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10.3.2006 | Von:
Jutta Scherrer

Russlands neue-alte Erinnerungsorte

Russisch-sowjetische Mischidentität

Nach der aufklärerischen Phase der Perestroika ist in Jelzins und Putins Russland ein Patchwork nationaler Mythenarsenale politisch funktionalisiert worden, das quer durch die russische und zu einem geringeren Anteil auch durch die sowjetische Vergangenheit geht. Isabelle de Keghel spricht zu Recht von einer "russisch-sowjetischen Mischidentität", die sich das postkommunistische Russland konstruiert.[10] Hier ist nicht der Ort, um die zahlreichen Beispiele des Umgangs mit der Vergangenheit zu nennen, die von der Erinnerung an mittelalterliche Schlachten bis zur Evozierung der positiven Seiten von Stalin und Dzerzhinskij (der Gründer der Tscheka) gehen. Erwähnt sei nur, dass zur Suche nach brauchbaren Erinnerungsorten auch die religiös konnotierte Dimension der Erinnerung gehört. So wird immer wieder die Forderung nach einem christlich-orthodoxen Begräbnis von Lenins "corpus delicti" laut. Konnte sich die Kirche hierbei bisher nicht durchsetzen, so ermöglichte sie die Beisetzung Anton Denikins auf dem Friedhof des zum Patriarchat gehörenden Donskoj-Klosters. Die Überführung der sterblichen Reste des 1947 in der amerikanischen Emigration verstorbenen Generals der Weißen Armee, der in der Sowjetunion als Verräter galt, geschah mit den Worten des Patriarchen Alexej II. als Symbol der "Vereinigung unseres Volkes, das durch die tragische Geschichte unseres Jahrhunderts geteilt wurde". Unter den Klängen der Sowjethymne, in die neue-alte russische Flagge mit dem zaristischen Emblem des zweiköpfigen Adlers gehüllt, wurde Denikins Sarg mit dem Segen der Kirche nunmehr endgültig der Heimaterde übergeben.

Nach der Auflösung der Sowjetunion ist die russisch-orthodoxe Kirche ein Hauptfaktor der nationalen und kulturellen "Identitätspolitik" geworden. Als einzige Institution, die ihre Wurzeln im vorrevolutionären Russland hat, ist sie in der "Erinnerung" vieler Russen mit der Vorstellung einer "heilen Vergangenheit" verbunden. Weihnachten und Ostern wurden wieder arbeitsfreie Feiertage. An den Festgottesdiensten, die landesweit vom staatlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, nimmt das Staatsoberhaupt sowie die neue Nomenklatura teil. Auch andere kirchliche Feste wie Pfingsten, Mariä Himmelfahrt sowie die Gedenktage nationaler Heiliger wie Sergej von Radonezh und Serafim von Sarow werden wieder wahrgenommen und dank der Medien einem größeren Publikum bekannt gemacht.

Gewiss sieht die Verfassung (Artikel 14) die Trennung von Staat und Kirche vor, doch die historische Rolle der Orthodoxie als Staatskirche in vorrevolutionärer Zeit ist allgegenwärtig und wird besonders von kirchlichen Würdenträgern erinnert. Für manche Stimme aus dem höheren Klerus ist orthodox wieder identisch mit russisch und russisch mit orthodox, wie einst im Reiche der Zaren. Die von Jelzin wie von Putin geforderte "geistige und moralische Wiedergeburt Russlands" auf der Grundlage der Orthodoxie wird von allen politischen Lagern - Kommunisten, Nationalisten und westlichen Liberalen - geltend gemacht. Die Kirche gilt als Träger der Tradition eines starken Staates und soll das fehlende Band zwischen Staat und Gesellschaft knüpfen. Der Wiederaufbau der einst von Stalin gesprengten Moskauer Christus-Erlöser-Kirche wurde vom Patriarchen Alexis II. und Jelzin gemeinsam unternommen als "Symbol der Größe der Macht Russlands". Die orthodoxe Kirche bzw. die Orthodoxie steht auch immer dann für Russlands "Eigenständigkeit" (samobytnost'), wenn es darum geht, westliche Einflüsse als schädlich zu verwerfen und Russlands "eigene Werte" von dem "Anderen", das heißt dem Westen abzugrenzen. Nicht zuletzt war die Kirche auch für die Wahl des 4. November als "Tag der nationalen Einheit" mitverantwortlich, steht doch im Kirchenkalender schon seit dem 4. November 1649 das Datum der Befreiung Russlands von den "katholischen Polen" als Tag der wundertätigen Ikone der Kazaner Gottesmutter verzeichnet in Erinnerung an die Mannschaft aus Kazan, die für die Befreiung Moskaus ihre eigene Ikone mitgebracht hatten.[11]


Fußnoten

10.
Vgl. Isabelle de Keghel, Die Staatssymbolik des neuen Russland im Wandel. Vom antisowjetischen Impetus zur russländisch-sowjetischen Mischidentität, Bremen 2004.
11.
Vgl. Vladislav Nazarov, Cto budut prazdnovat' v Rossii 4 nojabrja 2005 goda?; in: Otecestvennye zapiski, (2004) 5, S. 85 - 96.

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