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26.11.2007 | Von:
Martin Düspohl

Das Museum als sozialer Faktor

Netzwerke im Kiez

Während der einjährigen Laufzeit des Projekts wurden zahlreiche Kooperationspartner und Helfer im Bezirk gewonnen. Dazu gehören Einzelpersonen ebenso wie Initiativen, Archive, Vereine und Institutionen. Ehemalige und aktuelle Gewerbetreibende, Mieter und Kneipeninhaber steuerten Exponate und Texte bei, öffneten ihre privaten Archive und verhalfen zu weiteren Ansprechpartnern und Ideen. Die Vielfalt und der Ehrgeiz der letztendlich etwa 200 aktiven Projekteilnehmer machten deutlich, dass Kreativität und Engagement in dem von neuer Armut geprägten Gebiet potentiell vorhanden sind, dem Quartier aber Chancen fehlen, dies auch dauerhaft zu nutzen. Eine berufliche Perspektive hat das Projekt den wenigsten Teilnehmern eröffnen können.

Eine Studie des Stadtsoziologen Olaf Schnur über Problemquartiere deutscher Großstädte bestätigt, dass "erhebliche Engagement-Potentiale bei den Bewohnern (...) vorhanden sind, deren Aktivierung jedoch (...) scheitert".[7] Als Gründe nennt Schnur die fehlende soziale und räumliche Nähe zwischen Bürgern und Politikern, verzerrend dramatisierende Negativzuschreibungen durch die Medien, Unterschätzung des Engagement-Potentials der Bewohner sowie soziale Polarisierung und Homogenisierung und fordert den Aufbau einer lokalen Engagement-Infrastruktur, die Förderung lokaler Identifikation sowie die dezentral-autonome Mittelverwendung im Quartier.[8] Methodik und Didaktik des hier vorgestellten Museumsprojekts sowie der intendierte Austausch zwischen der kommunalen Kultureinrichtung und der Stadtteilbevölkerung kommen den Postulaten Schnurs nicht nur sehr nahe, sondern stehen auch in der Tradition Kreuzbergs, dessen "Selbsthilfe- und Aktionsbündniskultur" der späten 1970er und frühen 1980er Jahre eine bemerkenswerte Infrastruktur geschaffen hat. Wenn es auch weiterer Anstöße bedarf, kann das Kreuzberger Ausstellungsprojekt als Initialzündung gesehen werden. Die hergestellten Netzwerke bilden eine dauerhafte Basis für neue Initiativen, Projekte und intensivierte Nachbarschaftskontakte.

In der Evaluierungsstudie über das Projekt[9] wurde die Frage erörtert, ob die Ausstellung, wäre sie von professionellen Museumsleuten erarbeitet worden, besser oder schlechter geworden und ebenso begeistert aufgenommen worden wäre. Die darin angestellten Überlegungen, welche die Standpunktabhängigkeit von Geschichtsarbeit verdeutlichen und den Sinn der Verwissenschaftlichung der Museen in Zweifel ziehen, führen die Autorin zu der Frage, für wen kulturhistorische Ausstellungen - speziell in städtischen Heimatmuseen - gemacht werden. Der Trend zu immer professioneller inszenierten und beworbenen Sonderausstellungen lässt auch die lokalhistorischen Museen nicht unberührt. Meist geht es bei der Themenwahl darum, insbesondere Ortsfremde anzulocken und ihnen eine touristische Attraktion zu bieten, so dass sich die Ortsansässigen von den kulturellen Angeboten weniger angesprochen fühlen. Dass Zeitzeugen und Laien eine hohe Vermittlungskompetenz entwickeln und verständlich dokumentieren können, hat das hier geschilderte Projekt gezeigt.

Möglicherweise repräsentiert die Ausstellung "Geschichte wird gemacht" einen Museumstyp, den Ralph Rugoff das "rührende Museum" nennt: Dies seien "Orte, an denen die übliche Rhetorik der Präsentation auf leicht verstümmelte, man könnte auch sagen: kreative Art und Weise artikuliert ist". Indem sie "hoffnungslos hinter der Idealnorm" zurückblieben, zeigten uns solche Museen "die offiziellen Repräsentationsmodelle in einem unabgeschlossenen Zustand", wodurch es dem Betrachter leichter falle, "diese Modelle als Konstrukte zu verstehen" und "die Willkürlichkeit unserer offiziellen Standards" zu reflektieren. Ebenso könnten uns rührende Museen zu "emotionalen Erlebnissen führen, die uns das zerbrechliche Wesen der Geschichte näher erfahren lassen als die gut geschützten Ausstellungen unserer größten Institutionen".[10] "Das derart zur Bewältigung seiner Vergangenheit animierte und aktivierte Publikum darf aber mit den Problemen, die dieser Vorgang in ihm auslösen kann, nicht leichtfertig allein gelassen oder auch lediglich als Materiallieferant missbraucht werden. Die Betroffenen' wie die Museen werden Hilfe brauchen bei diesem neuen, anspruchsvollen Umgang mit der Geschichte. Das kann durch die Einbindung in längerfristige Lern- und Arbeitsprozesse geschehen, die generell nicht anders als auf einer partnerschaftlichen Ebene organisiert werden sollten (...)".[11]

Fußnoten

7.
Olaf Schnur, Lokales Sozialkapital für die "soziale Stadt". Politische Geographien sozialer Quartiersentwicklung am Beispiel Berlin-Moabit, Opladen 2003, S. 346. Vgl. auch Rolf Keim/Rainer Neef, Ressourcen für das Leben im Problemquartier, in: APuZ, (2000) 10 - 11, S. 30 - 39.
8.
Letzteres ist in Kreuzberger Quartiersmanagementgebieten insofern ansatzweise realisiert, als ein Quartiersbeirat Projektfördermittel vergibt. Das Museumsprojekt "Geschichte wird gemacht" kam auf diese Weise zu seinem Etat von etwa 125 000 Euro.
9.
Vgl. V. Groß (Anm. 5).
10.
Ralph Rugoff, Der Nintendo-Holocaust und die Macht des Rührenden, in: Michael Fehr (Hrsg.), open box. Künstlerische und wissenschaftliche Reflektionen des Museumsbegriffs, Köln 1998, S. 325.
11.
H. Feidel-Mertz/W.-H. von Wolzogen (Anm. 4), S. 56.