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14.4.2008 | Von:
Fania Oz-Salzberger

Die Zukünfte der israelischen Gesellschaft

Zwei Staaten

Das dritte Szenario führt uns ein jüdisches und demokratisches Israel neben einem souveränen und demokratischen Palästina vor Augen, als Teil eines stabilen und zumeist friedlichen, vielleicht sogar zunehmend demokratischen Nahen Ostens.[8]

Im Laufe der kommenden Jahre nehmen Einzelpersonen den Lauf der Geschichte in die Hand, aber nicht im zerstörerischen Sinn von politischen Attentaten oder Selbstmordanschlägen. Stattdessen stecken die führenden Politiker Israels und des vorwiegend gemäßigten palästinensischen Establishments weiterhin in einem zähen und zum Verzweifeln schwierigen Prozess, ein Abkommen zustande zu bringen, das auf Grundsätzen basiert, mit denen ohnehin schon fast jeder einverstanden ist. Sie ziehen eine Grenze; nahe genug an der international anerkannten Grünen Linie, mit zahlreichen Anpassungen und mit Bedacht darauf, dass die großen jüdischen und palästinensischen Ballungszentren innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen liegen. Das umstrittene Gebiet wird geteilt, sehr zum Verdruss der israelischen Rechten und der palästinensisch-nationalistischen Extremisten. Jerusalem wird geteilt oder gemeinsam kreativ genutzt. Die Palästinenser verzichten nicht auf ihr "Rückkehrrecht", sie halten es als symbolisches Andenken und Relikt vergangener Katastrophen hoch, verzichten aber auf seine Umsetzung. Jetzt und in Zukunft, historisch gesehen, nicht theologisch.

Wenn dieser Prozess Gestalt anzunehmen beginnt, wird die Hölle losbrechen. Arabische Selbstmordattentäter und jüdisch-nationalistische Gewaltverbrecher tun ihr Bestes, um den Lauf der Geschichte zu verändern, um jeden vertrauensbildenden Schritt mit brutalem Blutvergießen zu beantworten und den November 1995 zu wiederholen, als der Frieden zunichte gemacht wurde. Aber es werden andere eingreifen, stark und entschlossen, und mit den Friedensstiftern an einem Strang ziehen. Weltweit werden Politiker und Organisationen mit Entschiedenheit auftreten. Sie werden Israel oder die Palästinenser nicht zwingen, ihre Hand zu ergreifen, aber Unterstützung und Investitionen, Friedenstruppen und Grenzkontrolleinrichtungen in Echtzeit anbieten. Von großer Bedeutung wird sein, dass höchste Politiker - der künftige amerikanische Präsident und vielleicht auch noch einige der gegenwärtigen europäischen Politiker - für beide Seiten klare Worte finden. Sie werden den Israelis sagen, dass ihre nationale Existenz, ihr Überleben als Staat außer Zweifel steht, und sie werden den Palästinensern sagen, dass man sie nicht allein lässt. Wenn man der Masse ihre Furcht nimmt, wirkt man den abscheulichen Verbrechen der Wenigen entgegen.

Noch wichtiger wird sein, dass die öffentliche Meinung weltweit ein Klima schafft, das diesen Prozess fördert. Insbesondere die Europäer werden ihre Stimme erheben, aber nicht in Form von Sanktionen und Boykott, sondern um Unterstützung anzubieten. Indem sie die Ängste und Hoffnungen der israelischen (und der palästinensischen) Zivilgesellschaft erkannt hat, wird die internationale Gemeinschaft vielleicht auch ihre Berufung als Zivilgesellschaft finden. Dieser spezielle Fall von Konfliktlösung ist ein Reifetest nicht nur für Israelis und Araber.

Beide Nationen werden zu Beginn ihrer neuen Nachbarschaft die echten Schmerzen eines physischen Einschnitts empfinden. Wirtschaftliche Innovation wird eine enorme Rolle spielen, und gemäßigte arabische Regime, besonders Jordanien und Ägypten, werden wichtige Partner sein. Israel darf seinen jüngeren Bruder wirtschaftlich nicht kolonisieren, doch könnte die Kluft über viele Jahre hinweg ein echtes Problem darstellen. Es wird Spannungen geben. Ärger. Feindseligkeit. Rassismus. Es wird Rückschritte und Hindernisse geben. Die beiden souveränen Staaten werden einander nicht lieben. Die arabische Minderheit in Israel und vermutlich eine in Palästina verbliebene jüdische Minderheit werden sich mit besonders großen Schwierigkeiten konfrontiert sehen. Friedens- und Versöhnungskomitees zwischen Juden und Arabern werden kaum aus dem Boden schießen, denn keine der beiden Seiten ist geistig einer solchen Übung in christlicher Vergebung zugeneigt. Aber es wird Frieden und eine umfassende, grobe Form von Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern geben.

Ich hege die Hoffnung, zu erleben, wie dieses dritte Szenario, diese bestimmte, mögliche Zukunft, eines Tages Wirklichkeit wird.

Übersetzung aus dem Englischen: Doris Tempfer-Naar, Wien/Österreich. Dieser Beitrag ist Teil eines laufenden Forschungsprojektes, das von der German-Israeli Foundation for Scientific Research (GIF) gefördert wird.

Fußnoten

8.
Der einzige nahöstliche Staatsmann, der eine solch optimistische Zukunftsperspektive vertritt, ist Israels Präsident Shimon Peres. Vgl. sein Interview mit Wikinews vom 9.1. 2008: http://en.wikinews.org/wiki/Shimon_Peres_
discusses_the_future_ of_Israel.