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14.4.2008 | Von:
David Witzthum

Israels Medien in Zeiten der Not

Terroranschläge in den Medien

Israels Medien haben zentrale gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben übernommen: Sie vermitteln der Gesellschaft ein Gefühl der Solidarität und leben Engagement für das Kollektiv und das nationale Leben vor.[8] Seit dem Herbst 2000 ist die eigentliche Front, an der die Medien tätig sind, die Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Dabei war es nicht die Intifada, die das Gesicht der Medien veränderte. Ähnlich wie bei der Ersten Intifada stellten Redakteure und Kommentatoren der Nachrichtensendungen ihr Arbeitsinstrument in den Dienst von Regierung und Establishment. Und selbst wenn sie dies kritisch taten, halfen sie jenen beim Überleben.[9] Die Ziele der Terroristen, das israelische Bewusstsein und Leben zu erschüttern, wurden verfehlt. Dazu trugen die Marathonübertragungen der Anschläge bei, die sich im Charakter der Übertragung von ihren Vorgängern unterschieden. Die Auseinandersetzung mit den Terrorangriffen betrieb Sinngebung, stärkte Identitäten und schuf kulturelle und innergesellschaftliche Solidarität. Zusammen mit einem paradoxen Prozess der Entpolitisierung in Bezug auf die Auseinandersetzung und den Konflikt hat sie zum Aufspüren von Wurzeln und "tiefgehenden" Verankerungen geführt.[10]

Die im Folgenden beschriebenen Prozesse laufen wie bei allen Gesellschaften in einer ähnlich kritischen Lage parallel. Die Momente unmittelbar nach einem Terroranschlag sind immer von Ungewissheit geprägt und mit ängstlicher Erwartung gefüllt. Innerhalb von wenigen Minuten strahlen alle israelischen Fernsehsender Sondersendungen aus. Diese sind keine Nachrichtensendungen, obgleich sie aus Nachrichtenstudios und von Nachrichtensprechern gesendet werden. Es handelt sich um das Gegenteil: rituelle Zeremonien, bei denen der Moderator als eine Art Priester fungiert, der die Zeremonie leitet. Alle Augen sind auf ihn gerichtet: im Studio, mit Hilfe von Kameras und Spotlicht und von draußen, durch die Zuschauer, ob bei der Arbeit, im Café oder zu Hause. Die Sendung beginnt mit vermeintlichen Fakten. Dann werden Fragen gestellt, es wird berichtet. Und doch liegt ihre Bedeutung im Aufruf an die Zuschauer, sich zu vereinen, zu Freunden innerhalb eines Kollektivs zu werden.

Die Übertragungen von Anschlägen folgen klaren Regeln, die jedoch niemals im Voraus niedergeschrieben sind und deren Ende nicht bekannt ist. So wird das Drama gewahrt. Im weiteren Verlauf der Sendung verschwindet die Ungewissheit.

Bei Übertragungen von Anschlägen verschwinden maßgebliche journalistische Werte wie Objektivität, Professionalität, oder Neutralität, welche die Arbeit des Nachrichtensprechers auszeichnen. Nun wird Anteilnahme und Identifikation verlangt. Die Phasen der Zeremonie wiederholen sich: der Wettlauf zur Klärung von Informationen und Einzelheiten, das Verstehen seiner Bedeutung, erste organisatorische Aktivitäten, Räumungs- und Rettungsarbeiten, die Wiederherstellung der Ordnung, gefolgt von Heilung, Bestattung, Trauerarbeit und Anteilnahme. Dem stehen Anschuldigungen, Verzweiflung und Wut, angekündigte Vergeltung und Rache gegenüber. Der Sprecher im Studio und die Korrespondenten vor Ort werden von bekannten Teilnehmern und Interviewpartnern begleitet, die gute Wünsche oder ihr Bedauern aussprechen oder beten. Später erklingen den Umständen entsprechende Lieder und Melodien. Der Ort des Anschlags ist eine Art Altar, auf dem Opfer gebracht wurden. Innerhalb des Rituals werden Muster erkenntlich, die derartige Fernsehübertragungen ans rettende Ufer, zur wiedereinkehrenden Routine, führen, die sich selbst und den Zuschauern eine neue Dimension gibt, ihre Mitgliedschaft im Kollektiv verfestigt und bestätigt, sie vielleicht sogar neu "erfindet".[11]

Fußnoten

8.
Vgl. David Witzthum, Mahadura Meyuchedet (Breaking News), Jerusalem 2006.
9.
Vgl. Tamar Liebes, Reporting the Arab Israeli Conflict, London 1997.
10.
Vgl. Tamar Liebes/Paul Frosh (Hrsg.), Meeting the Enemy in the Living Room, Tel Aviv 2007 (Hebräisch).
11.
Die Fakultät für Medien an der Hebräischen Universität ist in der Erforschung dieses Bereichs (leider) führend. Vgl. beispielsweise: Tamar Liebes, Television Disaster Marathons: A Danger for Democratic Processes?, in: ders./J. Curran (Hrsg.), Media, Ritual, and Identity, London 1998; Menahem Blondheim/Tamar Liebes, From Disaster Marathon to Media Event: Live Television's Communications. Lessons from September 11, 2001, in: A. Michael Noll (Hrsg.), Crisis Communications. Lessons from September 11, London 2003; Tamar Liebes/Menahem Blondheim, Myths to the Rescue, How Live Television Intervenes in History, in: Eric W. Rothenbuhler/Mihai Coman (Hrsg.), Media Anthropology, London u. a. 2005..