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Internetnutzung von Migranten - ein Weg zur Integration?

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Internetnutzung von Migranten - ein Weg zur Integration?

Kathrin Kissau

/ 13 Minuten zu lesen

Das Internet spielt für den Alltag von Migrantinnen und Migranten in Deutschland - wie für andere soziale Gruppen auch - eine ganz selbstverständliche und immer wichtigere Rolle. Dadurch können Integrationsprozesse unterstützt werden.

Einleitung

Das Internet durchdringt viele Bereiche des täglichen Lebens. Inzwischen greifen über 42 Millionen Menschen in Deutschland auf das Medium zu. Das entspricht einem Verbreitungsgrad von rund 65 Prozent der Bevölkerung im Alter von über 14 Jahren. Auch für Menschen mit Migrationshintergrund hat das Internet eine zunehmende Bedeutung. Deshalb wird in der Migrations- und Integrationsforschung derzeit diskutiert, wie sich die Nutzung des Internet durch Migrantinnen und Migranten etwa auf deren Integrationsprozess auswirkt. Kann das Internet die Integration von Migranten unterstützen oder bietet es vielleicht sogar neue Möglichkeiten für die gegenseitige Annäherung der Zuwanderer und der Bevölkerung der Aufnahmegesellschaft?



Ungeachtet dieser aktuellen Fragen gibt es nach wie vor nur wenige Informationen darüber, auf welche Art und Weise Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland das Internet nutzen. Erstmals wurde im Frühjahr 2007 im Auftrag von ARD und ZDF eine repräsentative Erhebung der Medien- und Internetnutzung von Migranten durchgeführt. Zuvor war in anderen Studien zur Internetnutzung diese Bevölkerungsgruppe überhaupt nicht thematisiert worden.

Rund 3000 Personen mit türkischem, italienischem, polnischem und griechischem Migrationshintergrund sowie Spätaussiedler ab 14 Jahren wurden dabei zu ihrer Mediennutzung befragt. Im Durchschnitt nutzten 22 Prozent der Befragten täglich das Internet, während dies 28 Prozent der deutschen Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund taten. Dieses Medium spielt also auch im Alltag vieler Menschen mit Migrationshintergrund eine ganz selbstverständliche und immer wichtigere Rolle. Zugleich geben diese Zahlen einen Hinweis darauf, dass es quantitative Unterschiede im Zugang und der Nutzung neuer Medien zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt.

Relevanz der Internetnutzung

Die weltweit geführte Diskussion um die "digitale Kluft" lässt erkennen, welche gesellschaftliche Bedeutung der Internetnutzung inzwischen zugeschrieben wird. Der Zugang zum Internet - allgemeiner: die formale Teilhabe an der Informationsgesellschaft - wird als zentral für die Chancengleichheit der Bevölkerung gewertet. Zusätzliche Relevanz hat die Internetnutzung für benachteiligte Mitglieder einer Gesellschaft, zu denen auch Personen mit Migrationshintergrund zählen - insbesondere im Hinblick auf gesellschaftliche Partizipation und politische Gleichberechtigung. Gerade für diese Bevölkerungsgruppe stellen zusätzliche Informationsressourcen, wie sie das Internet bietet, ein ganz besonderes Potential zur Erweiterung und Verbesserung ihrer Handlungsmöglichkeiten dar.

