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14.4.2008 | Von:
Fania Oz-Salzberger

Die Zukünfte der israelischen Gesellschaft

Ende des jüdischen Staates

Das zweite Szenario bringt das Ende Israels als jüdischer Staat mit sich. Ich beziehe mich nicht auf die Zerstörung Israels durch eine Kraft von Außen, wie zum Beispiel einen iranischen Bombenangriff oder einen extrem gut konzertierten Überraschungsangriff der vereinigten Armeen verschiedener arabischer (und nicht-arabischer muslimischer) Staaten. Diese Entwicklungen sind vorstellbar, doch beziehen sich meine Überlegungen zu alternativen Zukunftsaussichten hauptsächlich auf die Entscheidungen, das Tun und Lassen der israelischen Gesellschaft selbst.

Auch hier ist die Demographie möglicherweise ein Hauptfaktor. Anstatt der rasch wachsenden Wählerschaft der nationalen Rechten und der orthodoxen Juden könnte der entscheidende Faktor die zunehmende Bevölkerungszahl der Palästinenser sein. Schon jetzt weisen die Westbank und der Gazastreifen einen Bevölkerungsanteil auf, der zu den jüngsten der Welt zählt.[5] Dies ist ein Grund, warum die derzeitigen palästinensischen Führer, zweifellos jene der Hamas und möglicherweise auch jene der Fatah, keine Eile haben, einen Friedensschluss mit Israel zu erzielen: Die Zukunft, glauben sie, gehört ihnen. Die nackten Zahlen sprechen dafür: rund sechs Millionen israelische Juden, etwas über eine Million israelische Araber, geschätzte vier Millionen Palästinenser, nach den jüngsten Schätzungen für Gaza (derzeit von Israel "abgekoppelt", jedoch keine unabhängige politische Einheit) und die Westbank.[6] Wenn kein territorialer Kompromiss erzielt wird, gefolgt von der Errichtung eines souveränen Palästina, das durch international anerkannte Grenzen von Israel getrennt ist, werden die Palästinenser die Juden zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan innerhalb von zwei Generationen oder weniger wahrscheinlich zahlenmäßig überflügeln. Das muss nicht der Untergang des jüdischen Staates sein, es sei denn, die Israelis bestehen auf der Westbank. Der gemeinsame Nenner der gemäßigten Kräfte Israels, die eine versöhnliche Haltung einnehmen, besteht in der Notwendigkeit, die besetzten Gebiete zu verlassen, mit oder ohne Verhandlungslösung.

Somit steht unser zweites Szenario fest: Es wird kein Abkommen erzielt, die Palästinenser stützen sich auf die Gewalt der Bevölkerungszahlen, und die Israelis sind nicht fähig, eine politische Entscheidung zu treffen. Wenn die Israelis den Palästinensern aufgrund ihrer Geburtenrate und trotz des beschleunigten Bevölkerungswachstums der nationalistisch-religiösen Rechten Israels zahlenmäßig unterlegen sind (was ein Hindernis für die territoriale Trennung darstellt), wird Israel entweder nicht länger demokratisch oder nicht länger ein jüdischer Staat sein.

Im ersten Szenario haben wir ein imaginäres Israel gesehen, das sich von der Demokratie entfernt. Im zweiten werden die Israelis, entweder durch Krieg oder internationalen Druck, gezwungen, den in der Westbank (und möglicherweise auch den im Gazastreifen) lebenden Palästinensern Bürgerrechte zuzugestehen. Die neue arabische Mehrheit, auch wenn sie sich demokratisch tadellos verhält, wird das Verfassungsgefüge Israels verändern und den jüdischen Staat zwar nicht physisch, doch auf legale Weise ausradieren. Selbst der Name "Israel" wird voraussichtlich abgewählt werden.

