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26.7.2011 | Von:
Andreas Kötzing

Ein Hauch von Frühling

Künstlerische Aufbruchstimmung

So entstanden bei der DEFA vermehrt Spielfilme, die sich mit dem individuellen Leben der Menschen in der DDR beschäftigten, darunter "Beschreibung eines Sommers" von Ralf Kirsten.[2] Mit "Ole Bienkopp" von Erwin Strittmatter und "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf konnten 1963 zwei gesellschaftskritische Romane erscheinen, die in der Öffentlichkeit zum Teil kontrovers diskutiert wurden und große Resonanz fanden. Zu einem kulturellen Großereignis geriet im Mai 1964 das Deutschlandtreffen der Freien Deutschen Jugend (FDJ), an dem über 500000 Jugendliche teilnahmen, darunter auch mehrere Tausend aus der Bundesrepublik und West-Berlin. Im Dezember desselben Jahres fand in Ost-Berlin ein internationales Schriftstellerkolloquium statt, auf dem Stefan Heym die in der DDR praktizierte Zensur kritisierte. Derartige "Freiheiten" waren allerdings weniger das Ergebnis einer tatsächlichen Liberalisierung innerhalb der DDR. Sie waren vielmehr taktisch motiviert, hoffte die SED doch, durch die Lockerung ihrer kulturpolitischen Vorgaben die grundsätzliche Akzeptanz ihrer Herrschaft in der Bevölkerung steigern zu können.[3]

Doch unabhängig vom machtpolitischen Kalkül der SED entwickelte sich in der ersten Hälfte der 1960er Jahre bei vielen Intellektuellen und Künstlern in der DDR eine Aufbruchstimmung: Getragen von der Aussicht, aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirken zu können, thematisierten sie in Büchern, Filmen und anderen Kunstwerken auch die unübersehbaren Probleme innerhalb der DDR.[4] Dahinter verbarg sich - ähnlich wie bei vielen anderen Künstlern in den Staaten des Ostblocks - die Hoffnung, das sozialistische Gesellschaftsmodell reformieren zu können. Allerdings waren die Spielräume begrenzt. Nach wie vor gab es rigide Eingriffe in die Arbeit der Künstler: Grundsätzlich duldete die SED keine Kritik, die die bestehenden Machtverhältnisse in Frage stellte.

Die Grenzen, innerhalb derer sich die Künstler bewegen konnten, blieben auch nach dem Mauerbau vergleichsweise eng. Stefan Heym konnte seine kritische Kolloquiums-Rede beispielsweise nicht in der DDR veröffentlichen - er publizierte sie stattdessen in der Bundesrepublik. Charakteristisch für die kulturpolitische Phase nach dem Mauerbau ist nicht zuletzt, dass gesellschaftskritischere Kunstwerke zwar entstehen konnten, ihre Veröffentlichung jedoch erheblich eingeschränkt oder gar verhindert wurde. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist der außergewöhnliche Dokumentarfilm "Deutschland - Endstation Ost", den der Belgier Frans Buyens für die DEFA drehte.

Fußnoten

2.
Vgl. Erika Richter, Zwischen Mauerbau und Kahlschlag, in: Ralf Schenk (Red.), Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992, Berlin 1994, S. 171ff.
3.
Ähnlich war die Situation auch in anderen Bereichen, u.a. in der Jugendpolitik. Vgl. Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962-1972, Berlin 1997, S. 133-231.
4.
Vgl. hierzu die umfassende Studie von Henning Wrage, Die Zeit der Kunst. Literatur, Film und Fernsehen in der DDR der 1960er Jahre. Eine Kulturgeschichte in Beispielen, Heidelberg 2008.

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