Untersuchungen weisen auch für die Bundesrepublik auf die Existenz einer ethnischen digitalen Spaltung hin: "Die oft zitierte ,digitale Spaltung` verläuft auch entlang ethnischer Grenzen, denn Benachteiligungen im Zugang zu Medien und in der Möglichkeit zum Medienkompetenzerwerb sind Folgen sozialer Benachteiligungen." Die möglichen Konsequenzen der Nicht-Nutzung des Internet durch Migranten in einer Gesellschaft, in der sich Informationsangebote, ganze Wirtschaftszweige, bürokratische Verfahren und zwischenmenschliche Kontakte zunehmend ins Internet verlagern, sind absehbar. Je zentraler Internetkompetenzen für die Arbeitswelt, für Bildung sowie für politische Teilhabe werden, umso größer und offensichtlicher werden die Nachteile, die Nichtnutzer des Internet erleiden könnten. Einer aktuellen Studie der Autorin zu Folge sind die gesellschaftliche Bedeutung und die Vorteile, die man durch die Nutzung des Internet in Deutschland hat, Nichtnutzern mit Migrationshintergrund zwar durchaus bekannt, aber fehlende Kompetenzen und zu hohe Kosten für die Technik sowie den Internetzugang sind entscheidende Faktoren für die Nichtteilhabe an dieser gesellschaftlichen Sphäre. An dieser Stelle setzen erst wenige Projekte an, die etwa Sprach- und Computerschulungen oder Integrationskurse mit der Vermittlung von Internetkompetenz verbinden.

Nicht nur der Zugang zum Internet, sondern auch die Art und Weise der Nutzung ist entscheidend, wenn es um gesellschaftliche Teilhabe geht. Deshalb werden im Folgenden einige Nutzungsformen und -inhalte dargestellt, die für die Integration von Nutzern mit Migrationshintergrund von besonderer Bedeutung sind.

Integration durch das Internet

Information: Wie kein anderes Massenmedium zuvor stellt das Internet vielfältige und umfangreiche Informationen über aktuelle Ereignisse, Innovationen oder auch über gesellschaftliche Werte bereit. Wird dieses Angebot genutzt, kann es Lernprozesse in Gang setzen und so zu einem Vehikel für die aktive Gestaltung des eigenen Lebens oder auch zur gegenseitigen Hilfe werden. Die anfängliche Abhängigkeit der Migranten in Bezug auf Informationen über die Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft von Behörden oder Bekannten sowie fehlende Sprachkenntnisse lassen bei diesen mitunter Gefühle der Hilflosigkeit oder Fremdbestimmtheit entstehen.

Das Internet kann für Migranten ein Instrument darstellen, dieser Situation zu entkommen und selbstbestimmte Entscheidungen auf Basis eigener Recherchen zu treffen. So können etwa im Internet bereitgestellte, auch mehrsprachige Informationen sehr hilfreich sein. Dieses Empowerment macht Migranten zu gleichberechtigteren Mitgliedern der Gesellschaft und führt dabei gleichzeitig zu einer Entlastung der staatlichen und sozialen Beratungsstellen.

Eine Umfrage des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Münster zur Internetnutzung von Migranten aus der Türkei und Russland in Deutschland belegt, dass eine diesem Potential entsprechende Informationssuche sowie -bereitstellung das zentrale Motiv der Internetnutzung von Migranten ist. Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion besuchen im Internet insbesondere Seiten, die lokale Informationsangebote bereitstellen, Mitteilungsseiten von Behörden, Ratgeberseiten zur Arbeitsplatzsuche sowie Informationssammlungen über deutsche Traditionen und Lebensweisen. Gleichzeitig wird das Internet auch dazu genutzt, um sich über Geschehnisse im Herkunftsland und in Deutschland zu informieren, woran die Migranten gleichermaßen interessiert sind.

Das Internet bietet aber auch der Bevölkerung der Aufnahmegesellschaft gute Möglichkeiten, sich über die Herkunft, Sitten und Gebräuche der Zuwanderer zu informieren. Wechselseitiges Wissen über Kultur und Geschichte kann dazu beitragen, soziale Distanz abzubauen und damit den Intergrationsprozess zu fördern. Die informationsgeleitete Nutzung des Internet hat also insofern einen positiven Nebeneffekt, als sie zur Erweiterung des gemeinsamen Wissensbestands aller Nutzer über die Verhaltensweisen und Werte beider Seiten führt.

