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26.7.2011 | Von:
Hope M. Harrison

Walter Ulbrichts "dringender Wunsch"

Krisenszenarien und Reaktionen

Die ostdeutsche wie die sowjetische Führung brüsteten sich damit, dass die Grenzschließung so erfolgreich und ohne nennenswerten Widerstand der Westmächte über die Bühne gegangen war. Ulbricht berichtete im September: "Die Durchführung des Beschlusses über die Schließung der Grenze um Westberlin ist planmäßig erfolgt (...). Man muss sagen, dass der Gegner weniger Gegenmaßnahmen unternommen hat, als zu erwarten war."[32] Chruschtschow stimmte ihm zu: "Sie haben es alles großartig durchgeführt - schnell und unter strikter Geheimhaltung."[33]

Aus diesem Wortwechsel ergibt sich die Frage, welchen Krisenplan Chruschtschow und Ulbricht in der Hinterhand hatten für den Fall, dass die Westmächte eingegriffen hätten, wenn sie zum Beispiel die Stacheldrähte entfernt oder die Mauer in ihrem Anfangsstadium mit Baggern abgetragen hätten, wie es US-General Lucius D. Clay vorhatte.[34] Leider sind die Militärarchive in Moskau weiter unter Verschluss, und wir haben keine Informationen darüber, ob es Krisenpläne gab. Was wir jedoch wissen, ist, dass Kennedy nicht gewillt war, bei der Schließung der Grenze einzugreifen. Eher war er erleichtert, dass auf diese Weise die Flüchtlingskrise ohne einen militärischen Konflikt beendet war. Kennedys Politik in Bezug auf die Geschehnisse in Berlin wird in jüngsten Untersuchungen sehr kritisch beurteilt, denn er verhielt sich allzu zaghaft und sandte den Sowjets etliche Signale, dass sie nach Belieben in Ost-Berlin und an der Grenze schalten und walten könnten, solange sie nicht den Alliierten in West-Berlin in die Quere kamen. Anders als seine Vorgänger beharrte Kennedy nicht auf den Rechten der Alliierten in allen Teilen Berlins.[35]

Im Sommer 1961 äußerte Kennedy vertraulich gegenüber seinen Beratern: "Man kann es Chruschtschow nicht zum Vorwurf machen, dass er aufgebracht ist" über den Flüchtlingsstrom aus Ostdeutschland. "Er wird etwas unternehmen müssen, um den Exodus zu stoppen. Möglicherweise durch eine Mauer. Wir werden es nicht verhindern können."[36] In Kennedys Augen handelte es sich bei der Grenzschließung um einen defensiven Schritt, um die DDR zu retten, nicht um einen aggressiven Akt gegenüber dem Westen. So äußerte er seinem Freund Kenneth O'Donnell gegenüber: "Warum sollte Chruschtschow eine Mauer errichten wollen, wenn er tatsächlich vorhätte, sich West-Berlins zu bemächtigen? (...) Es ist zwar keine feine Lösung, aber eine Mauer ist immerhin verdammt besser als ein Krieg."[37]

Kennedy war der tiefen Überzeugung gewesen, dass die Verhinderung der Grenzschließung es nicht wert gewesen wäre, einen Krieg zu riskieren. Bei einer Fernsehansprache am 25. Juli, die als verspätete Erwiderung auf Chruschtschows Wiener Drohgebärden bezüglich West-Berlin gedacht war, fügte er Gedanken zum Krieg im Atomzeitalter an. "Dreimal in meinem bisherigen Leben waren mein Land und Europa in Kriege verwickelt, und jedes Mal wurden auf beiden Seiten schwerwiegende Fehleinschätzungen getroffen, die Zerstörungen zur Folge hatten. Jetzt aber könnte durch irgendeine erneute Fehleinschätzung (...) innerhalb weniger Stunden mehr Vernichtung auf uns niederkommen, als wir es je in unserer Geschichte erlebt haben."[38] Chruschtschow nahm diese Botschaft zur Kenntnis. So sagte er zu seinen Genossen beim Treffen der Staaten des Warschauer Paktes Anfang August, der Westen habe sich "als weniger hart erwiesen als (...) angenommen (...). (D)ie bislang stärkste Einschüchterung, das ist die Rede Kennedys (vom 25. Juli)." Andererseits räumte er ein, "dass niemand die Garantie dafür geben kann, dass es keinen Krieg geben wird". Man solle besser "vom Schlimmsten ausgehen".[39]

Auch noch nach Schließung der Grenze beklagten sich Funktionäre wie Marschall Iwan S. Konew, Außenminister Gromyko und Verteidigungsminister Rodion J. Malinowski, dass die ostdeutsche Führung zu eilig und zu häufig auf Menschen schießen lasse, die versuchten, illegal die Grenze zu überqueren; außerdem verweigere man in unangemessenem Maße den westlichen Alliierten den Zugang zu Ost-Berlin. Beides, so fürchteten die Sowjets, könne "unerwünschte und gravierende Folgen haben".[40] Tatsächlich schrieb Kennedy zwei Monate nach der Grenzschließung an Chruschtschow und äußerte seine Besorgnis darüber, dass Ulbricht noch mehr Macht über die Grenze zugestanden werden würde: "Dieses Gebiet würde (...) weniger friedlich werden, wenn die Wahrung der Interessen der Westmächte zum Spielball eines kapriziösen ostdeutschen Regimes würde. Einige der Ulbricht'schen Äußerungen zu dieser Frage stimmen nicht mit Ihren Zusicherungen, ja nicht einmal mit seinen eigenen überein, und ich glaube nicht, dass einer von uns beiden einen Dauerzustand von Zweifel, Spannung und lauernden Krisen herbeisehnt, der dann ein noch umfangreicheres Aufrüsten auf beiden Seiten nach sich ziehen würde."[41]

Fußnoten

32.
Ulbricht an Chruschtschow, 15.9.1961, in: SAPMO-BArch, DY 30/3509.
33.
Aleksandr Fursenko, Kak byla postrojena berlinskaja stena, in: Istoritscheskije Sapiski, (2001) 4, S. 81.
34.
Vgl. Honoré M. Catudal, Kennedy and the Berlin Wall Crisis, Berlin 1980, S. 133; Nikita Chruschtschow, Chruschtschow erinnert sich, Reinbek 1992, S. 429.
35.
Vgl. F. Kempe (Anm. 24); Fabian Rueger, Kennedy, Adenauer and the Making of the Berlin Wall, 1958-1961, Diss., Stanford University, 2011.
36.
F. Kempe (Anm. 24), S. 259, S. 316.
37.
Ebd., S. 379.
38.
Ebd., S. 308. Zum Text der Rede vgl. Report by President Kennedy to the Nation on the Berlin Crisis, 25 July 1961, in: Documents on Germany, 1944-1985, Washington, DC 1985.
39.
Chruschtschows Rede, 4. August 1961, in Bernd Bonwetsch/Alexei M. Filitow (Hrsg.), Chruschtschow und der Mauerbau, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 48 (2000) 1, S. 181, S. 195.
40.
Vgl. Bruce Menning, The Berlin Crisis from the Perspective of the Soviet General Staff, in: William W. Epley (ed.), International Cold War Military Records and History, Washington, DC 1996, S. 49-62.
41.
Brief von Präsident Kennedy an Khrushchev, Hyannis Port, 16.10.1961, in: FRUS (Anm. 19), Vol. VI: Kennedy-Khrushchev Exchanges, Washington, DC 1996, S. 41.

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