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26.11.2007 | Von:
Günther R. Mittler

Neue Museen - neue Geschichte?

Erinnerungspolitik der Großen Koalition

Weitaus weniger Diskussionsbedarf scheint dagegen in Deutschland hinsichtlich der staatlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu bestehen. Hier hat sich in der deutschen Erinnerungskultur bis heute ein Konsens über die Bedeutung von Holocaust und NS-Verbrechen ausgebildet. War es nach der Wiedervereinigung noch zu lebhaften Debatten über den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der DDR und dessen Integration in ein Erinnerungskonzept des wiedervereinigten Deutschlands gekommen,[26] haben sich die Mahn- und Gedenkstätten der früheren DDR nach notwendiger Neugestaltung inzwischen zu beispielhaften "zeithistorischen Museen an authentischen Orten" entwickelt.[27] Gemeinsam mit den zahlreichen Erinnerungsorten des SED-Regimes[28] sind sie heute ganz dem Grundprinzip bundesdeutscher Erinnerungspolitik verpflichtet: der Aufrechterhaltung des "antitotalitären Konsens[es] in der Gesellschaft" und des "Bewusstsein[s] für den Wert der freiheitlichen Demokratie".[29]

Die staatlich dirigierte Orientierung an diesem Grundprinzip bedeutet allerdings nicht, dass die museale Visualisierung des Themas "Nationalsozialismus" diskussionsfrei und ohne wissenschaftliche wie zivilgesellschaftliche Kontrolle abliefe. Denn ebenso wie beim Ausstellungsgegenstand "SED-Diktatur" konkurrieren hier unterschiedliche Geschichtsbilder, erinnerungskulturelle Sichtweisen und museumspädagogische Ansätze miteinander; dies zeigt beispielhaft die speziell auf die Darstellung des nationalsozialistischen Völkermords zielende Kritik an der im Juni 2006 eröffneten Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums mit dem Titel "Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen". Es waren dabei vor allem längst überholte präsentationstechnische Standards und die ungeschickte Platzierung der Thematik "Holocaust" innerhalb der Ausstellung, die bei manchem Beobachter für Unmut sorgten.[30] Überhaupt scheinen die Schwierigkeiten in der musealen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weit weniger aus der Frage "Was soll gezeigt werden?" herzurühren; Probleme wie sie rund um die Topographie des Terrors, aber auch bei den nichtstaatlichen Ausstellungsorganisatoren der umstrittenen Wehrmachtausstellung aufgetreten sind, verweisen vielmehr auf die Relevanz der Frage "Wie, unter welchen Bedingungen, soll etwas gezeigt werden?"[31]

In Anbetracht der Tatsache, dass Museumsprojekte in Deutschland mit erhöhter politischer, wissenschaftlicher und medialer Aufmerksamkeit begleitet werden, ist es erstaunlich, dass ein Vorhaben wie die eingangs erwähnte Errichtung einer Dokumentations- und Ausstellungsstätte gegen Flucht und Vertreibung nach jahrelanger kontrovers geführter Debatte heute nahezu unbemerkt in die konkretere Planungsphase eingetreten ist. Anders als bei der Sabrow-Kommission ist es hier bisher nicht zu Diskussionen gekommen - weder um die Zusammensetzung des den Kulturstaatsminister beratenden Expertenkreises, noch um die inhaltliche Ausrichtung der Empfehlungen. Als Projekt der Großen Koalition scheint das in Berlin zu errichtende "sichtbare Zeichen" zumindest in der Entwurfsphase auch ein Ausdruck eines Konsenses in der Erinnerungspolitik der Koalitionspartner zu sein.

Es bleibt aber abzuwarten, ob die Ruhe in dieser Angelegenheit die regierungsinterne Abstimmung überdauern wird und inwieweit Opposition und Öffentlichkeit das Planungskonzept, von dem bis Redaktionsschluss noch nichts verkündet worden ist, rezipieren werden. Es bedarf aber keiner hellseherischer Fähigkeiten, um vorhersagen zu können, dass es nach Bekanntgabe des geplanten Ausstellungskonzeptes - wie immer es aussehen mag - einmal mehr zu einem politisch motivierten Kampf um das "richtige Gedächtnis"[32] kommen wird. Das Medium Museum wird dann wieder zu einem Vorwand in erster Linie der Geschichtswissenschaft werden, um eine Auseinandersetzung besonders über die Methoden der Geschichtsschreibung medienwirksam auszutragen. Ein Blick auf die in der Vergangenheit geführten Auseinandersetzungen um historische Ausstellungen legt diesen Schluss nur allzu nahe.[33] Gleichwohl lässt die heterogene Zusammensetzung des beteiligten Expertenkreises[34] darauf hoffen, dass die Ausstellung mit ihrem selbst formulierten Anspruch einer transnationalen, gesamteuropäischen Perspektive auf die Thematik "Flucht und Vertreibungen im 20. Jahrhundert" tatsächlich Ernst macht und damit nicht dem Weg einer musealen Visualisierung der nationalen Meistererzählung folgt. Überdies ist interessant, wie das "sichtbare Zeichen" in die Erinnerungslandschaft Berlin mit ihrem Schwergewicht auf der Aufarbeitung von nationalsozialistischem und SED-Unrecht integriert werden wird; wie eine solche Einrichtung die überladene Museums- und Gedenkstättenszenerie der Bundeshauptstadt sinnvoll ergänzen wird.

Fußnoten

26.
Vgl. Hasko Zimmer, Der Buchenwald-Konflikt. Zum Streit um Geschichte und Erinnerung im Kontext der deutschen Vereinigung, Münster 1999.
27.
Bernd Faulenbach, Die neue geschichtspolitische Konstellation der neunziger Jahre und ihre Auswirkungen auf Museen und Gedenkstätten, in: Volkhard Knigge/Ulrich Mählert (Hrsg.), Der Kommunismus im Museum, Köln-Weimar-Wien 2005, S. 55 - 69, hier: S. 64.
28.
Vgl. Annette Kaminsky (Hrsg.), Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Berlin 2007(2).
29.
Verantwortung wahrnehmen (Anm. 22), S. 2.
30.
Heidemarie Uhl, Learning from Berlin? Zur Darstellung des nationalsozialistischen Völkermords in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, in: www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/
dhm_uhl.pdf (4. 9. 2007).
31.
Vgl. Reinhard Rürup, Die Berliner "Topographie des Terrors" in der NS-Gedenkstättenlandschaft, in: Vorgänge, 44 (2005) 1, S. 75 - 93; Ulrike Jureit, Generationenprojekte? Die beiden Ausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht, in: Olaf Hartung (Hrsg.), Museum und Geschichtskultur, Bielefeld 2006, S. 159 - 170.
32.
Heinrich August Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 7 - 13, hier: S. 11.
33.
Vgl. Jürgen Kocka, Ein chronologischer Bandwurm. Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, in: Geschichte und Gesellschaft (GG), 32 (2006), S. 398 - 411.
34.
Neben dem Kulturstaatsminister, seinem Vertreter und einer unbekannten Zahl von Fachmitarbeitern gehörten zu dem Arbeitskreis drei Vertreter der Vertriebenenverbände, die Zeithistoriker Wlodzimierz Borodziej (Polen) und Krisztian Ungváry (Ungarn) sowie Karl Dedecius (ehem. Leiter des Deutschen Polen-Instituts) und Hans Maier (ehem. Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken). Referat Kultur und Medien beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, schriftliche Auskunft an den Autor, 9. 8. 2007.