Kommunikation: Neben der Information sind die mediale sowie die persönliche Kommunikation entscheidend für die Anpassung von Migranten an die neue Umgebung im Aufnahmeland. Das Internet bietet hierfür vielfältige Möglichkeiten: Durch das auf den Seiten von Online-Zeitschriften, privaten Initiativen oder öffentlichen Stellen dargebotene Wissen und die Thematisierung von aktuellen Ereignissen schafft es eine gemeinsame Basis für Gespräche und den Austausch mit anderen Bürgerinnen und Bürgern (im Sinne von Anschlusskommunikation). Darüber hinaus bietet das Internet neuartige Formen direkter Kommunikation mit anderen Nutzern etwa per E-Mail, Chat, in Weblogs oder Foren. Für Migranten haben diese Kommunikationsformen unverkennbare Vorteile, insbesondere, wenn die Deutschkenntnisse noch nicht gefestigt sind. Erstens sind aufgrund der möglichen asynchronen, nicht zeitgleichen Interaktion im Internet die Hemmungen geringer, in der Fremdsprache Deutsch zu kommunizieren. Die Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet können folglich auch dazu genutzt werden, die deutsche Sprachkompetenz zu trainieren und zu verbessern. Den tatsächlichen Erfolg dieser Internetnutzungsweisen bestätigten kürzlich Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion in einer Befragung. Zweitens erleichtern und beschleunigen die zusätzlichen Kommunikationswege über das Internet die Aufnahme neuer sozialer Kontakte. Jugendliche Migranten in Israel nahmen, wie beobachtet werden konnte, etwa in Chats schneller Kontakte zu einheimischen Jugendlichen auf als in einem realen Umfeld. Dabei spielen die (mögliche) Anonymität im Internet sowie die geringeren sozialen Sanktionsmöglichkeiten eine wichtige Rolle. So können etwa der öffentlichen Meinung widersprechende Ansichten freier geäußert werden, ist doch hier (anders als außerhalb des Internet) die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung weit geringer. Dieser durch das Internet unterstützte Aufbau eines neuen sozialen Netzes sowohl zu anderen Migranten als auch zu Deutschen ist für Migranten von großer Bedeutung: Das Internet ist für sie eine wichtige Ressource für praktische Informationen über ihr neues Lebensumfeld; zugleich bietet es emotionale Unterstützung. Dies bestätigt jüngst eine Untersuchung der Autorin, wonach zwei Drittel der befragten Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion angaben, das Internet habe ihre Handlungsfähigkeit und ihr Verständnis für andere Kulturen erhöht. Drittens ermöglichen die neuen Kommunikationsformen im Internet auch die Beibehaltung und Pflege von Beziehungen zu weit entfernt lebenden Personen oder Familienangehörigen im Herkunftsland. Dabei nutzen Migranten meist ihre Muttersprache, um diese nicht zu verlernen und so den Bezug zur eigenen Herkunftskultur aufrecht zu halten. Aus Basis solcher Kontakte bilden sich oftmals Online-Gemeinschaften, die von Migranten als eine Form virtueller Heimat im Netz erlebt werden. Die Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft kann ebenfalls Sicherheit bieten und dazu beitragen, die Migrationserfahrung erfolgreich zu verarbeiten.

Befragungen von Migranten in Deutschland haben gezeigt, dass sie das Internet eher dazu nutzen, Beziehungen zu anderen Migranten zu pflegen oder aufzubauen als Kontakt zu Deutschen aufzunehmen, wobei es Unterschiede zwischen verschiedenen Migrantengruppen gibt: Türkischstämmige Nutzer haben im Vergleich zu Nutzern aus Russland häufiger Kontakt zu Deutschen und nutzen auch das Internet eher in deutscher Sprache. Diese Unterschiede verdeutlichen, dass die Internetnutzung individuell, situations- und interessenabhängig ist und nicht von einer homogenen Nutzungsweise des Internet durch Migranten ausgegangen werden sollte. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass es für interethnische Kontakte auch der Bereitschaft und des Interesses von deutschen Nutzern im Sinne aktiver Akzeptanz bedarf, um solche Kommunikationsgelegenheiten für Migranten zu schaffen.

