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26.11.2007 | Von:
Martin Düspohl

Das Museum als sozialer Faktor

Die "zweite Generation"

Eine tragende Rolle bei der Vorbereitung des Ausstellungsprojektes zur Migrationsgeschichte fiel der "zweiten Generation" zu, den hier geborenen oder als Kinder und Jugendliche nach Deutschland gekommenen heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen. Als Moderatoren und "Türöffner" schlagen sie Brücken zwischen unterschiedlichen Temperamenten, Vorverständnissen und Herangehensweisen in multikulturellen Projekten, können sie doch im wörtlichen wie übertragenen Sinne "Übersetzungshilfen" anbieten, für Vertrauen werben und Missverständnisse ausräumen. Die Begrenzung und Zuspitzung der Ausstellung "Wir waren die ersten" auf den Zeitraum Anfang der 1960er bis etwa Anfang der 1980er Jahre schloss die interkulturellen Erfahrungen dieser Generation jedoch zunächst aus bzw. beschränkte sie auf ihre Erinnerungen als in der Türkei bei Verwandten und Bekannten "für ein Jahr" zurückgelassenen Kinder, die Tonkassetten mit sehnsüchtigen Gedichten und Grüßen besprechen und an ihre Eltern schicken durften. Die konzeptionell bedingte zeitliche Eingrenzung des Ausstellungsthemas forderte Kritik heraus und trug der Ausstellung vereinzelt sogar den Vorwurf ein, mehr zu verklären als zu erklären ("Gastarbeiteridyll") und die gegenwärtigen Herausforderungen im Zusammenleben auszublenden. Auch viele Beiträge im Besucherbuch mahnten eine "Fortsetzung" der Ausstellung an.[12]

In Erweiterung der ersten Ausstellung wurden deshalb Ende 2001 unter dem Titel "Wir sind die nächsten ..." die erwachsenen Kinder der "Ersten" mit großen Portraitfotos, Interviewstatements und von ihnen selbst zusammengestellten biographischen Alben ins Zentrum der Ausstellung gerückt. Als besonders interessant erwies sich jetzt der "Sprachenvergleich". Da die Ausstellung konsequent zweisprachig gestaltet war, wurden auch die "Zweiten" angehalten, je ein Interview auf Türkisch und auf Deutsch zu geben: Die Sprachkompetenz hatte sich in einer Generation umgekehrt. Während die Eltern nur sehr holpriges Deutsch sprechen, konnten die Kinder mehrheitlich mit ihrem Türkisch nicht überzeugen. Die fehlende Sprachkompetenz im Türkischen und der wachsende Abstand zur Kultur ihrer Eltern führten bei der zweiten und dritten Generation aber auch zunehmend zu Einbußen in der Befähigung für die Moderatorenrolle.[13]

Der Erfolg interkultureller Museumsarbeit, das zeigte auch dieses Museumsprojekt, misst sich an ihrer Prozessqualität. Nur im Verlauf des Prozesses der Zusammenarbeit konnten die Sichtweisen der Migranten auf das Thema an Bedeutung gewinnen und das Ergebnis nachhaltig prägen, dabei allerdings auch in Konflikt geraten mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Forschung oder den ursprünglichen Intentionen des Vorhabens. Unterschiedliche Auffassungen zur Darstellung und Interpretation des Geschichtsverlaufes waren "auszuhalten" und als solche zu dokumentieren.[14]

Bei der Vorbereitung und Durchführung von partizipativen Ausstellungsprojekten ergeben sich auch besondere Anforderungen an die Strukturqualität von Museen. Nicht (nur) das gut ausgestattete Archiv, die Bibliothek, EDV usw. sind für einen erfolgreichen Verlauf entscheidend, sondern die Aufenthaltsqualität im Museum, das Vorhandensein geeigneter Treffpunkte, Gruppenarbeitsräume und Teeküchen. Da Museen solche Qualitäten in der Regel nicht aufweisen, bietet sich eine Zusammenarbeit mit Nachbarschaftszentren oder Kulturläden an. Auch aus Gründen der Verantwortung für die eingegangenen sozialen Beziehungen - gerade wenn es um die Aufarbeitung von Biographien mit Betroffenen geht - ist eine Rückkoppelung mit sozialpädagogischen Einrichtungen unbedingt zu empfehlen. Manche Interviewpartner mussten sich zum Beispiel im Rückblick auf ihr Leben eingestehen, dass die Aufrechterhaltung (und permanente Verschiebung) der Rückkehrabsicht eine schmerzhafte Lebenslüge war.

Fußnoten

12.
So zum Beispiel: "Leider habe ich keinen persönlichen Bezug zu diesem Thema, da ich zur dritten Generation gehöre. (...) wie wär's mit der Geschichte der zweiten bzw. dritten Generation, die zwischen den Stühlen sitzt?! Dramatischer ausgedrückt: die Heimatlosen!" Eintrag im Gästebuch der Ausstellung "Wir waren die ersten ...".
13.
Die Interviewauszüge sind veröffentlicht auf der CD-ROM "... ein jeder nach seiner Facon? 300 Jahre Einwanderung nach Kreuzberg und Friedrichshain", hrsg. vom Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs und dem Kreuzberg-Museum, Berlin 2005.
14.
Vgl. Martin Düspohl, In jeder Generation tauscht sich die Bevölkerung einmal aus. Migrationsgeschichte in der Konzeption des Kreuzberg-Museums, in: Jan Motte/Rainer Ohliger (Hrsg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft, Essen 2004.