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26.7.2011 | Von:
Gerhard Wettig

Chruschtschow, Ulbricht und die Berliner Mauer

Schließung der Grenze in Berlin

Chruschtschow ignorierte Ulbrichts Appell. Nach wie vor wollte er in Berlin den fatalen Eindruck eines brutalen Grenzregimes vermeiden. Seiner Ansicht nach bauschte Ulbricht die Probleme auf. Erst als Berichte seiner eigenen Leute Anlass zur Sorge gaben, wurde er aufmerksam. Am 20. Juli 1961 meldete der KGB-Vorsitzende Alexander Schelepin, die Lage in der DDR sei bedrohlich, und zog den Schluss, die Massenflucht müsse rasch beendet werden, um ein ökonomisches Ausbluten zu verhindern. Sonst sei ein baldiges Ende des ostdeutschen Staates zu befürchten. Um diese Gefahr zu bannen, müsse sofort etwas getan werden.[4]

Chruschtschow zog widerwillig den Schluss, eine Schließung der Grenze in Berlin lasse sich nicht vermeiden. Diese lasse sich auch benutzen, um zu testen, wie die USA auf den einseitigen Abschluss eines Friedensvertrags reagieren würden. Von seinem Urlaubsort aus wies er den sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin, Michail Perwuchin, an, den Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen in der DDR, Armeegeneral Iwan Jakubowski, zu beauftragen, sofort Vorbereitungen einzuleiten. Dieser bestellte, ohne dass er Ulbricht vorher gefragt oder auch nur unterrichtet hätte, Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, Staatssicherheitschef Erich Mielke und den für die Polizeiorgane zuständigen Innenminister Karl Maron noch am selben Tag zu sich nach Wünsdorf. Als man dort darüber sprach, wie der Auftrag auszuführen sei, stellte er fest, dass seine Gesprächspartner bereits konkrete Vorstellungen hatten und alle Fragen sofort beantworten konnten. Nachdem man die Planung in groben Zügen festgelegt hatte, übertrug Jakubowski die Ausarbeitung der Einzelheiten dem stellvertretenden Leiter seiner operativen Stabsabteilung, Oberst Anatoli Mereschko.[5]

Noch am 18. Juli hatte das SED-Politbüro zur Feier von Karl Liebknechts 90. Geburtstag am 14. August eine Großkundgebung auf dem Potsdamer Platz direkt an der Demarkationslinie zu West-Berlin beschlossen. Die Vorbereitungen dazu liefen zunächst zum Schein weiter, damit es keinen Hinweis auf die nun für den Vortag terminierte Aktion gab. Die militärischen und polizeilichen Dispositionen, die bis dahin räumlich gegen die Bundesrepublik und zeitlich auf das Jahresende ausgerichtet gewesen waren, wurden eilig auf das Gebiet um Berlin und einen baldigen Einsatz umorientiert. Der Bau eines tief gestaffelten, fünf Kilometer breiten Kontrollstreifens an der innerdeutschen Grenze ab Sommer 1960 wurde unterbrochen; die dafür gelagerten "Pioniermaterialien" - vor allem Betonpfosten und Stacheldrahtrollen - wurden heimlich in die Umgebung von Berlin transportiert. Sie waren zusammen mit ursprünglich für den Wohnungsbau bestimmten Hohlblocksteinen als Baumaterial für die Sperranlagen vorgesehen.

Am 25. Juli gab Kennedy Maßnahmen zur Stärkung der amerikanischen Streitmacht auf dem europäischen Schauplatz bekannt und definierte die drei "wesentlichen" Erfordernisse (essentials), auf denen er in Berlin unbedingt bestehen werde: Präsenz, Zugang und Lebensfähigkeit. Das bezog sich nur auf die Westsektoren; von einer Aufrechterhaltung des Status quo in der Stadt als Ganzer war keine Rede.[6] Chruschtschow hatte demnach keinen Widerstand beim Bau von Sperranlagen an der Sektorengrenze zu befürchten. Trotzdem bekundete er gegenüber John McCloy, dem Abrüstungsberater des Präsidenten, am 27. Juli seine heftige Empörung und sprach erneut von einer amerikanischen Kriegserklärung.

Am 1. August erläuterte Chruschtschow Ulbricht im persönlichen Gespräch, wie die Abriegelung durchzuführen sei. Die sowjetischen Truppen würden einen Ring um Berlin legen, während die vorderen Positionen von Polizeikräften der DDR, die hinteren von der Nationalen Volksarmee (NVA) besetzt würden. Die Aktion werde dem Abschluss des Friedensvertrags vorausgehen und ein Druckmittel sein. Man werde der westlichen Seite vor Augen führen, dass man es ernst meine. "(W)enn man uns einen Krieg aufzwingt, wird es Krieg geben." Zudem diene die Maßnahme der Verringerung des Exodus. Der Bericht des sowjetischen Generalstabs mache deutlich, dass die UdSSR alles Notwendige unternehme. Sie grabe Panzer an der Grenze zur Bundesrepublik ein und halte das zum Schein geheim, damit der Westen davon Kenntnis nehme. Er hoffte überdies, die Sperranlagen gegenüber der Öffentlichkeit mit der Erklärung rechtfertigen zu können, dass die Gegenseite mit Krieg drohe. Deswegen wolle man sich vor der Entsendung von Spionen schützen.