Gesellschaftliche Partizipation: Im Internet sind - neben der eher "einfachen" Nutzung von Informationen oder der Kommunikation mit Bekannten - auch oder gerade die aktive Teilhabe und ein öffentliches Engagement möglich. So verändert das Internet die Partizipationsmöglichkeiten von Migranten dahingehend, dass die bislang unzureichende Repräsentation ihrer Interessen in der deutschen Öffentlichkeit durch direkte, interaktive Formen der Einflussnahme ergänzt werden kann. Online können Migranten ihre Ansichten nun einem potentiellen Massenpublikum zur Kenntnis bringen, sich Initiativen anschließen oder Netzwerke zur Durchsetzung ihre Interessen aufbauen. Sie haben die Möglichkeit, sich ebenso wie Bürgerinnen und Bürger deutscher Staatsangehörigkeit an Abstimmungsverfahren und Unterschriftensammlungen zu beteiligen, oder sie können E-Mails an Politiker zu schreiben. Internetnutzer mit türkischem oder russischem Migrationshintergrund nehmen die beschriebenen Möglichkeiten zunehmend wahr. Interessant ist, dass sich türkischstämmige Internetnutzer engagierter an Petitionen, Online-Demonstrationen oder virtuellen politischen Veranstaltungen beteiligen als andere Gruppen. Gleichwohl gaben auch über 60 Prozent der befragten Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion an, das Internet trage bei ihnen dazu bei, am öffentlichen Leben in Deutschland zu teilzunehmen.

Ein Teil der Migranten greift auch auf diese Partizipationsformen zurück, um sich an politischen Prozessen in ihren Herkunftsländern zu beteiligen - ein Engagement, das beispielsweise insbesondere bei kurdischen Migranten zu beobachten ist, während die politischen Aktivitäten anderer türkeistämmiger Nutzer vorrangig auf Deutschland ausgerichtet sind.

Insgesamt kann das Internet dazu dienen, gesellschaftlichen Gruppen, deren Möglichkeiten der Interessendurchsetzung aufgrund eingeschränkter politischer Rechte oder geringer gesellschaftlicher Selbstorganisation ansonsten eher gering sind, Teilhabechancen zu bieten. Solche Partizipationsmöglichkeiten wirken integrierend, tragen sie doch dazu bei, dass "politische Entscheidungsträger Positionen, Ansprüche und Interessenlagen innerhalb der Bürgerschaft als solche erkennen und bei der Herstellung allgemeiner Verbindlichkeiten berücksichtigen".

In gewisser Hinsicht befördert das Internet auf diese Weise auch die Mobilisierung der Nutzer mit Migrationshintergrund. Denn in dem Maße, in dem durch das Internet der Aufwand für gesellschaftliche Teilhabe "im wirklichen Leben" abnimmt und die Chancen, tatsächlich Einfluss nehmen zu können steigen, wächst sicher auch die Bereitschaft zur politischen Teilhabe und zum gesellschaftlichen Engagement. So gab etwa jeder zweite türkischstämmige Nutzer an, dass er/sie sich viel mehr mit politischen Themen sowohl in Deutschland als auch in der Türkei beschäftigt, seitdem er/sie das Internet nutzt.

Online-Offline: Schließlich stellt sich die Frage, wie sich das virtuelle Leben in den Alltag der Migranten außerhalb des Internet einfügt. Aufgrund der Ähnlichkeit des sozialen Raums im Internet mit dem des realen Lebens wird davon ausgegangen, dass virtuelle und reale Räume miteinander verbunden sind: Soziale Kontakte im Internet werden häufig durch reale Begegnungen ergänzt - und umgekehrt. Welche Auswirkungen diese Interdependenz von Online- und Offline-Sphären auf die langfristige, dauerhafte Kontaktpflege zu Freunden und Verwandten der Migranten in den Herkunftsländern hat, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Insgesamt erweitert und verändert das Internet schon heute das reale Lebensumfeld von Migranten. Im Internet gesammelte Erfahrungen, gefundene Informationen, erworbene Sprachkenntnisse oder geknüpfte soziale Kontakte beeinflussen das Leben der Migranten auch außerhalb dieser virtuellen Sphäre.

