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26.11.2007 | Von:
Martin Düspohl

Das Museum als sozialer Faktor

"Wir waren die ersten"

In der Wahrnehmung der Einwanderercommunities war Kreuzberg nie ein Ort dauerhafter Ansiedlung, sondern immer vorübergehender Aufenthaltsort, eine Art Durchgangsstation. Die Hoffnungen der türkischen Migranten richteten sich auf baldige Rückkehr ins Herkunftsland oder auf einen sozialen Aufstieg, was einem Weiterzug in den Berliner Westen entsprach. So entstand im Bezirk eine hohe Mobilität - ein Grund dafür, dass sich kein an den Ort gebundenes Traditionsbewusstsein entwickeln konnte. Über die Erfahrungen, die Menschen im Migrationsprozess machen, wird wenig tradiert.

Auch im Kreuzberg-Museum war wenig über die Einwanderungsgeschichte seit dem Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 und die Erfahrungen der Migranten bekannt. So wurde sie erst zum Gegenstand seiner Forschungen, Sammelkonzeption und Ausstellungstätigkeit, als die Einwanderer(kinder) selbst die fehlende Präsenz ihrer Geschichte im Stadtteilmuseum bemängelten. Bei der Vorbereitung der von 2000 bis 2002 gezeigten und in dieser Zeit kontinuierlich erweiterten Ausstellung "Wir waren die ersten - Türkiye' den Berlin' e" zum vierzigjährigen Jubiläum der türkischen Einwanderung nach Kreuzberg war das Museumsteam stark auf die Mitwirkung der "Erlebnisgeneration" angewiesen. Schon deshalb musste ein Prozess der Zusammenarbeit zwischen Museumsfachleuten und Migranten bzw. deren Nachfahren organisiert werden: Ehemalige "Gastarbeiter", die in den 1960er Jahren im Rahmen der Anwerbeabkommen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin gelangten, heute entweder dauerhaft hier leben, "pendeln" oder zurückgekehrt sind, also die Angehörigen der "ersten Generation", waren bei diesem Ausstellungsprojekt nicht nur Interviewpartner, sondern auch Leihgeber von Exponaten und teilweise auch selbst Ausstellungsproduzenten. Gespräche mit ihnen lösten bei den Interviewern und später beim Publikum zahlreiche "Aha-Effekte" aus, beseitigten Missverständnisse und trugen zur Korrektur des häufig lücken- und fehlerhaften Alltagswissens über die Gründe und den Verlauf der Migration bei. Die exemplarische Vorstellung ihrer Biographien, die konsequente Zweisprachigkeit der Ausstellung und der intergenerationelle Vergleich machten die Erfahrungen mit Kulturwechsel nachvollziehbar.

Das verbreitete Klischee, die ersten Gastarbeiter seien in der Regel männlich gewesen, hätten über keine qualifizierte Allgemein- und Berufsausbildung verfügt, aufgrund von Armut und Arbeitslosigkeit ihr Land verlassen und stammten aus ländlichen Regionen wie Anatolien, konnte schon nach wenigen Interviews revidiert werden. Die vom Konzern Telefunken angeworbenen türkischen Frauen hatten beispielsweise nichts gemein mit Klischeevorstellungen von "der türkischen Frau", wie sie heute kolportiert werden, wie ihre Erinnerungsfotos belegen. Die jungen Frauen, die in den 1960er Jahren kamen, waren urban orientiert und säkular eingestellt. Sie kleideten sich nach der damaligen Mini-Mode und verbanden ihren Wunsch nach Gelderwerb mit der Absicht, die Welt kennen zu lernen. Nach islamischer Vorschrift in lange Mäntel und Kopftücher gekleidete Frauen waren damals in der Minderheit - sie gehören meist zur Gruppe der so genannten "Heiratsmigrantinnen", die nach dem Anwerbestopp 1973 in die Bundesrepublik kamen und andere Bildungsvoraussetzungen und gesellschaftliche Orientierungen mitbrachten. Sie wurden in Deutschland häufig nicht in den Arbeitsprozess eingegliedert und knüpften entsprechend selten Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft. Die Erfahrungen dieser Zeitzeuginnen wurden ebenfalls dokumentiert, sollte doch deren "Schatten-Dasein" in der historischen Darstellung nicht noch einmal reproduziert werden.