APUZ Dossier Bild

10.3.2006 | Von:
Jutta Scherrer

Russlands neue-alte Erinnerungsorte

Die "russische Idee"

In einer Zeit der Hochkonjunktur von Erinnerungskultur und Vergangenheitspolitik liefert Russlands Identitätssuche ein exemplarisches, wenn nicht fantastisches Anschauungsmaterial. Mit Erinnerungsarbeit im westlichen Verständnis hat der öffentliche Umgang mit Geschichte in Russland nichts gemein. Das soll er wohl auch nicht, geht es doch allein darum, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion angeschlagene Selbstdarstellung als Großmacht zu rekonstruieren. Für diesen Erinnerungsmythos ist jedes Bild und Abbild von Geschichte und Vergangenheit, das an Nationalgefühl, Patriotismus und imperiale Vorstellungen appelliert, von Nutzen. Für das Nationalbewusstsein, den russischen Sonderweg (samobytnost') und die Berufung des russischen Volkes wird die "russische Idee" (russkaja ideja) mobilisiert, die in Putins Worten für alle, ob Tataren, Baschkiren oder Tschetschenen gleichermaßen gilt: "Ohne Idee kann es keinen großen Staat geben."[12]

In einem gewissen Sinne ist die "russische Idee" an die Stelle der verloren gegangenen "kommunistischen Idee" getreten.[13] Mit Bitterkeit und Zynismus bedauert deshalb der angesehene russische Historiker Andrej Zorin die Abschaffung des 7. November: Damit sei die lebendige Erinnerung an ein historisches Ereignis, das "der Hauptgrund für all das Unglück, welches mein Land während der letzten hundert Jahre einschließlich der gegenwärtigen schleichenden Restauration erlitt", nur durch ein "Scheinbild" ersetzt.[14]

Die Erinnerung an den demokratischen Aufbruch der Perestroika, die vor zwanzig Jahren begann, ist wie vom Winde verweht. Als ihr geistiger Urheber, Alexander Jakowlew, im vergangenen Oktober starb, sprachen die Medien zwar von einer historischen Figur, doch von seiner Leistung für die Glasnost war keine Rede. Am Staatsbegräbnis nahm weder Putin und nicht einmal Michail Gorbatschow teil.

Angesichts einer politischen Konstellation, die bisher keine artikulierte Distanzierung von kommunistischer Herrschaftspraxis erkennen lässt und die Putin noch immer im Zusammenbruch der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" sehen lässt,[15] ist die Arbeit der privaten Organisation Memorial umso beachtlicher: Ihren vom Staat unabhängigen Mitarbeitern sind zahlreiche Dokumentenbände über das System des Terrors und des GULAG, die Erfassung von Abertausenden von Opfern der Repressionen (unlängst auf CD-ROM erschienen) und die Gründung von Menschenrechtszentren zu verdanken. Es ist nur zu hoffen, dass die Existenz von Memorial nicht durch die neue Gesetzgebung über die staatliche Kontrolle von Nichtregierungsorganisationen bedroht wird. Das wäre der verhängnisvollste Einschnitt in den bedeutendsten Versuch, der bisher zur Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit und damit zur Grundlage einer wahren Erinnerungskultur geleistet wurde.


Fußnoten

12.
Zit. nach Jakov Fruchtmann, Putins Versuch einer Rekonstruktion Russlands, in: Hans-Herrmann Höhmann (Hrsg.), Kultur als Bestimmungsfaktor, Bremen 2001, S. 120.
13.
Jutta Scherrer, Ideologie, Identität und Erinnerung. Eine neue Russische Idee für Russland?, in: Osteuropa, (2004) 8, S. 27 - 41.
14.
Andrei Zorin, A New Holiday for Old Reasons, in: Russia Profile, (2005) 1, S. 11.
15.
Poslanie Prezidenta Federal'nomu Sobraniju Rossijskoj Federacii, 25.4. 2005; www.rg.ru/2005/04/25/poslanie-text.html.

Dossier

Russland

Von Osteuropa bis in den äußersten Osten Asiens: So weit sich Russland erstreckt, so vielfältig ist auch das Land. Ein Überblick über Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur und Geografie eines Landes zwischen Autokratie und Modernisierung.

Mehr lesen