Die Auswirkungen einer solchen Transformation der Gesellschaft sind tief greifend. Für einige Juden und viele Araber wird ein Traum wahr - die "Einstaatenlösung", bei der zwei Nationen in einem neutralen Staat zusammenleben. Für die überwiegende Mehrheit der israelischen Juden, einschließlich eines Großteils der säkularen liberalen Linken, würde eine solche Entwicklung eine historische Katastrophe bedeuten. Trotz scharfer intellektueller Wortmeldungen auf Seiten der extremen Linken geht mein zweites Szenario davon aus - Europäer sind sich dessen oft nicht bewusst -, dass so gut wie alle israelischen Juden Zionisten sind. In dem hier verwendeten Sinn ist Zionismus die grundlegende Überzeugung, dass Israel der Staat der Juden ist und sein sollte. Die politische Mitte und Mitte-Links mögen der demokratischen Verfassung Israels gleichermaßen hohe Bedeutung zumessen. Sie mögen die Gleichheit aller Israelis als Menschen und als Staatsbürger im jüdischen Staat betonen. Doch die meisten können sich nicht vorstellen, in einem demokratischen Staat zu leben, der nicht mehr jüdisch oder nicht mehr Israel ist.

Selbst wenn die palästinensische Mehrheit, in der moderatesten Version dieses Szenarios, einen sanften Übergang in eine Zweistaatendemokratie ermöglicht, und selbst wenn die bürgerlichen Freiheiten unangetastet bleiben, werden die Juden dies als Zerstörung biblischen Ausmaßes ansehen, vergleichbar mit dem historischen Untergang des alten Israel. In meinem Szenario werden die meisten Juden das Land verlassen und als Minderheit in gastfreundlicheren Ländern leben. Endlich wäre heilige Ruhe im Nahen Osten eingekehrt. Die Graffiti "Juden, raus aus Palästina", die man in Europa manchmal sieht, sind Wirklichkeit geworden. Gute liberale Seelen - wieder in Europa - werden den Juden gut gemeinte Vorhaltungen machen, weil sie nicht bereit waren, sich in ein glückliches politisches Gemeinwesen mit ihren palästinensischen Brüdern einzufügen. Die internationale Gemeinschaft, müde und überdrüssig, würde vor Erleichterung aufatmen.[7] Vielleicht aber auch nicht. Dieses Szenario kann sich in verschiedene Richtungen entwickeln. Jede einzelne wäre ein Prüfstein für eine höchst kontrovers diskutierte Hypothese: Zürnt der Islam dem Westen vor allem wegen der jüdischen Präsenz im Heiligen Land? Wenn dem so ist, wird das Verschwinden des jüdischen Staates diesem Krieg der Zivilisationen ein Ende setzen. Wenn der Konflikt aber weitergeht, sowohl zwischen den Ländern des Nahen Ostens untereinander als auch zwischen den Moslems und dem Westen, würde sich herausstellen, dass ganz andere Uhren tickten, dass die ganze Zeit über, verschleiert durch den israelisch-palästinensischen Konflikt, andere Fronten existiert haben.

Ein anderer entscheidender Test wird, fürchte ich, den Status der Juden in der Diaspora betreffen. Ist ein starkes Israel die Basis für die Sicherheit der Juden in der Welt? Diese Frage wird heiß diskutiert, auch in Israel selbst. Man muss sie noch schärfer formulieren: Wird der Antisemitismus in einer Welt ohne Israel dem Antisemitismus von heute ähnlich sein? Wird er abnehmen oder, im Gegenteil, immer stärker werden und zunehmend ungestraft bleiben? Schlimmer noch: Wenn die Juden gezwungen sein würden, Israel zu verlassen, aus welchem Grund auch immer, wird es ein Land geben, das sie aufnimmt? Eines der stärksten zionistischen Argumente lautet, dass sie nirgendwo sonst hin können. Das war die Raison d'Etre des jüdischen Staates von Beginn an.

Fußnoten

5.
Vgl. für einen demographischen Überblick The Economist Pocket World in Figures 2008.
6.
Vgl. ebd.; vgl. auch CIA World Factbook, https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook; zuletzt aktualisiert am 6.3. 2008.
7.
Zur "Einstaatenlösung" vgl. Tony Judt, Israel: The Alternative, in: New York Review of Books, 50 (2003) 16, und Yoel Esteron, Who's in Favour of Annihilating Israel?, in: Haaretz vom 28.11. 2003.