APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

19.9.2008 | Von:
Nicola Döring

Psychische Folgen der Internetnutzung

Nicht das Internet erzeugt positive oder negative psychologische Wirkungen, sondern unsere Gebrauchsweise des Mediums. Viele Menschen nutzen es bereits im Dienste ihrer Gesundheit, zur Stärkung ihrer Identität, zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen.

Einleitung

Nur drei Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer gehörten 1997 zur privilegierten Minderheit der frühen Internetnutzer. Zehn Jahre später ist das Internet ein Alltagsmedium: 57 Prozent der Frauen und 69 Prozent der Männer nahmen 2007 an der Online-Kommunikation teil - Tendenz weiterhin steigend.[1] Die heutigen Jugendlichen gelten zu Recht als Online-Generation bzw. Screenager: 95 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen 14 und 19 Jahren bewegen sich im Cyberspace: in der virtuellen Realität. Diese jungen Onliner sind die erwachsenen Internetnutzer von morgen und die Cybersenioren bzw. Silver Surfer von übermorgen. Internetnnutzung erfolgt heute längst nicht mehr nur im Rahmen von Arbeits- oder formalen Bildungsprozessen, sondern ist vor allem Teil der selbst organisierten Pausen- und Freizeitgestaltung.[2]




Wie ist diese Entwicklung aus psychologischer Sicht zu beurteilen? Können wir durch die Nutzung des Internet unser Leben verbessern, unser Wohlbefinden und Glück steigern? Oder birgt das Internet eher Gefahren für das seelische Gleichgewicht - angefangen bei Internetsucht über sexuelle und sonstige Online-Belästigung, den Verlust der Privatsphäre bis hin zu sozialer Isolation?

Welche psychischen Folgen das Internet für die Einzelne oder den Einzelnen hat, wird nicht durch die technischen Eigenschaften oder verfügbaren Inhalte des Internet vorbestimmt. Entscheidend ist vielmehr die Art und Weise, wie eine Person das Internet nutzt (oder eben nicht nutzt) - und wie sich die Internetaktivitäten in ihren Alltag einfügen: Aus medienpsychologischer und kommunikationswissenschaftlicher Sicht sind weder Jugendliche noch Erwachsene schädlichen Wirkungen der Medien hilflos ausgeliefert oder stehen diesen passiv gegenüber. Die Nutzer versuchen vielmehr, das Internet (wie auch andere Medien) aktiv den jeweiligen Bedürfnissen und Lebensumständen anzupassen. Diese Medienaneignung erweist sich oft als nützlich, kann aber auch problematische Formen annehmen.

Internetkompetenz

Eine Nichtnutzung des Internet kann sich für den Einzelnen als ungünstig erweisen, weil er oder sie dadurch von zahlreichen Informations-, Unterhaltungs-, Kommunikations- und Transaktionsmöglichkeiten, die unsere Mediengesellschaft bietet, ausgeschlossen ist. Um einer digitalen Spaltung der Gesellschaft in Onliner und - oftmals sozial schwächere - Offliner entgegenzuwirken, sind kostenlose Internetzugänge in öffentlichen Einrichtungen und zielgruppengerechte Internetkurse sinnvoll. Um zum Ausdruck zu bringen, dass sich die Umgangsweisen mit dem Internet in verschiedenen Bevölkerungsgruppen deutlich unterscheiden, wird innerhalb der Gruppe der Onlinerinnen und Onliner von digitalen Ungleichheiten gesprochen. Im Vorteil sind beispielsweise Personen, die im Internet ganz gezielt nach Informationen suchen, und diese hinsichtlich ihrer Qualität und Glaubwürdigkeit kritisch bewerten können. In besonderer Weise profitieren vom Internet auch diejenigen, denen ein breites Spektrum an Online-Diensten mit ihren jeweiligen Funktionen, Chancen und Risiken bekannt ist, sowie jene, welche die notwendigen Fertigkeiten mitbringen, um durch eigene Beiträge aktiv an der Netzkommunikation teilnehmen zu können. Die aufgeführten medienspezifischen Fähigkeiten werden zusammenfassend als Internetkompetenz bezeichnet.

