemaligen Sowjetunion gestellt.

Im Hinblick auf den Krieg als das "zentralste" Ereignis der kollektiven Erinnerung klaffen öffentliches und privates Gedächtnis noch immer nicht weit auseinander.[7] In den Familien ist das Gedenken an die Opfer des Krieges weiterhin lebendig, auch wenn die unmittelbaren Zeitzeugen immer weniger werden. Junge Paare begeben sich am Tag ihrer Eheschließung nach wie vor zum Grab des "Unbekannten Soldaten". Freiwillige Jugendgruppen suchen in den Sommerferien alte Schlachtfelder nach Überresten der Gefallenen ab, um diese endlich würdig zu bestatten. Wie zu sowjetischer Zeit instruiert der Großteil der Schulbücher ausführlich über die Schlachten im "Großen Vaterländischen Krieg", der nach sowjetischer Tradition vom deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bis zum 9. Mai 1945 gerechnet wird (die Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai wurde nach Moskauer Uhrzeit dort erst in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages bekannt). Unmengen an populärer Kriegsliteratur in den Buchhandlungen sowie die Repräsentation der Roten Armee in den Medien erinnern vor allem an den Sieg, weniger an die gewaltigen Verluste, und bezwecken damit, das Bild der Sowjetunion in ihrer Großmachtstellung und als Supermacht aufrechtzuerhalten.

Dass vor allem jüngere Historiker beginnen, diesen Mythos in Frage zu stellen, und Themen erörtern, die bisher tabu waren (wie die Kollaboration in der Ukraine und Weißrussland, die Deportationen nichtrussischer Volksgruppen wie der Wolgadeutschen, Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen oder das Verhalten der Roten Armee gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung), hat auf den öffentlichen Umgang mit diesem Teil der sowjetischen Vergangenheit bisher keinen Einfluss. Der offizielle Diskurs ist allein an der für die "Realpolitik" sinnstiftenden Darstellung Russlands als Großmacht orientiert. Deshalb hatte Putin 2001 auf einer Begegnung mit Historikern gefordert, die Verdienste des siegreichen Russland, vor allem die Rolle seiner Generäle, stärker hervorzuheben.[8]

Der Erinnerungskult an den siegreichen Krieg ist ein Beweis dafür, dass die sowjetische Vergangenheit ungeachtet der Schreckensherrschaft Stalins nicht als belastet gilt und deswegen auch nicht "bewältigt" werden muss.[9] Er ist emotional und moralisch eine Art Deckschild für den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit - das einzig Positive, was von der Sowjetunion übrig geblieben ist, wie es aus kritisch-nostalgischem Mund oft zu hören ist. Trotz der erschütternden Aufdeckung der Stalin'schen Repressionen zur Zeit der Perestroika war die Erinnerung hieran schnell verblasst. Heute ist Stalin wieder für viele Russen eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes und einer der größten Weltpolitiker. Der Autoritarismus und die Diktatur des "starken Mannes an der Spitze" werden als notwendige Mittel zur damaligen Transformation Russlands eingeschätzt. Auf eine im Januar 2005 durchgeführte Umfrage, wie die Befragten dem Vorhaben gegenüberstünden, zum 60. Jahrestag des Siegs ein Stalin-Denkmal aufzustellen, antworteten 29 Prozent "positiv", 37 Prozent "negativ" und 28 Prozent "gleichgültig".


Fußnoten

7.
Allerdings zeigen von der Menschenrechtsorganisation Memorial mit Unterstützung der Körber-Stiftung organisierte Geschichtswettbewerbe, die Schüler ermunterten, Familienangehörige über ihre Kriegserfahrungen zu befragen, das wahre Ausmaß der Tragödie und sind somit weit von der offiziellen Verherrlichung des Krieges und dem Patriotismus entfernt. Vgl. hierzu Irina Scherbakowa (Hrsg.), Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2003.
8.
Irritiert von der Vielzahl der Lehrbücher, die der russische Markt seit dem vergangenen Jahrzehnt für den Geschichtsunterricht anbietet, plädierte Putin später auch für ein landesweit gültiges Einheitsgeschichtsbuch. Nach seinen Vorstellungen hat ein Geschichtsbuch die Gesellschaft zu konsolidieren und nicht verschiedene Meinungen zu repräsentieren. Hierzu Jutta Scherrer, Geschichte? Aber bitte nur eine!, in: Die Zeit, Nr. 19 vom 4.5. 2005, S. 46.
9.
Vgl. Andreas Langenohl, Patrioten, Verräter, genetisches Gedächtnis. Der Große Vaterländische Krieg in der politischen Deutungskultur Russlands, in: Marina Ritter/Barbara Wattendorf (Hrsg.), Sprünge, Brüche, Brücken. Debatten zur politischen Kultur in Russland aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft, Kultursoziologie und Politikwissenschaft, Berlin 2002, S. 121. Langenohl vertritt die Ansicht, dass die Integrationskraft, die der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland zugesprochen wurde, angesichts laut gewordener dissidenter Stimmen insbesondere seit 1995 in Frage gestellt wird.

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