Integration

In welchem Zusammenhang steht nun die beschriebene Nutzung des Internet durch Personen mit Migrationshintergrund zu ihrer Integration in Deutschland?

In Informations- oder Mediengesellschaften findet Integration formal über die Einbindung in den medialen Informations- und Kommunikationsprozess statt. Das heißt, dass Menschen mit Migrationshintergrund durch die Nutzung des Internet an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können, die vielfach online stattfinden. Da Online- und Offline-Welten miteinander verbunden sind, wirkt sich die gesellschaftliche Teilhabe im Internet auch auf das Leben außerhalb dieses Mediums aus.

Im Internet wird durch den individuellen Austausch der Nutzer und die Vernetzung der Angebote ein gesellschaftliches Netzwerk geschaffen, das eine integrierende Kraft besitzt. Aus diesem Grund ist die individualisierte Alltagsgestaltung und Internetnutzung des Einzelnen auch keine Gefahr für die gesellschaftliche Integration, und führt auch nicht zu einer sozialen Fragmentierung. Vielmehr verändern sich die grundsätzlichen Strukturprinzipien von gesellschaftlicher Integration in feste, abgrenzbare Gruppen hin zu einer Integration in flexible Netzwerke. Diese Form der Integration ist jedoch nicht stabil und dauerhaft; sie muss durch den Austausch der Nutzer mit anderen aktiv immer wieder aufrechterhalten werden.

Das Internet spielt insgesamt für die Integration von Migranten eine wichtige Rolle, indem es diese Gesellschaftsmitglieder über die im Internet möglichen Prozesse der Information, Kommunikation und Partizipation in die Informationsgesellschaft Deutschland einbindet. Der Zusammenhang zwischen Online-Prozessen und gesellschaftlicher Integration wurde von der Autorin im "Triavis-Modell" beschrieben, wonach Information, Kommunikation und Partizipation erfolgreich zur Integration führen. Wer demnach durch die Nutzung des Internet Teil eines virtuellen Netzwerkes wird, hat erweiterte Möglichkeiten, sich Informationen zu beschaffen, mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft in Kontakt zu treten und sich mit ihnen zusammenzuschließen und zu organisieren. Insgesamt führt das Internet auf diese Weise zu einer Erweiterung der integrativen Interaktionsmöglichkeiten für Migranten und Mehrheitsgesellschaft.

Abschließend soll noch einmal auf die festgestellte vorrangige Nutzung des Internet durch Migranten zur Kontaktaufnahme zum Herkunftsland und zu anderen Migranten sowie auf die Nutzung des Internet in der Muttersprache eingegangen werden. In einer von der Globalisierung, den neuen Medien und preisgünstigen Reisemöglichkeiten geprägten Gesellschaft erscheint ein Integrationsverständnis angemessen, das die zunehmende transnationale Vernetzung sowie die langfristige Beibehaltung von persönlichen Beziehungen zur Herkunftskultur der Migranten positiv und nicht als integrationshinderlich bewertet .

Von einer vollständigen Hinwendung zum Aufnahmeland bei gleichzeitiger Abwendung vom Herkunftsland kann nicht mehr ausgegangen werden. Mehrfache nationale Zugehörigkeiten von Menschen mit bi-kulturellen Identitäten sowie transnationalen Lebensstilen, wie sie heute oftmals anzutreffen sind, verweisen auf differenzierte Integrationsprozesse. Die Nutzung des Internet durch Migrantinnen und Migranten besitzt so das Potential, ihre Integration im Aufnahmeland zu fördern und gleichzeitig die Kontakte zum Herkunftsland weiter zu pflegen, ohne dass diese doppelte Orientierung ihre Integration in beide Gesellschaften behindern würde. Vielmehr stellt die virtuelle Sphäre des Internet einen Raum dar, innerhalb dessen diese zweifachen Interessensrichtungen und Identitäten ausgehandelt und ausgelebt werden können.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Mein Dank gilt der Fritz-Thyssen-Stiftung für die Förderung des Forschungsprojektes "Politisches Potential des Internet. Die virtuelle Diaspora der Migranten aus Russland und der Türkei in Deutschland". Einige Ergebnisse dieses Projektes werden in diesem Beitrag dargestellt.