Digitale Ungleichheiten können soziale Benachteiligungen verstärken, etwa wenn bildungsferne Jugendliche nicht ausreichend darüber informiert sind, wie sie auch im Internet Praktikumsplätze finden oder Online-Bewerbungen gestalten können. Mit dem Ziel, digitalen Ungleichheiten entgegenzuwirken, sollte der Erwerb von Internetkompetenz nicht allein von kindlichen Selbstversuchen und Hilfen in Elternhaus und Freundeskreis abhängen, sondern in den allgemeinbildenden Schulen systematisch gefördert werden. Leider stellt Deutschland hinsichtlich der schulischen Vermittlung von Computer- und Internetkompetenz laut PISA-Studie 2006 im Ländervergleich bislang das Schlusslicht dar: Weniger als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland (31 Prozent) werden regelmäßig in der Schule in Computernutzung unterrichtet. In Österreich sind es dagegen fast drei Viertel (73 Prozent); der OECD-Durchschnitt liegt bei 56 Prozent.[3]

Sich mit dem Internet "gut auszukennen", reicht indessen nicht aus, um zu einer psychisch unschädlichen Gebrauchsweise zu finden. Darüber hinaus sollten die Nutzer über lebenspraktische Kenntnisse verfügen. Die so genannte Positive Psychologie beschäftigt sich mit menschlichen Stärken, mit Sinn und Glück im Leben, um empirisch fundierte Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität zu entwickeln. In diesem Beitrag werden im Sinne einer Positiven Internetpsychologie drei Lebensbereiche herausgegriffen, die gemäß der Glücksforschung besonders wichtig für die Lebenszufriedenheit sind: Gesundheit, Identität und soziale Beziehungen.[4]

Gesundheit und Internet

Die große Mehrheit der Onlinerinnen und Onliner - in den USA sind es beispielsweise rund 80 Prozent - informiert sich bei gesundheitlichen Beschwerden im Internet über Krankheitsbild, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten.[5] Der komfortable und direkte Zugriff auf eine große Fülle von überwiegend seriösen Gesundheitsinformationen trägt dazu bei, dass sich Betroffene zeitnah und aktiv mit ihren Krankheiten befassen, zum Arztbesuch motiviert werden, kompetenter mit medizinischem Personal kommunizieren können, sich entscheidungssicherer fühlen und zu mündigeren Patienten und Konsumenten auf dem Gesundheitsmarkt werden - Faktoren, die Behandlung und Genesung unterstützen. Mit entsprechender Informationskompetenz fällt es leicht, aus der Fülle der Angebote zielgerichtet Online-Informationen zur gesuchten Krankheit auszuwählen und diese hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit kritisch zu bewerten.

Neben den Informationsangeboten gibt es mittlerweile für viele gesundheitliche Probleme entsprechende Online-Selbsthilfegruppen, etwa für Brustkrebspatientinnen, für Kinder, die an Diabetes leiden, für Angehörige von Demenzpatienten, ungewollt Kinderlose, HIV-Positive, Depressive oder Allergiker. In diesen Foren unterstützen sich Betroffene und Angehörige bei Bedarf anonym und unabhängig von Ort und Zeit, indem sie einander Ratschläge geben, Trost und Ermutigung bei der Krankheitsbewältigung zusprechen usf.[6] Für die Lebenszufriedenheit des Patienten ist das subjektive Empfinden, das sich durch die Einbindung in eine Selbsthilfegruppe meist verbessert, entscheidender als der tatsächliche gesundheitliche Zustand. Die vom heimischen Computer aus jederzeit kontaktierbaren Online-Selbsthilfegruppen sind vor allem für Menschen wichtig, die aus persönlichen, gesundheitlichen oder beruflichen Gründen keinen Zugang zu herkömmlichen Offline-Selbsthilfegruppen haben. Online-Selbsthilfegruppen füllen also eine psycho-soziale Versorgungslücke und werden in einer alternden Gesellschaft, in der das Leben mit chronischen Krankheiten und Behinderungen alltäglicher wird, weiterhin stark an Bedeutung gewinnen.