Es war vorauszusehen, dass eine solche an den Haaren herbeigezogene Begründung kaum überzeugend wirken würde. Chruschtschow war darum bemüht, so wenig wie möglich als Befürworter der Grenzschließung aufzutreten. Daher ließ er Ulbricht das - von ihm vorher geprüfte - Plädoyer auf der Warschauer-Pakt-Tagung in Moskau vom 3. bis 5. August vortragen und erklärte sich bloß einverstanden. Alle stimmten dem vorbereiteten Beschluss zu, doch nur der polnische Parteichef Wadysaw Gomuka unterstützte ihn ausdrücklich. Chruschtschow nannte Berlin eine "offene Stadt", denn er wollte nach Abschluss des Friedensvertrags, wenn die Massenflucht durch die DDR-Kontrollen an den Zugangswegen gestoppt sein würde, die Sperranlagen an der Sektorengrenze wieder beseitigen. Das wurde klar ausgesprochen in der am 13. August publizierten Erklärung des östlichen Bündnisses: Die Notwendigkeit der Grenzschließung werde entfallen, "sobald die Friedensregelung mit Deutschland verwirklicht ist und auf dieser Grundlage die spruchreifen Probleme gelöst sind".[7]

Trotz inneren Widerwillens stand Chruschtschow zu der Entscheidung. Als Botschafter Kroll ihn am 9. November 1961 aufforderte, die Grenze in Berlin wieder zu öffnen, bekannte er sich unumwunden zu ihrer Schließung. "Ich leugne das nicht. Natürlich hätte die DDR ohne uns die Grenze nicht geschlossen. Wozu sollen wir uns hier hinter dem Rücken von Gen[ossen] Ulbricht verstecken? Der ist doch in diesem Fall gar nicht so breit. Natürlich, wir haben die Grenze geschlossen, das geschah auf unser Betreiben hin. Technisch hat das die DDR durchgeführt, weil das eine deutsche Frage ist." Es entsprach der Logik des Kalten Krieges, dass die sowjetische Führungsmacht - und nicht das auf ihren Schutz angewiesene SED-Regime - den Entschluss gefasst hatte, denn nur sie war in der Lage, für die Konsequenzen einzustehen, die sich aus dem Konflikt mit den Westmächten, namentlich mit den USA, ergaben. Sie wollte daher auch die Kontrolle darüber ausüben, wie weit dieser Konflikt getrieben wurde, dessen Risiko sie zu tragen hatte.

Die Westmächte waren auf die Aktion "Rose" am 13. August 1961 nicht vorbereitet und nahmen die Absperrung der Sektorengrenze widerstandslos hin - aus der Sicht Moskaus und Ost-Berlins ein gewaltiger Erfolg. Kennedy sah freilich keinen Grund zur Sorge; im Gegenteil. Mit dem Stopp der Massenflucht aus der DDR habe die Gegenseite erreicht, was sie wolle. Der Konflikt sei demnach ausgestanden. Erst allmählich stellte sich heraus, dass dies eine Fehleinschätzung war. Der Präsident musste sich zudem von seinen Beratern sagen lassen, dass die Westdeutschen und vor allem die West-Berliner von der Schließung des Tores zu ihren Landsleuten im Osten schwer getroffen waren und sich von den USA allein gelassen fühlten. Durch Bekundungen der Solidarität - wie die Entsendung von Vizepräsident Lyndon B. Johnson und die Ernennung des "Helden der Blockade" von 1948/49, General Lucius D. Clay, zu seinem persönlichen Beauftragten in Berlin - meisterte Kennedy die Vertrauenskrise. Als sich zeigte, dass die UdSSR die Offensive gegen West-Berlin keineswegs beendet hatte, sondern weiter verschärfte, suchte Kennedy der Herausforderung durch geduldiges Verhandeln zu begegnen. Mit der Verstärkung seines Militärs glaubte er genug Festigkeit bewiesen zu haben, um zu einem Kompromiss zu gelangen. Chruschtschow sah darin einen Hinweis auf einen beginnenden Wandel in seinem Sinne. Um diesen sich weiter entwickeln zu lassen, wollte er, wie er gegenüber dem früheren NATO-Generalsekretär Paul-Henri Spaak am 19. September zu erkennen gab, den Termin für den Abschluss des Friedensvertrags eventuell über das Jahresende hinaus verschieben.

Fußnoten

4.
Schelepin an Chruschtschow, 20.7.1961, in: Oerki istorii rossijskoj vnenej razvedki, Bd. 5: 1945-1965, Moskau 2003 (russ.), S. 701-705; Aleksandr Fursenko/Timothy Naftali, Khrushchev's Cold War, New York-London 2006, S. 373.
5.
Interview von Alexander J. Vatlin und Manfred Wilke am 9.9.2010 in Wolgograd mit Generaloberst a.D.A. Mereschko, in: Deutschland Archiv, 44 (2011) 2, online: www.bpb.de/themen/NAWPSE,0,Arbeiten_Sie_
einen_Plan_zur_Grenzordnung_zwischen_
beiden_Teilen_Berlins_aus!.html (3.6.2011).
6.
Vgl. DzD (Anm. 3), IV, 6/2, S. 1348-1356.
7.
Neues Deutschland vom 13.8.1961.

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