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26.7.2011 | Von:
Gerhard Wettig

Chruschtschow, Ulbricht und die Berliner Mauer

Chruschtschows neue Berlin-Politik

Chruschtschow suchte die Westmächte durch die Demonstration militärischer Stärke einzuschüchtern. Anfang Juli hatte er Nuklearwissenschaftler mit dem Bau einer 100-Megatonnen-Superbombe beauftragt, die der Gegenseite einen gehörigen Schrecken einjagen sollte. Diesem Zweck diente auch das Manöver "Burja", mit dem die sowjetische Führung erstmals den Nuklearkrieg in Europa übte. Das Ergebnis aber war ernüchternd: Die großflächige Verstrahlung erlaubte kein schnelles Vordringen bis zum Atlantik; bezüglich Organisation und Koordination gab es große Defizite. Washington beantwortete die Drohgebärden mit Hinweisen auf Resultate der neuen Satellitenaufklärung: Die USA waren der UdSSR in quantitativer wie qualitativer Hinsicht globalstrategisch überlegen. Nicht sie, sondern die Russen hatten einen Nuklearkrieg zu fürchten. Sie hatten mit der Vernichtung ihres Landes zu rechnen, während Nordamerika kaum bedroht war.

Chruschtschow sah ein, dass seine Einschüchterungsversuche gescheitert waren. Am 17. und 27. Oktober 1961 ließ er auf dem XXII. KPdSU-Parteitag das Friedensvertragsultimatum fallen, betonte aber die Entschlossenheit, auf der Erfüllung aller Forderungen zu bestehen, und erklärte, einen langen Aufschub der Regelung werde er nicht zulassen.[8] Als General Clay Ende Oktober am Checkpoint Charlie Panzer auffahren ließ, um, wie es schien, die Sperren an der Sektorengrenze durch Räumgerät zu beseitigen, fürchtete Chruschtschow, die USA wollten im Bewusstsein ihrer Stärke einen militärischen Konflikt anzetteln. Tatsächlich ging es aber nur darum, ein Gegenaufgebot zu provozieren, das zeigte, dass die UdSSR - nicht die DDR - für Ost-Berlin verantwortlich war. Als das gelungen war, ließ sich die Konfrontation zur Erleichterung des Kremlchefs beenden.

Nach dem Abrücken vom Ultimatum stand Chruschtschow vor der Frage, wie er seine Ziele anders erreichen konnte. Aufgrund der Abriegelung West-Berlins schien ihm die Lage nun günstig genug, um vorerst keine Änderung anzustreben. Die UdSSR müsse sich nicht um eine Übereinkunft bemühen, sondern könne die anomale Situation einfach bestehen lassen und damit der Welt vor Augen führen, dass die Stadt nur existieren könne, wenn sie sich vom westlichen Besatzungsregime befreie. Auf der Sitzung des ZK-Präsidiums am 8. Januar 1962 erläuterte er, dass der Knochen im Hals, der vor dem 13. August die eigene Seite geplagt habe, jetzt im Hals der Westmächte stecke. "Sollen sie damit leben. Wir schaffen jetzt Schwierigkeiten für West-Berlin, und sie sagen selbst, dass das zum Absterben führen kann. Und was ist das? Das ist der Knochen. So ist es nicht an uns, diesen Knochen herauszunehmen, um das Leben West-Berlins anzuregen."

Bei anderer Gelegenheit wies er darauf hin, dass auch wichtige Betriebe nun West-Berlin verließen. Die Stadt trockne zunehmend aus und sei zum allmählichen Absterben verurteilt. Zur Bekräftigung wies er auf die Äußerung eines führenden westdeutschen Industriellen hin, nach der West-Berlin höchstens noch zehn Jahre zu halten sei, und erklärte die Absicht, dem Niedergang durch ständigen Druck nachzuhelfen. Da er nun längere Fristen ins Auge fasste, kam eine baldige Öffnung der Grenze in Berlin nicht mehr in Betracht. Die provisorisch errichteten Sperren erhielten Dauer und wurden allmählich zu einer festen Mauer. Den ersten Schritt in dieser Richtung genehmigte Chruschtschow im Gespräch mit Ulbricht am 2. November 1961.