Zur Online-Gesundheitsprävention stehen neben allgemeinen und spezifischen Informationen vor allem interaktive Online-Dienste zur Verfügung, die auf der Basis individueller Voraussetzungen und Ziele als persönlicher Gesundheitscoach fungieren: Wer etwa ein langfristiges Ernährungs-, Fitness-, Stessbewältigungs- oder Anti-Rauch-Programm absolviert, kann sich durch diese Dienste begleiten lassen; er oder sie erhält auf diese Weise Rückmeldungen über Erfolge und Hilfestellung bei Misserfolgen. Entsprechende Online-Coaches werden unter anderem von Publikumszeitschriften und Krankenkassen im World Wide Web angeboten. Ihre Akzeptanz, Wirksamkeit und Wirkungsweise sollten zukünftig noch genauer untersucht werden.[7] Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gesundheitsbezogene Informationen, Selbsthilfegruppen und Coaching-Dienste im Internet den direkten Kontakt zu medizinischen Einrichtungen und Fachleuten zwar nicht ersetzen können und sollen. Aber sie können begleitend und ergänzend zu herkömmlichen Behandlungsprogrammen eingesetzt werden, um die Reichweite und Qualität der Gesundheitsversorgung und damit das Wohlbefinden der Bevölkerung zu verbessern.

Damit die Internetnutzung nicht selbst zum Gesundheitsrisiko wird bzw. das körperliche und seelische Wohlbefinden mindert, ist darauf zu achten, dass sich der allgemeine Bewegungs- und Schlafmangel unserer Zivilisation nicht durch stundenlange nächtliche Computersitzungen weiter verstärkt. In der Regel verzichten Internetnutzer jedoch nicht auf sportliche Betätigung; eher schränken sie den Fernsehkonsum ein oder nutzen das Fernsehen als Hintergrundmedium, um so Zeit für Online-Aktivitäten zu gewinnen. Sofern jedoch im Einzelfall die Tendenz zu starker Bewegungsarmut besteht, kann im Sinne der Selbstregulation sowie durch Erziehung und Bildung darauf hingewirkt werden, die Gewohnheit zu entwickeln, sich Internetzeit durch entsprechende Zeiteinheiten sportlicher Betätigung "zu verdienen".[8]

Identität und Internet

Ein zweiter wesentlicher Faktor für psychisches Wohlbefinden ist ein positives Selbstbild. Dieses wiederum kann sich unter anderem dann entwickeln, wenn wir Erfolgserlebnisse haben, etwas schaffen, worauf wir stolz sein können; und wenn wir die Möglichkeit haben, das, was uns beschäftigt und ausmacht - unsere Identität mit all ihren Teilidentitäten -, auszudrücken und dabei positive Resonanz von anderen erhalten: Wenn wir uns gesehen, verstanden und anerkannt fühlen. Das Internet bietet eine neue öffentliche Bühne für Identitätsdarstellungen von Individuen und Gruppen mit gleichberechtigtem Zugang für alle Internetnutzer, die entsprechende Kompetenzen mitbringen bzw. erwerben.[9]

