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14.4.2008 | Von:
David Witzthum

Israels Medien in Zeiten der Not

Zusammenhalt des Kollektivs

Die Bedeutungen, die den meisten Terroranschlägen unmittelbar nach ihrem Eintreten verliehen werden, sind nicht politisch: Politiker vermeiden es, an den Ort des Geschehens zu gehen. Die Bedeutungen haben vielmehr symbolischen Charakter: Sie tragen zur Solidarität und zum Zusammenhalt des israelischen Kollektivs bei, ohne die politischen Beweggründe der Täter, ihrer Sendboten und Befürworter zu behandeln. Die Terroristen spielen den Medien in die Hände: Bin Laden nennt die Anschläge "Gottesdienst", und für Hamas und ihre Partner sind Selbstmordattentäter "Shahiden", ihr Kampf ein "Dschihad". Sie sprechen von "Ketzern" und Juden statt von Israel, drücken die Politik an den Rand und machen es Israelis leichter, im Zuge der Anschläge zu unpolitischen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Die Medien, die Empathie, Trost, Teilnahme produzieren, Eintrittskarten zum "israelischen Stamm" ausstellen und soziale Hierarchien und Schichtzugehörigkeiten (vorübergehend) aufheben, beginnen mit einem Prozess der Sinngebung für schmerzhafte und anonym erscheinende Vorfälle, die nicht so heroisch sind wie Kriege und Gefechte. Die Aufhebung der Trennung zwischen öffentlichem Bereich und Privatsphäre, die in der Berichterstattung einen zentralen Platz einnimmt, die Aufhebung von Hierarchien sind Ausdruck des Anspruchs der Medien, an der "Stunde nationaler Not" teilhaben und "auf Augenhöhe" von "uns" und "ihnen" (dem Establishment) berichten zu wollen.

Meinungsumfragen ergeben immer wieder, dass sich Israelis keineswegs entmutigt fühlen und mit ihrem Leben recht zufrieden sind. Die Mehrzahl der Israelis ist weiterhin konsequent für eine politische Lösung mit weitgehenden Zugeständnissen an die Palästinenser. Dazu gehören Verhandlungen mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (nicht mit Hamas) und die Räumung der Siedlungen. Gleichzeitig befürwortete eine große Mehrheit den Bau des Trennzauns und tut dies auch weiterhin.

Auch die palästinensische Gesellschaft zeigt trotz interner Kämpfe, trotz Blutvergießens, trotz Differenzen, Korruption, Fundamentalismus und der schlimmen wirtschaftlichen Lage keine Zeichen von Zusammenbruch, Aufstand oder einem Eingeständnis der Niederlage.[16] Während die Anschläge in Israel als Sondersendungen mit großem Einfluss ausgestrahlt werden, erscheint das, was in Israel als "Vergeltungsmaßnahme", Terrorvereitlung, Liquidierung, als Schikanen an den Grenzübergängen und als Intifada-Vorfälle bezeichnet wird, im Rahmen der nationalen und regulären Nachrichten. Für sie treffen die medialen Rahmenbedingungen zu: Sie werden in wenigen Minuten von einem israelischen Korrespondenten abgehandelt und von israelischen Kommentaren begleitet. Dann geht der Sprecher zum nächsten Thema über. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Wir wissen alles über die Ereignisse - auch über die auf palästinensischer Seite -, entwickeln aber keine Empathie, Solidarität und Anteilnahme.

Die Demokratie in Israel steht vor einer der schwierigsten Herausforderungen ihrer Geschichte. Kriege und deren soziale und politische Bedeutung sind nicht mehr gegen Staaten und Armeen gerichtet, sondern bedrohen mit Hilfe einer neuen Kampfführung die Fähigkeit der Gesellschaft, demokratisch zu bleiben. Die Kultur des Terrors und deren Bedeutung schafft Bedrohungen, die kein externer, sondern ein interner Feind sind. Zur Zeit, da diese Zeilen verfasst werden, ist unklar, ob wir sie überwinden werden.

Übersetzung aus dem Hebräischen: Antje Eiger, Tel Aviv/Israel.

Fußnoten

16.
Vgl. David Witzthum, Die israelisch-palästinensische Konfrontation und ihre Widerspiegelung in der öffentlichen Meinung Israels, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2004) 20, S. 29 - 37.