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26.11.2007 | Von:
Günther R. Mittler

Neue Museen - neue Geschichte?

Streitfall DDR-Geschichte

Getreu dieser Vorgehensweise verläuft seit Jahren auch die vom Bund intendierte und geförderte historische Aufarbeitung der SED-Diktatur. In diversen Konzeptionen zum erinnerungspolitischen Umgang mit der DDR hat die Politik seit 1990 auf das Fachwissen von Expertenkommissionen zurückgegriffen: von der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission über die sogenannte Vergin-Kommission, die Vorschläge für die Nutzung der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Berlin erarbeitete, bis hin zu der 2005 von der Vorgängerin des jetzigen Bundesbeauftragten einberufenen Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur". Letztgenanntes Gremium, bekannt auch als Sabrow-Kommission, hat in seinen nicht unumstrittenen Empfehlungen den Möglichkeiten einer künftigen musealen Gestaltung der DDR-Geschichte besondere Bedeutung zugemessen.[14]

Von der Bundesregierung aufgefordert, "Eckpunkte eines DDR-bezogenen Geschichtsverbundes zu formulieren, der die dezentrale Struktur der Erinnerungslandschaft beibehalten, aber die Orte des Erinnerns konzeptionell und praktisch stärker aufeinander beziehen und vernetzen sollte",[15] sprach sich die Kommission in ihrem Gutachten "für die zukünftige Ausrichtung der DDR-Aufarbeitung im Zusammenwirken von Musealisierung, Gedenkstättenarbeit und politischer Bildungsarbeit auf drei übergeordnete Themenbereiche aus." Diese lauteten: "Herrschaft - Gesellschaft - Widerstand", "Überwachung und Verfolgung" sowie "Teilung und Grenze".[16] Im Hinblick auf eine Visualisierung der DDR-Geschichte sollten alle drei Themenbereiche durch Ausstellungen bzw. Dokumentationen erfahrbar gemacht werden, dabei war jedoch die Forderung nach "einem Ort in der Hauptstadt, der die Machtmechanismen der SED-Diktatur und die Durchdringung von Herrschaft, Gesellschaft und Widerstand in der kommunistischen Diktatur darzustellen vermag" ein zentrales Anliegen der Kommission. Gewünscht wurde ein Museum im Zentrum Berlins, in dem "die Themen Widerstand und Opposition', Ideologie', Alltag in der durchherrschten Gesellschaft' und Mechanismen der Machtausübung' (...) in Ausstellungen zu präsentieren und darüber hinaus Informationsmöglichkeiten und Vermittlungsangebote zur Geschichte der DDR im deutschen und europäischen Kontext zu schaffen wären."[17] - Quasi ein Haus der Geschichte der untergegangenen DDR, jedoch im Unterschied zur existierenden Einrichtung in Bonn diesmal mit dem geschichtspolitischen Zweck der Tradierung einer negativ konnotierten Erinnerung.

Nun hatte die Kommission das Pech, in Zeiten einer politischen Machtverschiebung agieren zu müssen. Noch unter der Rot-Grünen Bundesregierung eingesetzt, hatte sie nach der Bundestagswahl im September 2005 nicht nur einem neuen, aus Reihen der CDU stammenden Bundesbeauftragten zu berichten, sondern sah sich darüber hinaus mit einem in der Öffentlichkeit wiedererstarkten konservativen Selbstbewusstsein konfrontiert. Neben einiger berechtigter Kritik erinnerten die erhobenen Vorwürfe an den Vorschlägen der Kommission doch auf erstaunliche Weise an frühere Argumentationsweisen aus der in den 1980er Jahren geführten Debatte um die Gründung des Hauses der Geschichte und des Deutschen Historischen Museums - nur diesmal von der anderen Seite. Waren es damals die Bedenken von Linken wie Linksliberalen gegenüber einem staatlich verordneten konservativen Geschichtsbild,[18] machten nun eher konservative Stimmen gegen eine befürchtete Verklärung der DDR-Diktatur durch ein allzu sehr "linkes" Geschichtsbild mobil.

Hinter der von der Kommission befürworteten Schwerpunktsetzung auf den DDR-Alltag vermutete mancher Kritiker einen von Rot-Grün verordneten Paradigmenwechsel in der geschichtlichen Aufarbeitung des zweiten deutschen Staates, eine Weichzeichnung der SED-Diktatur.[19] "Geschichtspolitische Zielsetzungen und Interessen", so Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das im Gegensatz zur "Konkurrenz" vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam kein Kommissionsmitglied stellte, seien nicht nur "maßgeblich für Entstehungsweise und Zusammensetzung" gewesen, sondern "diese Interessen spiegeln sich [auch] im Gutachten".[20]

Derartige Stellungnahmen zeugen von der Existenz einer Rivalität, die über die rein wissenschaftliche Auseinandersetzung hinausgeht; sie sind Ausdruck eines Gegensatzes zwischen den Fachvertretern als Angehörige bzw. Befürworter der unterschiedlichen politischen Geisteshaltungen. Darüber hinaus unterstreichen sie den Wettbewerb um materielle wie immaterielle Ressourcen: Wer als wissenschaftlicher Experte in den Dienst der Politik berufen wird, darf sich nicht nur über eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für seine Person sowie für die beschäftigende Forschungseinrichtung, sondern nicht selten auch über zusätzliche Finanzmittel freuen.[21]