Auf persönlichen Homepages, in Online-Profilen und Internettagebüchern beantworten Menschen sich selbst und anderen die Frage "Wer bin ich?". Bei diesen Selbstpräsentationen handelt es sich nicht um fiktive virtuelle Identitäten. Die Verfasserinnen und Verfasser verweisen in Wort und Bild - in mehr oder minder anspruchsvoller und umfassender Gestaltung - auf diverse Aspekte ihrer Identität: auf berufliche Tätigkeiten, Hobbies, Familie und Freunde, Wohn- und Urlaubsorte, äußeres Erscheinungsbild, politisches Engagement, kritische Lebensereignisse usw.[10] Die öffentliche und selbstbestimmte Darstellung der eigenen Identität im Internet kann - durch ihre mediale Gestaltung, durch die Vernetzung mit Gleichgesinnten und durch positive Resonanz - das Selbstvertrauen stärken und ein selbstsicheres Auftreten außerhalb des Netzes unterstützen. Besonders große Bedeutung hat sie im Jugendalter, in dem die Suche nach der eigenen Identität eine zentrale Entwicklungsaufgabe darstellt.[11] Aber auch für Erwachsene, die von kritischen Lebensereignissen betroffen sind (etwa Trennungen oder Todesfällen), gesellschaftlichen Minderheiten angehören (aufgrund ihrer Ethnizität oder sexuellen Orientierung) oder künstlerisch ambitioniert sind, kann Internetöffentlichkeit bei der Identitätsarbeit hilfreich sein.[12] Damit die eigene Privatsphäre geschützt bleibt und dennoch bei Bedarf heikle Persönlichkeitsaspekte thematisiert werden können, werden Online-Selbstdarstellungen ggf. auch pseudonym erstellt oder nur für bestimmte Nutzergruppen freigeschaltet.

Bei diesen persönlichen Internetpublikationen handelt es sich um Nischenmedien, die sich an Freunde und Bekannte, an Mitbetroffene und Interessierte wenden und von diesen aktiv abgerufen werden. Sie zielen ausdrücklich nicht auf ein Massenpublikum und einen Massengeschmack ab, müssen und wollen keine "Quote" machen oder in Inhalt und Form den Trendmedien entsprechen. Ihre Stärke liegt in der Authentizität des individuellen Ausdrucks, inklusive möglicher Unbeholfenheit und Improvisation, die im Kontrast zur Hochglanzästhetik der normierten kommerziellen Medienwirklichkeit steht. Das natürliche Selbstdarstellungs- und Mitteilungsbedürfnis von Internetnutzern "wie du und ich", die ihre Belange mit eigener Stimme artikulieren und mit eigenen Stilmitteln zum Ausdruck bringen, wird oft vorschnell als "virtueller Exhibitionismus" diffamiert. Doch eine demokratische Mediengesellschaft sollte die breite Partizipation der Bürgerinnen und Bürger an der Produktion von Medieninhalten begrüßen. Dass dabei auch private Themen eine Rolle spielen, verwundert nicht, da diese doch für Identität und Lebenszufriedenheit von großer Bedeutung sind. Dabei dürfen die Persönlichkeitsrechte Dritter freilich nicht verletzt werden; auch ist es verboten, verfassungsfeindliche Botschaften zu verbreiten, denn ein rechtsfreier Raum ist das Internet nicht.

Während persönlichen Online-Publikationen wie Homepages, Online-Profilen oder Internettagebüchern oft Exhibitionismus und übertriebene Selbstoffenbarung vorgeworfen werden, steht computervermittelte Kommunikation - beispielsweise das Chatten - im Verdacht, von Identitätstäuschungen und Maskerade geprägt zu sein. Empirische Studien zeigen jedoch, dass beliebige Identitätstäuschungen eher selten vorkommen: Entsprechende Texte zu verfassen, ist aufwändig und meist wenig lohnend. Auch der viel beschworene Online-Geschlechterwechsel wird nur von einer winzigen Minderheit der Internetnutzer regelmäßig vollzogen, die meisten nutzen die Freiheiten der computervermittelten Kommunikation einfach, um sich ein wenig vorteilhafter darzustellen und leichter mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Manchmal können spielerische Identitätsexperimente im Internet (so geben sich Jugendliche im Chatroom mitunter älter aus als sie sind) neue Einsichten vermitteln und die Sozialkompetenz verbessern.[13] Dass sich auch Menschen mit kriminellen Absichten das Internet zunutze machen, sollte zwar Anlass zur Vorsicht sein, aber nicht zu übertriebenem Misstrauen führen. Der größte Teil der computervermittelten Kommunikation findet mit Menschen statt, die wir auch sonst aus dem Alltag kennen, so dass Identitätsverschleierungen kaum möglich sind. Im Gegenteil, nicht nur schüchterne Menschen berichten, dass sie sich bei der Online-Kommunikation per E-Mail, Chat oder Instant Messenger oft entspannter fühlen als im direkten Gespräch und dass es ihnen leichter fällt, ihr wahres Ich zu zeigen.[14]