Die UdSSR begann bald mit den vorgesehenen Pressionen. Ihr Vertreter in der Alliierten Flugsicherheitsbehörde erklärte ab Anfang Februar 1962 immer wieder die Luftkorridore der Westmächte wegen militärischer "Übungsflüge" für gesperrt. Als dem Flugverbot, das allen Regelungen widersprach, nicht Folge geleistet wurde, führten sowjetische Jagdflugzeuge mehrfach Beinahe-Zusammenstöße mit westlichen Zivilmaschinen herbei. Deren Flüge wurden trotzdem fortgesetzt. General Clay, Bürgermeister Willy Brandt und die Bonner Botschafter der USA und Großbritanniens benutzten, jeweils nach öffentlicher Ankündigung, demonstrativ bedrohte Flugzeuge. Nach fast zwei Monaten vergeblichen Bemühens wurden die Störungen eingestellt. Auch Chruschtschows Hoffnung auf zunehmende materielle Strangulierung der Stadt erfüllte sich nicht, denn die Bundesrepublik war stark genug, um die Hilfen im notwendigen Umfang zu erhöhen.

Angesichts des scheiternden Bemühens um die Zerstörung der Existenzgrundlagen West-Berlins suchte Chruschtschow eine sich ihm bietende Chance zur Veränderung der sowjetisch-amerikanischen Kräfterelation zu nutzen. Im ausgehenden Frühjahr 1962 wurde mit Kuba die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf der Insel vereinbart. Das würde die UdSSR in die Lage versetzen, diese ihr zahlreich verfügbaren Systeme auf wichtige politische und wirtschaftliche Zentren der USA zu richten. Damit sollte der Führung in Washington klar gemacht werden, dass sie sich kein Kriegsrisiko wegen West-Berlin leisten könne, obwohl die Gegenseite nur geringe interkontinentale Fähigkeiten besaß. Die Niederlage in der Kuba-Krise Ende Oktober 1962 machte dieser Erwartung ein Ende. Der Kreml sah sich fortan zu mehr Vorsicht in Berlin veranlasst.

Die Berliner Mauer ermöglichte es zwar dem SED-Regime, sich innenpolitisch zu behaupten, diskreditierte aber das sozialistische System. Chruschtschow hatte sie darum nie gewollt, und doch war sie das einzige Ergebnis, das er erzielte. Er hatte stets alle Zugeständnisse der Westmächte abgelehnt und erhielt nichts, weil er beharrlich auf der Erfüllung aller Forderungen bestand. Das war für Deutschland ein großes Glück. Hätte Chruschtschow die westlichen Kompromissangebote angenommen, wäre die Verhandlungsmasse nicht mehr vorhanden gewesen, auf der die Bonner Ostverträge und die Regelung des Berlin-Konflikts durch die Vier Mächte 1970 bis 1972 beruhten. Zudem hätte die dann erfolgte Anerkennung der deutschen Zweistaatlichkeit eine wesentliche Voraussetzung für die Vereinigung von 1990 zunichte gemacht.

Der Aufsatz fasst Ergebnisse von Forschungen zusammen, die primär auf sowjetischen Archivalien beruhen; vgl. meine Publikationen: Chruschtschows Berlin-Krise, München 2006; Sowjetische Deutschland- Politik 1953 bis 1958, München 2011; Dokumentation: Chruschtschows Westpolitik, Bd. 3: Höhepunkt der Berlin-Krise, München 2011. Vgl. auch meine Texte in Stefan Karner et al. (Hrsg.), Der Wiener Gipfel 1961, Innsbruck 2011. Der Kürze halber wird hier auf Fußnoten verzichtet, soweit ich mich nicht auf andere Publikationen beziehe. Wenn Tagesdaten ohne Fußnoten genannt werden, beruhen die Angaben auf einem Dokument der Dokumentation.

Fußnoten

8.
Vgl. DzD (Anm. 1), IV, 7/1, Frankfurt/M. 1976, S. 725f, S. 902.

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