In Anbetracht der teilweise doch geharnischten Kritik an den Empfehlungen der Sabrow-Kommission mag es erstaunen, dass der Kulturstaatsminister in seinem dem Ausschuss für Kultur und Medien im Sommer 2007 vorgelegten Entwurf zur Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption nicht wenige Vorschläge des Expertengremiums aufgegriffen hat - und sich dennoch im Hinblick auf die museale Präsentation von DDR-Geschichte vom Gutachten unterscheidet. Ausgehend von einer Erinnerungspolitik, die einerseits die Aufarbeitung von Ursachen und Folgen sowohl der nationalsozialistischen als auch der SED-Diktatur zu betreiben und "die Erinnerung an das Unrecht wach [zu] halten" habe sowie andererseits "das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und der SED-Diktatur vor allem am Ort ihrer Leiden in angemessener Weise [zu] würdigen und Wissen über die historischen Zusammenhänge [zu] vermitteln habe",[22] sollen Museen und Ausstellungen zusammen mit Gedenkstätten wie bisher einen Schwerpunkt innerhalb der staatlich geförderten Erinnerungsarbeit bilden. Innerhalb eines sogenannten "Geschichtsverbundes SED-Unrecht" - im Gegensatz zu dem unter der Vorgängerregierung gewählten Begriff "Geschichtsverbund Aufarbeitung der SED-Diktatur'" scheint hier der Unrechtscharakter des SED-Regimes im Sinne der konservativen Kritiker eine deutlichere Gewichtung erhalten zu haben. So soll das Thema "Teilung und Grenze" im "Tränenpalast" (ehemalige Grenzübergangsstelle in Berlin-Mitte) museal aufbereitet werden, die Themen "Überwachung und Verfolgung" sowie "Widerstand gegen die Diktatur der SED" in der Normannenstraße (ehemalige Zentrale der Staatssicherheit). Das Thema "Alltag in der DDR" soll hingegen keinen räumlich fest zugewiesenen Platz in Berlin erhalten. Stattdessen sollen sich die Dauerausstellungen des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, des Deutschen Historischen Museums in Berlin sowie des Hauses der Geschichte in Bonn dem Alltagsleben in der DDR widmen.[23]

Von einem Museumsneubau in der Hauptstadt - Heimstätte einer Gesamtausstellung zur DDR-Geschichte, wie sie die Sabrow-Kommission, aber auch mancher Kritiker empfohlen hatte[24] - ist im Entwurf des Kulturstaatsministers keine Rede. Ob dafür alleine finanzielle Gründe ausschlaggebend sind oder ob sich dahinter vielleicht geschichtspolitische Motive verbergen, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Man darf in jedem Fall gespannt sein, inwieweit der Ausschuss für Kultur und Medien dem Konzept folgen wird und ob jüngste Ereignisse wie der angebliche Sensationsfund eines Stasi-Schießbefehls, der in ähnlicher Form jahrelang als Exponat im Informations- und Dokumentationszentrum der Birthler-Behörde zu sehen war und so den musealen Umgang mit der DDR-Geschichte in Frage stellt, die Entscheidung der Politiker beeinflussen wird.[25]

Fußnoten

14.
Vgl. Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, hrsg. v. Martin Sabrow u.a., Göttingen 2007.
15.
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Dr. Christina Weiss, im Berufungsschreiben an die Mitglieder der Kommission, 28. 4. 2005, zit. nach: M. Sabrow, Zur Entstehungsgeschichte des Expertenvotums, in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 7 - 16, hier S. 9.
16.
Empfehlungen der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur", in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 17 - 41, hier S. 23.
17.
Ebd., S. 33.
18.
Vgl. Jürgen Habermas, Zum neokonservativen Geschichtsverständnis und zur Rolle der revisionistischen Geschichtsschreibung in der politischen Öffentlichkeit, in: Geschichtswerkstatt Berlin (Hrsg.), Die Nation als Ausstellungsstück. Kritik und Utopien zu den Museumsgründungen in Bonn und Berlin, Hamburg 1987, S. 43 - 49.
19.
Vgl. Michael Schwartz/Hermann Wentker, Erinnerungspolitik auf dem Holzweg. Zu den Empfehlungen der Expertenkommission für eine künftige "Aufarbeitung der SED-Diktatur", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 54 (2006), S. 517 - 521; dies., Kein Konsens über die "Konsens-Diktatur". Zur Reaktion Martin Sabrows auf unsere Kritik an seinem DDR-Aufarbeitungskonzept, in: Deutschland Archiv (DA), 39 (2006), S. 1080 - 1083.
20.
Horst Möller, Stellungnahme zu den Empfehlungen der Expertenkommission, Wortprotokoll der öffentlichen Anhörung, 6. 6. 2006, in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 51 - 59, hier: S. 52.
21.
Vgl. M. Sabrow (Anm. 15), S. 8.
22.
Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen. Entwurf des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption gemäß Koalitionsvertrag vom 11. 11. 2005 zur Vorlage an den Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, 22. 6. 2007, S. 2f.
23.
Vgl. ebd., S. 10 - 14.
24.
Vgl. H. Möller (Anm. 20), S. 58.
25.
Vgl. Vermeidbares Desaster, in: Der Spiegel, Nr. 34 vom 20. 8. 2007, S. 40f.; "Einwandfreies Schußfeld gewährleisten", 3. 5.1974, in: Matthias Judt (Hrsg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Berlin 1997, S.467 f.