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26.7.2011 | Von:
Hope M. Harrison

Walter Ulbrichts "dringender Wunsch"

Aktion "Rose"

Als Chruschtschow drohte, er werde einen separaten Friedensvertrag mit Ulbricht abschließen, falls Kennedy einem Friedensvertrag und der Umwandlung West-Berlins in eine neutrale, "Freie Stadt" nicht zustimmte, erwiderte Kennedy, er werde es nicht zulassen, dass die Three Essentials angetastet würden: die Freiheit der West-Berliner Bürger, das Recht der westlichen Alliierten, sich in West-Berlin aufzuhalten, sowie der freie Zugang der Westmächte nach West-Berlin. Kennedy unterstrich, dass jede Beeinträchtigung dieser drei Grundsätze einer Kriegserklärung gleichkäme. Zu den Bevölkerungsbewegungen zwischen Ost- und West-Berlin äußerte er sich nicht.[24]

Chruschtschow hatte kein Bedürfnis, einen Krieg mit den USA heraufzubeschwören. Also wendete er eine Verzögerungstaktik an und erwog die Optionen. Auch Anfang Juli war sich der sowjetische Machthaber noch nicht sicher, wie er die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen sollte. In einem ausführlichen Bericht an Gromyko legte Botschafter Perwuchin die Möglichkeiten dar.[25] Man könne "entweder eine wirksame Kontrolle des Verkehrs der deutschen Bevölkerung zwischen Westberlin und der BRD in allen Verkehrsmitteln, einschließlich des Luftverkehrs, einführen oder die Sektorengrenze in Berlin schließen". Perwuchin gab ersterem den Vorzug, wobei er aber klarstellte, "der Westen werde sich wahrscheinlich nicht stillschweigend mit der Kontrolle der Luftkorridore durch die DDR abfinden", weshalb der DDR eine Möglichkeit eingeräumt werden müsse, "um den Luftraum verletzende Flugzeuge zum Landen zwingen zu können". Mit dem Bild von DDR-Militärmaschinen, die westliche Flugzeuge zum Landen zwingen, dürfte Perwuchin erreicht haben, dass Chruschtschow, der einen Krieg vermeiden wollte, die Kontrolle über die Luftkorridore keinesfalls der DDR übergeben würde.

Perwuchin führte an, dass "bei einer Zuspitzung der politischen Lage geschlossene Grenzen notwendig werden könnten. Deshalb ist es notwendig, auch einen Maßnahmeplan für den Fall der Einführung eines Staatsgrenzregimes an der Sektorengrenze auszuarbeiten." Er befürchtete, "dass wir im äußersten Fall die Sektorengrenze in Berlin schließen müssen. Es ist offensichtlich, dass wir (...) politische Schwierigkeiten zu erwarten hätten." Die Schließung der Sektorengrenze würde "alle Berliner und Deutschen gegen die Sowjetunion und das ostdeutsche Regime aufbringen". Perwuchin erwähnte auch die technischen Probleme: "Es wäre erforderlich, auf der gesamten Länge der innerstädtischen Grenze (46km) bauliche Hindernisse zu errichten, eine große Zahl von zusätzlichen Polizeiposten hinzuzufügen und permanente Polizeikontrollen an Stellen einzuführen, wo S-und U-Bahn die Grenze überqueren."[26] Perwuchin hatte möglicherweise Kenntnis davon, dass die DDR-Organe bereits daran arbeiteten.

Da Ulbricht nicht locker ließ, die Flüchtlingskrise eskalierte und Chruschtschow keinen Krieg mit den Westmächten vom Zaun brechen wollte, ging er schließlich auf Ulbrichts Appelle ein und befahl, die Grenze zu schließen. Später erklärte Chruschtschow dem westdeutschen Botschafter Hans Kroll in Moskau: "Die Mauer ist auf dringenden Wunsch Ulbrichts von mir angeordnet worden."[27] Ähnlich äußerte sich in einem Interview kürzlich Anatolij Grigorjewitsch Mereschko, stellvertretender Leiter der Operationsabteilung der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und einer der für das Unternehmen der Grenzschließung zuständigen sowjetischen Militärbeamten: "Die Lösung der Aufgabe wurde dadurch erleichtert, dass Ulbricht schon früher diese Frage nach der Einführung der Grenzkontrolle Chruschtschow mehrmals gestellt hatte. Chruschtschow aber wollte diesen Schritt lange nicht tun. Aber die Vorbereitungsarbeiten in den Organen der DDR waren deutlich im vollen Gang."[28]

Chruschtschow sicherte schon drei Wochen vor dem 13. August die Vorbereitungen der DDR zur Schließung der Grenze rings um West-Berlin militärisch ab. Die sowjetischen und die ostdeutschen Drahtzieher in Militär und Politik arbeiteten eng zusammen, um dafür gewappnet zu sein, die Pläne in der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 auszuführen.[29] Hochrangigen Stasi-Offizieren schärfte Erich Mielke ein: "Gegen die Republikflucht werden Maßnahmen getroffen (...). Die gesamte Aktion erhält die Bezeichnung 'Rose.'"[30] Chruschtschow befand sich nun in der Situation, die Perwuchin umrissen hatte: "(I)m äußersten Fall müssen wir die Sektorengrenze in Berlin schließen."

Acht Jahre lang hatten sich der sowjetische Staatschef und seine Genossen dieses Vorhabens erwehrt - in der Hoffnung, dass Ulbricht andere Wege finden würde, es den ostdeutschen Bürgern schmackhaft zu machen, in der DDR zu bleiben. In seinen Memoiren schrieb Chruschtschow: "Hätte es die DDR geschafft, das moralische und materielle Potential (ihrer Bürger) zu erschließen, dann wäre der Übergang zwischen Ost- und West-Berlin in beide Richtungen uneingeschränkt durchlässig geblieben."[31] Für ihn stand fest: Es war Ulbrichts Schuld, dass dieser Fall nicht eintrat.

Fußnoten

24.
Vgl. FRUS (Anm. 19). Vgl. auch Frederick Kempe, Berlin 1961. Kennedy, Khrushchev, and the Most Dangerous Place on Earth, New York 2011, S. 247.
25.
Perwuchin an Gromyko, 4.7.1961, in: AWP RF (Anm. 18).
26.
Ebd.
27.
Hans Kroll, Lebenserinnerungen eines Botschafters, Köln-Berlin 1967, S. 512, S. 526.
28.
Manfred Wilke/Alexander J. Vatlin, Interview mit Generaloberst Anatolij Grigorjewitsch Mereschko, "Arbeiten Sie einen Plan zur Grenzordnung zwischen beiden Teilen Berlins aus!", in: DA, 44 (2011) 2, online: www.bpb.de/themen/NAWPSE,0,Arbeiten_Sie
_einen_Plan_zur_Grenzordnung_zwischen_
beiden_Teilen_Berlins_aus!.html (24.6.2011).
29.
Vgl. Matthias Uhl/Armin Wagner (Hrsg.), Ulbricht, Chruschtschow und die Mauer, München 2003.
30.
Protokoll über die Dienstbesprechung am 11.8. 1961, in: Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (BStU), ZAIG, 4900; vgl. H. Harrison (Anm. 6).
31.
Khrushchev Remembers. The Glasnost Tapes, Boston 1990, S. 456.

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