Soziale Beziehungen und Internet

Fragt man Menschen danach, was ihrem Leben Sinn verleiht, so stehen zwischenmenschliche Beziehungen in allen Altersgruppen an erster Stelle.[15] Dies spiegelt sich auch in der Art und Weise des Gebrauchs des Internet wider. Insbesondere Jugendliche nutzen es, um Kontakt zu ihren Freunden zu halten, bevorzugt per Instant Messenger, der anzeigt, welche Freunde gerade online sind, und schnellen Nachrichtenaustausch erlaubt. Verstärkte Internetnutzung geht bei den meisten Jugendlichen nicht - wie oft befürchtet wird - mit sozialer Isolation einher, sondern ist eher Ausdruck besonders guter sozialer Integration.[16] Auch der Erfolg der Social-Networking-Plattformen unterstreicht die Bedeutung des Internet für die Pflege sozialer Beziehungen. Die Mehrzahl der Studierenden in Deutschland nutzt die Plattform StudiVZ sowohl zur Kontaktpflege am neuen Studienort als auch, um mit ehemaligen Schulfreunden in Verbindung zu bleiben.[17] In beiden Fällen verdrängt die Online-Kommunikation nicht das persönliche Gespräch oder Treffen, sondern bietet zusätzliche Kontaktmöglichkeiten.

Auch Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen können von computervermittelter Kommunikation profitieren, etwa wenn Eltern mit ihren erwachsenen Kindern per E-Mail in Kontakt bleiben oder entfernt lebende Großeltern per Online-Fotoalbum oder Webcam regelmäßig ihre Enkel sehen können. Während postalische Briefe heute nur noch von sehr wenigen Menschen und nur zu besonderen Anlässen geschrieben werden, gibt es bei der Online-Kommunikation keine hohe Schreibbarriere, der Austausch ist weniger floskelhaft und steif, dafür lebendiger und ähnelt dem mündlichen Gespräch. War die üblicherweise telefonische Kontaktpflege im Verwandtschaftskreis früher in erster Linie Frauensache, so sind durch Online-Kommunikation mittlerweile auch die Männer stärker einbezogen, indem sie mit Verwandten E-Mails austauschen.

Neben der Pflege vorhandener Sozialkontakte dient das Internet auch zum Aufbau neuer Beziehungen, etwa über die Teilnahme an Online-Gemeinschaften oder die Nutzung von Online-Kontaktbörsen.[18] Die Befürchtung, dass Online-Gemeinschaften zu einer Cyber-Balkanisierung führen, also zu einer Zersplitterung der Gesellschaft in abgeschottete Online-Zirkel, ist empirischen Ergebnissen zufolge unbegründet. Vielmehr erweiternOnline-Kontakte das soziale Netzwerk, weil man sich nicht nur mit seinesgleichen austauscht, sondern an verschiedenen Online-Gemeinschaften teilnimmt und dadurch verstärkt mit Menschen außerhalb des gewohnten sozialen Kreises in Kontakt kommt.[19] Damit verbunden ist eine Horizonterweiterung; bei mangelnder Toleranz kann es jedoch auch zu massiven Konflikten kommen.