    Vgl. Initiative D21, (N)Onliner Atlas, Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland, in: http://www.initiatived21.de/fileadmin/files/
    08_NOA/NONLINER 2008.pdf (28.6. 2008).

  2. Vgl. ARD/ZDF, Migranten und Medien, Ergebnisse einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medienkommission, in: www.unternehmen.zdf. de/fileadmin/files/Download_Dokumente/
    DD_Das_ZDF/Veranst altungsdokumente/ Migranten_und_Medien_ 2007_ -_Handout_neu.pdf (25.6. 2008).

  3. Zur Diskussion siehe auch: BpB-Spezial, UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft, in: http://www. bpb.de/themen/F54CBN,0,0,UNWeltgipfel
    _zur_Inf ormationsgesellschaft.html (25.6. 2008).

  4. Vgl. William Loges/Joo-Young Jung 2001, Exploring the Digital Divide. Internet Connectedness and Age. in: Communication Research, 28 (2001) 4, S. 536.

  5. Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW, Zuwanderung und Integration in NRW, in: http://www.mgffi. nrw.de/pdf/inte gration/zuwanderung- integration.pdf (25.6. 2008).

  6. Vgl. Kathrin Kissau, Das Integrationspotential des Internet für Migranten, Wiesbaden 2008, S. 156.

  7. Vgl. Initiative D21, E-Integration. IT-Roadmap zur gesellschaftlichen Integration, in http://www.initiati ved21.de/fileadmin/files/07_E-Integration_IT-Road map/IT-Roadmap_ FINAL.pdf (28.6. 2008).

  8. Vgl. Klaus Kamps, Individualisierung und Integration durch das Netz? in: Uwe Hasebrink/Patrick Rössler (Hrsg.), Publikumsbindungen, München 1999, S. 31.

  9. Vgl. Nicola Döring, Lernen und Lehren im Netz, in: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NE TLEHRE/NETLEHRELITORD/Doering.html (22.6. 2008).

  10. Vgl. Martin Seligman, Erlernte Hilflosigkeit, Weinheim 1992.

  11. Vgl. Ines Michalowski, Ins richtige Netzwerk gelotst: Lokale Vernetzung zwischen Einwanderern und Einheimischen: Das Konzept der Stadt Münster vor dem Hintergrund der europäischen Integrationsdiskussion, in: Karin Weiss/Dietrich Thränhardt (Hrsg.), Selbsthilfe. Wie Migranten Netzwerke knüpfen und soziales Kapital schaffen, Freiburg 2005, S. 204.

  12. Vgl. Kathrin Kissau, Politische Internetnutzung von Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion. In: Uwe Hunger/dies. (Hrsg.), PPI-Working Paper, (2007) 5, in: http://ppi.uni-muenster.de/Mate rialien/work ingpaper_5.pdf (25.6. 2008). Weitere Informationen zum Forschungsprojekt "Politisches Potential des Internet. Die virtuelle Diaspora der Migranten aus Russland und der Türkei in Deutschland" unter http://ppi.uni-muenster.de

  13. Vgl. K. Kissau (Anm. 6).

  14. Vgl. Hartmut Esser, Assimilation, Integration und ethnische Konflikte. Können sie durch "Kommunikation" beeinflußt werden?, in: Heribert Schatz/Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.), Migranten und Medien. Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rundfunk, Opladen 2000, S. 30.

