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14.4.2008 | Von:
David Witzthum

Israels Medien in Zeiten der Not

Medien in Israel

Die jüdische, vorstaatliche Medienwelt war schon etwa hundert Jahre vor Gründung des Staates Israel - in Polen, Deutschland, den USA und anderen Ländern wie auch in Palästina (Eretz Israel) - aktiv gewesen, ob auf Hebräisch oder in anderen Sprachen. 60 Jahre nach der Staatsgründung sind Israels Medien an einem Scheideweg angelangt, sowohl, was ihr Verhältnis zum Staat und zur Regierung betrifft, die sich in einer Krise befindet und unpopulär ist, als auch in Bezug auf die eigene Identität in Zeiten des Internets und der Mobiltelefone.[1]

In den israelischen Medien konkurrieren zwei Tendenzen miteinander: zum einen der Anspruch, den Staat zu repräsentieren und ihn gegen private, partikuläre Sektoren, externe Kritik und Anfeindung zu verteidigen. Dieser Anspruch beeinflusst die Berichterstattung und unterscheidet sie von dem Bild, das sich etwa in Europa durch internationale Sender und Auslandskorrespondenten ergibt, die mit einer beispiellosen und rational kaum erklärbaren Intensität aus Israel berichten. Zum anderen hat sich das Schwergewicht der israelischen Medien auf den kommerziellen, zentralisierten und hegemonialen Privatsektor verlagert. Die letzten in öffentlicher Hand verbliebenen Medien - die staatlichen Sendeanstalten, der Armeesender Galei Zahal und die Bildungsprogramme - kämpfen ums Überleben und sind ähnlich wie europäische öffentliche Sendeanstalten gezwungen, sich durch Werbung, Sponsoren und Unterhaltungsinhalte einen kommerziellen Touch zu geben.

Es lassen sich vier Phasen der Entwicklung der israelischen Medienlandschaft unterscheiden. Eine erste Phase, in der die Presse das ideologische, parteipolitische Sprachrohr verschiedener kultureller, ideologischer und sozialer Gruppen im Jeschuw war, dauerte bis in die 1960er Jahre. Vor der Gründung des Staates war die hebräische Presse Teil einer europäischen politischen Kultur. Sie sah in Europa ihren kulturellen, sprachlichen Anker, ja eine Heimat.[2] Die große Katastrophe, die Shoa der europäischen Juden, wurde von der Presse als unfassbarer Verrat angesehen, den die Kulturnation Deutschland an seinen Juden beging. Einige Jahre später schrie die Presse in Israel erneut auf, als Europa die arabischen Länder politisch unterstützte und sich israelfeindlich zeigte.

In einer zweiten Phase entstand ein staatlicher Einheitskurs. Seit der Staatsgründung ließen David Ben-Gurion und seine Leute den Begriff der "Eigenstaatlichkeit" in Israels Ideologie einfließen, um der Aufsplitterung des Landes entgegenzuwirken, bei der Integration der Einwanderungswelle der 1950er Jahre durch Schaffung eines gesellschaftlichen Schmelztiegels zu helfen und eine eigene israelische Kultur zu schaffen.[3] Dabei wurde selbst die Shoah vereinnahmt. Dies betraf insbesondere den Eichmann-Prozess 1962, der vom staatlichen Radio direkt übertragen und zum zentralen Thema im israelischen Mediendiskurs wurde. Das Konzept der "Eigenstaatlichkeit" führte in den 1960er Jahren zur Gründung und Blütezeit der staatlichen Sendeanstalten, des Armeesenders, der Armeepresse und der staatlichen Bildungsprogramme, insbesondere vor dem Hintergrund einer immer stärkeren Abneigung, die junge Israelis, angeführt von Intellektuellen, Schriftstellern und Kulturschaffenden, gegenüber dem parteipolitischen Establishment hegten. Die Generation von Levi Eshkol, Zerach Wahrhaftig und Israel Galili, die als graue Politaktivisten galten, schien mit Blick auf die neuen Helden Mosche Dayan oder Yitzhak Rabin zu verschwinden, welche insbesondere mithilfe von Radio und staatlichem Fernsehen die Szene eroberten. Das Fernsehen setzte dem die Krone auf, als es den Sendebetrieb symbolträchtig mit der Übertragung der Militärparade im Mai 1968 in Jerusalem aufnahm. Die Siegesparade, ein Jahr nach dem Sechstagekrieg, kündete vom Weg, den die neuen staatlichen Medien einschlagen sollten.

Die große Krise nach dem Yom-Kippur-Krieg förderte in einer dritten Phase Risse im staatlichen Einheitsdiskurs zutage. Der Umschwung setzte der Mapai-Regierung ein Ende und führte im Sommer 1977 zum Machtantritt der Rechtsregierung von Menachem Begin. Plötzlich standen andere Themen auf der öffentlichen Agenda. Erstmals zeigten die Medien eine gespaltene Gesellschaft: In der Außen- und Sicherheitspolitik, in den Beziehungen zu den arabischen Staaten und zu den Palästinensern, im ideologischen Kampf um Eretz Israel gingen die Meinungen auseinander. Plötzlich wurden die besetzten Gebiete zu einem Problem, in dessen Mittelpunkt die Siedlungen standen. Die Spannungen zwischen Säkularen und Religiösen, zwischen "Israeli-" und "Judentum" nahmen zu und waren mit Fragen des nationalen Erinnerns in all seinen Komponenten und insbesondere mit dem Thema Shoah und der Einstellung zu Deutschland verknüpft. Die Medien, die mehrheitlich links der neuen Regierung standen, übernahmen das heroisch-jüdische Narrativ von Begin und insbesondere Themen mit Bezug zur Shoah.

