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26.11.2007 | Von:
Peter Weibel

Das Museum im Zeitalter von Web 2.0 - Essay

Zwischen Markt und Medien

Die Verhältnisse zwischen Markt, Medien und Museum haben sich seit den 1980er Jahren verschoben. Markt und Massenmedien dominieren das Kunstfeld. Der Markt (Auktionshäuser, Messen, Galerien) lebt vom Handel, von Verkauf und Kauf, von der Geldzirkulation. Die Museen sind seit dem Rückzug des Staates nicht mehr Teil der Geldzirkulation. Sie haben nicht mehr das Geld für Ankäufe. Sie sind auf private Spender, Sammler und Sponsoren angewiesen. Sie sind auf dem Markt nicht wettbewerbsfähig, weil sie nicht wie private Sammler agieren können. Die Medien leben als Unternehmen ebenfalls von Handel, von Verkauf und Kauf (der Zeitung, der Nachrichten etc.), also von der Geldzirkulation. So haben beide - Markt und Massenmedien - gemeinsame Interessen, und diese sind private Interessen, weil die Händler, die kaufen und verkaufen, private Individuen sind, die nach ihren eigenen Interessen handeln. Markt und Medien vereint aber nicht nur die Ökonomie des Geldes, also das Interesse am Profit, sondern auch die Ökonomie der Aufmerksamkeit.[2] Preise können Sensationen sein, Marktpreise allemal: Sie sichern Aufmerksamkeit, die ihrerseits Leser sichert. Die Leser sichern Werbeanzeigen, diese wiederum die Geldzirkulation. Die Massenmedien schenken dem Markt die Aufmerksamkeit, und der Markt den Massenmedien die Sensationen. Beide verbindet die Gier nach Aufmerksamkeit, die durch Geld geliefert wird, und beide verbindet die Gier nach Geld, das durch Aufmerksamkeit produziert wird. So werden private vices zu public virtues, private Interessen zu öffentlichen Tugenden, private Profite zu öffentlichen Werten, um Mandevilles Bienenfabel (1714) neu zu paraphrasieren.[3]

Die Museen können aufgrund ihrer finanziellen Schwäche am Handel mit Kunst nicht mehr teilnehmen. Sie sind dadurch sowohl von der Geldzirkulation als tendenziell auch von der Nachrichtenzirkulation und der öffentlichen Sphäre ausgeschlossen. Nur wenn die Museen die Sensationen liefern, welche die Medien brauchen, bekommen sie von diesen Aufmerksamkeit, weil die Medien damit Geld verdienen. Es hat sich aber zwischen Markt und Medien ein Kreislauf errichtet, der sich wechselseitig ernährt und selbst organisiert, also zu einem geschlossenen System tendiert, von dem die Museen eventuell ausgeschlossen werden. In diesem Kreislauf zwischen Markt und Medien, der zyklisch operiert, eben weil er ökonomisch ist, mit Konjunkturschwankungen zwischen Hausse und Baisse, werden Kunstwerke wie Aktien, Künstler wie Blue Chips behandelt, und Kunstbewegungen erleiden Konjunkturschwankungen auf dem Markt wie in den Medien. Es gibt Namen, dieplötzlich von allen wichtigen Sammlerngekauft werden und die in allen Medien stehen, aber zehn Jahre später beinahe vergessen sind. Es gibt Kunstbewegungen, die gehen in die Geschichtsbücher ein, aber zwanzig Jahre später sind ihre Akteure vom Markt und aus den Medien verschwunden.

In dieser Welt des Marktes und der Medien, wo Kunstbewegungen wie Konjunkturen und Aktienkurse behandelt werden, spielt die Wahrheit keine Rolle, sondern nur die mediale Aufmerksamkeit. Die Sensation als Maximum der Aufmerksamkeit und der monetäre Wert zählen, welcher wiederum von der Aufmerksamkeit als symbolisches Kapital verstärkt wird. Diese Aufmerksamkeit wird erzeugt durch die bekannten Techniken der Massenmedien wie Legendenbildung, Lüge, Fälschung, Fiktion, Skandalisierung, Übertreibung, Verzerrung - Techniken, derer sich die Künstlerinnen und Künstler oft selbst gerne bedienen bzw. bewusst damit operieren, weil sie sehen, dass sie damit die Aufmerksamkeit der Medien erreichen und auf diese Weise zu Ruhm, Glamour und Geld kommen. Markt und Medien verzerren also das Feld der Kunst. Die Welt des Marktes und die Welt der Medien ist nicht zur Gänze identisch mit der Welt der Kunst. So, wie die Wirtschaft der Wissenschaft nicht zur Gänze vorschreiben kann, was sie zu tun und zu forschen hat, weil die Wissenschaft vom Staat auch viel mehr geschützt und unterstützt wird als die Kunst, können auch Markt und Medien der Kunst nicht zur Gänze vorschreiben, was sie zu tun und wie sie sich zu entwickeln hat. Es gibt und gab Kunst jenseits von Markt und Medien.

Was kann nun ein Museum heute leisten? Es kann sich um jene Kunst kümmern, um die sich Markt und Medien nicht kümmern, auch wenn der Preis dafür ist, dass die Medien diese Arbeit nicht beachten, ihre Aufmerksamkeit nicht darauf richten, nicht bzw. nur marginal darüber publizieren. Das Museum heute, wenn es seine Aufgaben, seine Mission erfüllen will, kann natürlich nicht das gleiche wie der Markt und die Medien tun, sonst hätte es ja keine Raison d'Être, sonst gäbe es keinen Grund für seine Existenz. Das Museum soll nicht verzerren, sondern entzerren, es soll gegen die Konjunkturzyklen arbeiten und Geschichte rekonstruieren, nicht Legenden und Fiktionen in die Welt setzen, nicht lügen und fälschen, sondern soweit wie menschenmöglich versuchen, auf empirischer, wissenschaftlicher Basis die Wahrheit zu erzählen, es soll informieren statt desinformieren. Den verengten und verzerrten Blick, den Medien und Markt auf die Kunst werfen, soll das Museum erweitern und damit den Zugang zur Welt, den die Kunst selbst öffnet, offen halten. Dies ist Vermittlungsarbeit und Demokratie im tiefsten Sinne.

Fußnoten

2.
Vgl. Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München 1998.
3.
Vgl. Bernard Mandeville, Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile (The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits), zuletzt Frankfurt/M. 19982.