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26.11.2007 | Von:
Martin Düspohl

Das Museum als sozialer Faktor

"Geschichte wird gemacht"

Anlässlich der offiziellen Aufhebung des Sanierungsgebietes Kottbusser Tor entstand in einjähriger Vorbereitungszeit die Ausstellung "Geschichte wird gemacht" zur Entwicklung des Viertels und seiner Bewohner seit Ende des Zweiten Weltkriegs.[5] Anhand von Bildern, Filmen, Modellen, Erinnerungen und Portraits wurde zugleich Bilanz gezogen über 40 Jahre kontinuierliche Stadtsanierung im Gebiet. An sechs vorbereitenden Arbeitsgruppen beteiligten sich über fast ein Jahr bis zu 100 Stadtteilbewohnerinnen und -bewohner:[6] Studierende, Rentner und Frührentner, meist jedoch Arbeitslose, die in der Regel handwerkliche, gestalterische oder wissenschaftliche Berufsausbildungen hatten. Ihr Motiv, sich zu beteiligen, war weniger das Interesse an Stadtteilgeschichte als die Möglichkeit, erworbene Qualifikationen sinnvoll einzusetzen, sich weiterzubilden, Berufserfahrungen in einem attraktiven Arbeitsfeld zu sammeln, im Team tätig zu sein oder ganz allgemein, etwas Sinnvolles im gemeinnützigen Zusammenhang zu tun. Sechs Honorarmitarbeiter übernahmen die Projektleitung.

Es war nicht zu erwarten, dass die Zusammenarbeit stets reibungslos verlaufen würde. Bei vielen Teilnehmenden - die Altersspanne reichte von 23 bis 58 Jahren - hatten sich nach erfolgloser Arbeitssuche bereits Perspektivlosigkeit und ein Gefühl der Sinnlosigkeit bisher erlangter Qualifikationen eingestellt. Das Ausstellungsprojekt ermöglichte ihnen, die eigenen Fähigkeiten kreativ zu erproben, neue und nützliche Kenntnisse zu erwerben, zu neuem Selbstbewusstsein zu gelangen und dem persönlichen Lebenslauf neue Impulse zu geben. Die so motivierte Mitarbeit implizierte jedoch die Tendenz zur blinden Konzentration auf die individuelle Aufgabe, mit deren Erfüllung man sich und andern etwas beweisen und die bisherigen Enttäuschungen im Berufsleben kompensieren wollte. So arbeiteten viele mit einem Perfektionismus, der nicht nur den Zeitplan durcheinander brachte, sondern nicht selten dem Ziel, eine Ausstellungspräsentation zu erarbeiten, zuwiderlief. Der Aufwand stand vielfach in keinem Verhältnis zum letztlich sichtbar gemachten, die Gefahr der Nicht-Verwendbarkeit des Erarbeiteten - und damit erneute Enttäuschungen - stellte sich unmittelbar ein. Arbeitsteiliges Vorgehen und Teamarbeit hatten viele Teilnehmer als Erfordernis für ein gutes Produkt bisher kaum kennen gelernt. Die Berufstätigen unter den Teilnehmern waren zeitlich unflexibel, andere mussten diversen Jobs nachgehen, um sich die Mitarbeit am Projekt "finanzieren" zu können, so dass Arbeitspensen und Arbeitsrhythmus bei Einzelnen erheblich divergierten. Ebenso wurde der notwendige Zeitaufwand teilweise stark unterschätzt. Verständlicherweise ließ die Motivation zuweilen nach, Zweifel entstanden, und die Gruppenleiter hatten alle Hände voll zu tun, die Teilnehmer zur weiteren Ausarbeitung ihrer Vorhaben zu ermuntern.

Unerfahrenheit und Unsicherheit im Umgang mit den Aufgaben provozierten nicht selten Missverständnisse und mangelnde Abstimmung. Die Museumsleitung nahm zwar an den Gesamt- und Gruppenleitertreffen teil, bot Anregungen, erörterte Fragen und Probleme und war bemüht, den Zeitplan durchzusetzen, hielt sich aber ansonsten im Hintergrund. Mit dieser Freiheit fühlten sich viele Teilnehmer überfordert. Sie erwarteten Anweisungen "von oben" und Entscheidungen der drei hauptamtlichen Museumskräfte: "Die müssen das doch schließlich wissen." Angesichts des Zusammenprallens unterschiedlichster Biografien, Motivationen und Erwartungen hat die Kooperation allerdings trotz Meinungsverschiedenheiten über Vorgehen und Kompetenzen und trotz kleinerer Krisen erstaunlich gut funktioniert. Nach der Eröffnung wurde die Ausstellung gleich im ersten Monat von 4 000 Menschen besucht, bis heute ist die Zahl der Besucher auf etwa 80 000 angewachsen.

Fußnoten

5.
Vgl. Verena Groß, Geschichte wird gemacht. Ein Projekt stadtteilorientierter Museums- und Bildungsarbeit in Berlin-Kreuzberg, unveröffentl. Manuskript der Projektkoordinatorin, 2003.
6.
Die im Folgenden verwendeten männlichen Bezeichnungen umfassen beide Geschlechter.