Bei reinen Online-Beziehungen, die sich im Internet anbahnen und vor allem per Online-Kommunikation gepflegt werden, handelt es sich in der Regel um eher schwache Bindungen. Sie sind nicht so umfassend und stabil wie herkömmliche persönliche Beziehungen. Doch genau darin liegt zugleich ihre Stärke: In der modernen Gesellschaft bewegen sich Menschen in ganz verschiedenen privaten und beruflichen Zusammenhängen; zudem sind sie geografisch mobiler. Die Möglichkeit, zusätzlich zu der in der Regel begrenzten Anzahl enger Freundschaften im räumlichen Umfeld mit relativ geringem Aufwand ein (großes) Netzwerk lockerer Online-Kontakte zu pflegen, ist psychologisch oft vorteilhaft zu bewerten: In Situationen, in denen Angehörige nicht helfen können, stehen so weitere Ansprechpartner zur Verfügung.

Das Kennenlernen via Internet beschert aber nicht nur lockere Online-Beziehungen, sondern steht oft am Anfang sozialer Beziehungen, die offline weitergeführt werden: Aus Online-Gemeinschaften bilden sich nicht selten lokale Stammtische, Online-Kontaktforen führen zu spontanen Verabredungen. Neben dem Arbeitsplatz und Freizeitveranstaltungen ist das Internet längst die wichtigste Partnerbörse. Statt in der Kneipe den Blickkontakt zu anonymen Unbekannten zu suchen, wird der erste Kontakt in Online-Foren hergestellt oder auf Social-Networking-Plattformen nach Flirtpartnern in lokaler Nähe gesucht, um sich ggf. mit diesen zu treffen. Dadurch beschränkt sich die Partnerwahl nicht auf die äußere Erscheinung, sondern es werden von vornherein auch gemeinsame Interessen oder kommunikative Übereinstimmung einbezogen. Es gibt Hinweise darauf, dass Freundschaften und Partnerschaften, die sich aus einer langsamen Online-Annäherung entwickelt haben, besonders tragfähig sind.

Kritiker warfen der computervermittelten Kommunikation zu Beginn der Internetära oft vor, entmenschlicht und gefühllos zu sein. Nicht selten ist jedoch eher das Gegenteil der Fall: Der schriftliche Austausch ermutigt zu einer unbefangenen zwischenmenschlichen Annäherung, persönliche Themen werden rascher angesprochen; es entsteht der Eindruck von Nähe. Komplimente sorgen für gute Stimmung, die mediale Distanz steigert die Neugier und Sehnsucht nach dem Gegenüber. Online-Kommunikation ist nicht selten emotional aufgeheizt und erotisierend. Die diskrete Pflege von Online-Affären und virtuellen Seitensprüngen kann daher einerseits bestehende Partnerschaften und Ehen gefährden; andererseits kann der virtuelle Seitensprung auch dabei helfen, aus unbefriedigenden Lebenssituationen auszubrechen.

Internetnutzerinnen und -nutzer entsprechen heute einem Querschnitt der Gesellschaft. Daher ist die Befürchtung, beim Online-Kontakt in erster Linie an zweifelhafte Personen zu geraten, unbegründet. Trotzdem sollte auch bei einem sehr angenehmen Online-Kontakt vor einer Vertiefung eine gewisse Realitätsprüfung stattfinden (typischerweise besteht diese im Austausch von Fotos und einem oder mehreren Telefonaten); auch sollte das erste Treffen an einem öffentlichen Ort stattfinden. Moderierte Online-Communities bieten die Möglichkeit, belästigende Botschaften und Nutzer zu melden und diese bei Bedarf auszuschließen. Sie werden insbesondere für Kinder empfohlen, deren Internetnutzung idealerweise von den Eltern zu begleiten ist.