  15. Vgl. Young Yun Kim, Adapting to an Unfamiliar Culture. An Interdisciplinary Overview, in: William Gudykunst/Bella Mody (Hrsg.), Handbook of International and Intercultural Communication, Thousand Oaks/CA 2002, S. 260.

  16. Vgl. K. Kissau (Anm. 6).

  17. Vgl. Nelly Elias/Dafna Lemish, When all else fails: The Internet and adolescent-immigrant´s informal learning, in: http://www. dream.dk/uploads/files/Elias%20Nelly%20-%20Dafna%20Lem ish.pdf (25.6. 2008).

  18. Vgl. Kathrin Kissau/Uwe Hunger, The Internet as a means of studying Transnationalism and Diaspora?, Paper präsentiert auf der IMISCOE Konferenz "Diaspora and Transnationalism - Conceptual, Theoretical and Methodological Challenges", 10 - 11. April 2008.

  19. Vgl. Anabel Quan-Haase/Barry Wellman, How does the Internet Affect Social Capital? in: http://www.chass.utoronto.ca/ ~wellman/publicationsinternetsocialcapital/
    Net_SC-09.PDF. (26.6. 2008).

  20. Vgl. K. Kissau (Anm. 6).

  21. Vgl. Nelly Elias/Marina Zeltser-Shorer, Russian Diaspora On-Line 2006, A Virtual Community of Immigrants from the former Soviet Union on the www, in: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 16, in: http://www.inst.at/trans/16Nr/04_2/elias 16.htm (25.6. 2008).

  22. Vgl. K. Kissau/U. Hunger (Anm. 18).

  23. Vgl. Rainer Geißler, Interkulturelle Integration von Migranten - ein humaner Mittelweg zwischen Assimilation und Segregation, in: Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.), Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland, Bielefeld 2005, S. 65.

  24. Vgl. Vikas Nath, Empowerment and Governance through Information and Communication Technologies: Women's Perspective, in: International Information & Library Review, (2001) 33, S. 329.

  25. Vgl. K. Kissau/U. Hunger (Anm. 18) sowie K. Kissau (Anm. 6).

  26. Vgl. K. Kissau (Anm. 6).

  27. Vgl. Kathrin Kissau, Zugang zur politischen Öffentlichkeit finden Deutschtürken (nur) im Internet. Ergebnisse einer Onlinebefragung, in: Uwe Hunger/Kathrin Kissau (Hrsg.), PPI-Working Paper (2007) 9, in: http://ppi.uni-muenster.de/Materialien/workingpa per_9.pdf (28.6. 2008).

  28. K. Kamps (Anm. 8).

  29. Vgl. Kathrin Kissau, Politische Internetnutzung von Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, in: Uwe Hunger/ Kathrin Kissau (Hrsg.), PPI-Working (2007) 5, in: http://ppi.uni-muenster. de/Materialien/workingpaper_ 5.pdf (24.6. 2008).

  30. Vgl. Keith Hampton, Living the Wired Life in the wired Suburb: Netville, Glocalization and civil society. Toronto 2001, in: http://www. mysocialnetwork.net/downloads/ khampton01.pdf (22.6. 2008).

  31. Vgl. A. Quan-Haase/B. Wellman (Anm. 19).

  32. Vgl. Friedrich Krotz, Die Mediatisierung von Alltag und sozialen Beziehungen und die Formen sozialer Integration, in: Kurt Imhof/Otfried Jarren/Roger Blum (Hrsg.), Integration und Medien, Wiesbaden 2002, S. 197.

  33. Vgl. K. Kissau (Anm. 6).

  34. Vgl. Nina Glick Schiller et al., Pathways of Migrant Incorporation in Germany, in: Transit, 1 (2005) 1, in: http://repositories.cdlib.org/cgi/viewcontent.
    cgi?art icle=1010&context= ucbgerman/transit (16.7. 2008).

Dr. phil., geb. 1979; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster, Platz der Weißen Rose, 48151 Münster.
E-Mail: E-Mail Link: kissau@uni-muenster.de