In einer vierten Phase begann die israelische Gesellschaft, in ihre ethnischen, kulturellen und religiösen Bestandteile zu zerfallen.[4] Die Gesellschaft spaltete sich in sechs große "Stämme".[5] Israels Araber hoben sich durch ihre Sprache, ihren Glauben (Moslems, Christen und insbesondere Drusen), durch Lebensstil, Tradition, Wohnort, Erziehungswesen und politische Parteien, die "arabisch" geworden waren, deutlich ab. Einen zweiten "Stamm" bildeten die Russen, die ihre Kultur, Sprache, Politik und ihre Medien nach Israel gebracht hatten. Die Ultraorthodoxen zeichneten sich durch Glauben, Sprache, Erziehung, Kleidung, getrennte Wohngegenden und Tradition, durch religiöse Parteien und völlig andere Medien als die der Säkularen aus. Religiöse orientalischer Herkunft - Juden vor allem aus Marokko, Tunesien und dem Irak - bildeten einen vierten "Stamm" und sammelten sich in den 1980er Jahren um Rabbiner Ovadia Josef und die Schas-Partei. Den fünften "Stamm" bildeten die Nationalreligiösen, unter ihnen Siedler, die sich ebenfalls von der säkularen israelischen Kultur abzuheben begannen und eigene Parteien, Erziehungsinstitutionen und Medien entwickelten. Der sechste "Stamm" waren jene, die sich ohne Identitätszusatz oder religiöse Definition einfach "Israelis" nannten. Sie gehörten der säkularen, sozialistischen Linken an, waren Liberale oder traditionelle Rechte, ja selbst Religiöse, Aschkenasi und Sefarden.[6] Die Herrschaft in Israel liegt noch immer beim "Stamm der Israelis", wenngleich sie in der Minderheit sind.

Die Zersplitterung von Kultur und Gesellschaft hat sich zugespitzt. Israel ist zur blutigen Arena der Terrorbekämpfung und von Anschlägen geworden, die das Alltagsleben und die Städte zum Schauplatz von nationalen und internationalen Direktübertragungen, zum zentralen Teil einer schwierigen und schmerzhaften Nationalgeschichte machten, die schnell zu einer internationalen wurde. Medien aus der ganzen Welt waren darauf gut vorbereitet, etwa CNN und ähnliche westliche Medien, aber auch arabische Satellitensender wie Al-Dschasira, das internationalen Zuspruch gefunden hat. Es waren vor allem internationale Medien und die Weltöffentlichkeit, die in Israel, den USA und den entwickelten westlichen Ländern die Mitverantwortlichen für den Ausbruch der Terrorwelle sahen - eine Haltung, die Osama Bin Laden und die Anführer des islamistischen Terrors vor allem im Iran vertraten. Gleichzeitig distanzierte sich die Öffentlichkeit in den meisten Staaten der Welt von der israelischen Position im Nahostkonflikt und sieht in Israel eine Gefahr für den Weltfrieden, wie dies auf dramatische Weise aus der Umfrage "Euro-Barometer" hervorgeht, die 2003 in Europa durchgeführt wurde.[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Gabriel Weimann, Terror on the Internet: The New Arena, the New Challenges, Washington, D.C. 2006.
2.
In den 1930er Jahren gab es im Land Israel mehr deutsch- als hebräischsprachige Zeitungen. Dennoch leisteten die deutschstämmigen Juden ihren Hauptbeitrag zur Presse auf Hebräisch. Hier sind vor allem Gershom Schocken (Haaretz), Azriel Carlebach (Maariv) und Uri Avneri (Haolam Haseh) zu nennen. Vgl. David Witzthum, Deutsche Presse in hebräischer Sprache: Drei Wenden und ihre Bedeutung, in: Moshe Zimmermann/Yotam Hotam (Hrsg.), Zweimal Heimat: Die Jeckes zwischen Mitteleuropa und Nahost, Frankfurt/M. 2005, S. 287 - 294.
3.
Vgl. Charles D. Liebman/Elieser Don-Yihya, Civil Religion in Israel, Berkeley 1983.
4.
Vgl. u.a. Baruch Kimmerling: The Invention and Decline of Israeliness, Berkeley 2001.
5.
Die israelische Gesellschaft lässt sich selbstverständlich auch anders analysieren. Die Araber unterteilen sich in mehrere ethnische und religiöse Gruppen, die Russen nach Herkunftsstaaten und Integrationsstatus, die Ultraorthodoxen in unzählige Rabbinerhöfe, die "Israelis" in verschiedene Untergruppen; die äthiopischen Einwanderer sind gar nicht aufgeführt.
6.
Auf unverbindliche Weise lassen sich folgende Prozentsätze anführen: Araber ca. 18 %, Russen ca. 14 %, Ultraorthodoxe ca. 6 - 8 %, orientale Religiöse ca. 10 %, Nationalreligiöse 7 - 8 %, "Israelis" etwas über 40 %. Viele der jungen Russen sehen sich als Israelis und Zionisten, gleiches gilt auch für Juden orientalischer Herkunft, selbst wenn sie religiös sind, und für die weniger extremen Nationalreligiösen.
7.
The European Commission, Iraq and Peace in the World, Flash Barometer 2003.