Gerade wegen des großen Angebots an möglichen Kontaktpartnern ist auch im Internet soziale Kompetenz notwendig, um andere auf sich aufmerksam zu machen und für sich einzunehmen, sonst wird man schnell "weggeklickt". Zudem erfordert die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen auch im Online-Bereich ein entsprechendes Engagement und den Einsatz von Zeit. Kurze Stippvisiten in einem Chatroom werden in oberflächlichem Smalltalk steckenbleiben, bedeutungsvollere Online-Beziehungen entstehen erst durch eine regelmäßige Teilnahme. Da im Internet nie "Feierabend" ist, bedarf es wiederum der Fähigkeit zu bewusster Selbstregulation, damit die (gerade in der Anfangsphase oft sehr spannend erlebte) Pflege von Online-Kontakten nicht auf Kosten anderer Lebensbereiche geht.

Fazit

Neben den hier angesprochenen Lebensbereichen Gesundheit, Identität, soziale Beziehungen kann das Internet auch in den Bereichen Bildung, Beruf, Konsum, Freizeit, Spiritualität oder Sexualität unterstützend eingesetzt werden.[20] Dabei ist es generell so, dass den Chancen des Internet zur Steigerung der Lebensqualität entsprechende Risiken gegenüberstehen, denen durch umsichtiges Verhalten und durch Internetkompetenz weitgehend ausgewichen werden kann, die manchmal aber unvermeidlich sind. So sind zwischenmenschliche Kontakte im Internet (wie auch sonst im Leben) zuweilen eben mit Enttäuschungen verbunden. Auch ist zu beachten, dass die Handlungsmöglichkeiten im Internet vielfach zweischneidig erlebt werden: Die vielen unterhaltsamen Internetangebote (etwa Mehrpersonen-Online-Spiele) bieten einerseits einen sehr spannenden Zeitvertreib und psychische Erholung vom Alltagsstress, andererseits werden sie von den Spielern selbst teilweise als Zeitverschwendung wahrgenommen.[21] Eine exzessive Internetnutzung, die zwanghafte oder suchtähnliche Züge annimmt und auf Kosten anderer Lebensbereiche geht, wird nur bei einer Minderheit von Onlinern festgestellt. Diese so genannte Internetsucht tritt oft im Zusammenhang mit anderen problematischen Lebensumständen auf (etwa bei Arbeitslosigkeit, bei vorhandenen Depressionen oder bei Alkoholmissbrauch) und ist psychologisch bislang nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt.[22] Statt das Internet mit einer Droge gleichzusetzen, ist es psychologisch sinnvoller, nach den wahren Ursachen zu suchen, die zu einem selbst schädigenden Umgang mit dem Internet führen. Für die Psychologie steht das Verhalten und Erleben des Individuums im Mittelpunkt. Folgen des Internet werden vor dem Hintergrund individueller und eben auch veränderbarer Gebrauchsweisen betrachtet - dies ist freilich nur ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Wirkungen des Internet. Unbeachtet bleiben beispielsweise ökonomische Faktoren, die ausschlaggebend dafür sind, unter welchen Bedingungen Computer hergestellt werden oder welche Auswirkungen die Internetnutzung auf Umwelt und Klima hat.
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, ARD/ZDF Online-Studie 2007. Internetnutzung zwischen Pragmatismus und YouTube-Euphorie, in: Media Perspektiven, (2007) 8, S. 362 - 378, hier: S. 364. http://www.daserste.de/service/ardonl0107
.pdf (12.7. 2008).
2.
Vgl. ebd., S. 375.
3.
Vgl. Manfred Prenzel/Cordula Artelt/Jürgen Baumert/Werner Blum/Marcus Hammann/Eckhard Kieme/Reinhard Pekrun (Hrsg.), PISA 2006. Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie, in: http://pisa.ipn.uni-kiel.de/zusammenfassung_PISA 2006.pdf (12.7. 2008), S. 17.
4.
Vgl. Alan Carr, Positive Psychology. The Science of Happiness and Human Strengths, New York, NY 2004, S. 37.
5.
Vgl. Susannah Fox, Online Health Search 2006, PEWInternet Research Report. http://www.pewin ternet.org/pdfs/PIP_Online_Health_2006.pdf (12.7. 2008).
6.
Vgl. Shelly Rodgers/Qimei Chen, Internet Community Group Participation: Psychosocial Benefits for Women with Breast Cancer., in: Journal of Computer-Mediated Communication, 10 (2005) 4. http://jcmc.indiana.edu/vol10/issue4/
rodgers.html (12.7. 2008).
7.
Vgl. Jessica A. Whiteley/Bruce W. Bailey/Kyle J. McInnis, State of the Art Reviews: Using the Internet to Promote Physical Activity and Healthy Eating in Youth, in: American Journal of Lifestyle Medicine, (2008) 2, S. 159 - 177.
8.
Vgl. Karen H. Larwin/David A. Larwin, Decreasing Excessive Media Usage While Increasing Physical Activity: A Single-Subject Research Study, in: Behavior Modification, 2008; (Online first: http://bmo.sagepub.com/cgi/content/
abstract/014544550831966 8v1 (12.7. 2008).
9.
Vgl. Nicola Döring, Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen, Göttingen 2003(2), Kap. 6.
10.
Vgl. dies. Nicola Döring, Personal Home Pages on the Web: A Review of Research, in: Journal of Computer-Mediated Communication, 7 (2002) 3, o. S.
11.
Vgl. Kelly Schmitt/Shoshana Dayanim/Stacey Matthias, Personal homepage construction as an expression of social development, in: Developmental Psychology, 44 (2008) 2, S. 496 - 506.
12.
Vgl. Jonathan Alexander, Homo-pages and queer sites: Studying the construction and representation of queer identities on the world wide web, in: International Journal of Sexuality & Gender Studies, 7 (2002), S. 85 - 106.
13.
Vgl. Patti M. Valkenburg/Jochen Peter, Adolescents' Identity Experiments on the Internet: Consequences for Social Competence and Self-Concept Unity, in: Communication Research, (2008) 35, 208 - 231.
14.
Vgl. John A. Bargh/Katelyn Y. A. McKenna/Grainne M. Fitzsimons, Can You See the Real Me? Activation and Expression of the ,True self' on the Internet, in: Journal of Social Issues, 58 (2002), S.33 - 48. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Uwe Buermann in diesem Heft.
15.
Vgl. Ann Auhagen, On the psychology of meaning of life, in: Swiss Journal of Psychology, 59 (2000) 1, S. 34 - 48.
16.
Vgl. Patti M. Valkenburg/Jochen Peter, Preadolescents' and Adolescents' Online Communication and Their Closeness to Friends, in: Developmental Psychology, 43 (2007) 2, S. 267 - 277.
17.
Vgl. Nicole B. Ellison/Charles Steinfield/Cliff Lampe, The benefits of Facebook "friends": Social capital and college students' use of online social network sites, in: Journal of Computer-Mediated Communication, 12 (2007) 4, o.S..
18.
Vgl. N. Döring (Anm. 9), Kap. 7.
19.
Vgl. ebd., Kap. 8.
20.
Vgl. Joseph Sirgy/Dong-Jin Lee/Jeannie Bae, Developing a measure of Internet well-being: Nomological (predictive) validation, in: Social Indicators Research, 78 (2007) 2, S. 205 - 249.
21.
Vgl. Richard Wood/Mark Griffiths/Adrian Parke, Experiences of time loss among videogame players: An empirical study, in: CyberPsychology & Behavior, 10 (2007) 1, S. 38 - 44.
22.
Vgl. Martha Shaw/Donald Black, Internet addiction: Definition, assessment, epidemiology and clinical management, in: CNS Drugs, 22 (2008), S. 353 - 365.