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26.7.2011 | Von:
Andreas Kötzing

Ein Hauch von Frühling

"Deutschland: Endstation Ost"

Frans Buyens wurde im Herbst 1963 das Projekt angetragen, einen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in der DDR zu drehen.[5] Er war zwei Jahre zuvor in die DDR gekommen und hatte in Ost-Berlin den Bau der Mauer miterlebt. Die Initiative zum Film ging vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten aus. Neben der Verbreitung in der DDR sollte der fertige Film auch für Imagekampagnen im Ausland eingesetzt werden. Insgesamt wurde das Projekt von politischer Seite nachdrücklich gefördert: Zu den Unterstützern zählten Werner Lamberz, langjähriger FDJ-Funktionär und innerhalb des ZK der SED verantwortlich für den Bereich "Auslandsinformation", und Günter Witt, Leiter der Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur. Buyens willigte ein, allerdings unter der Voraussetzung, den Film ohne politische Einflussnahme realisieren zu können. Die Dreharbeiten begannen im Frühjahr 1964. Buyens reiste mehrfach durch die DDR, interviewte mit seinem Team Passanten in Ost-Berlin, sprach mit Grenzsoldaten an der Mauer, mit LPG-Bauern, mit Arbeitern, mit halbstaatlichen Unternehmern und mit Studenten. Dabei entstanden Interviews mit einer Gesamtlänge von etwa 25 Stunden, wobei einige Gespräche nur auf Ton und nicht im Bild festgehalten wurden. Der fertige Film mit dem Titel "Deutschland - Endstation Ost" hatte am Ende eine Länge von 82 Minuten - das restliche Filmmaterial gilt heute als verschollen.[6]

Buyens' Film ist aus heutiger Perspektive bemerkenswert, weil er sich deutlich von anderen zur gleichen Zeit in der DDR entstandenen Dokumentarfilmen unterscheidet. Die wenigen Dokumentationen und Wochenschauen der DEFA, die sich mit dem Mauerbau und seinen Auswirkungen beschäftigen, sind zumeist von ihrer ideologischen Propagandafunktion geprägt. Filme wie "Das Ganze halt!" von Dieter Mendelsohn (1961), "Schaut auf diese Stadt" von Karl Gass (1962) oder "Brüder und Schwestern" von Walter Heynowski (1963) verklären die Mauer zum "antifaschistischen Schutzwall" und machen allein die "revanchistischen Militaristen aus Bonn" für die Spaltung Deutschlands verantwortlich.[7] Buyens zeichnet in seinem Film hingegen ein widersprüchlicheres Bild.

Grundsätzlich ist "Deutschland - Endstation Ost" ein wohlwollendes Plädoyer für die DDR: Die Politik der SED wird nicht in Frage gestellt; positive und negative Meinungsäußerungen sind stets so gewichtet, dass die Zustimmung überwiegt. Bisweilen äußern sich Buyens' Gesprächspartner sogar derart konformistisch und ideologisch korrekt, dass ihre Antworten wie aufgesetzt und auswendig gelernt wirken. Buyens war ein überzeugter flämischer Sozialist und solidarisierte sich mit der politischen Entwicklung der DDR.[8] Deutlich wurde dies nicht zuletzt im Off-Kommentar des Films, den Buyens geschrieben und selbst gesprochen hat. In seinem Schlusswort heißt es: "Welcher Mensch könnte unberührt bleiben bei der Feststellung, dass sich hier in diesem Land ein Wunder der modernen Zeit vollzieht, das wichtigste vielleicht für die Zukunft Europas: Die Veränderung der deutschen Denkart, die Verwandlung des Ungeistes in Geist."[9] Neben solchen Äußerungen, die keinen ernsthaften Zweifel am erfolgreichen "Aufbau des Sozialismus" aufkommen ließen, finden sich in "Deutschland - Endstation Ost" jedoch bemerkenswert viele kritische Äußerungen von DDR-Bürgern, die von Skepsis, Unzufriedenheit und Ablehnung geprägt sind.

Charakteristisch für den Grundtenor des Films sind beispielsweise die Gespräche mit Ost-Berliner Passanten, die Buyens nach ihrer Meinung zum Bau der Mauer befragte. Insgesamt kommen in dieser Sequenz 13 Menschen zu Wort: Neun befürworten die Schließung der Grenze oder äußern sich zumindest eher wohlwollend über die Mauer, die letztlich doch der Sicherung des Friedens diene. Mehrfach nennen die Befragten die Abwerbung von Arbeitskräften durch die Bundesrepublik als Argument für die Schließung der Grenze. Aber auch die Gefahr, die DDR könne von westlichen Agenten unterwandert werden, kommt zur Sprache. Diese Argumentation entsprach weitestgehend der SED-Propaganda und der öffentlichen Berichterstattung über die Mauer in der DDR. Vier Passanten drücken hingegen ihre eindeutig ablehnende Haltung aus. Ein junger Mann antwortet auf die Frage, was er über die Mauer denkt: "Nüscht Jutes!" Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: "Die Mauer, die hätte hier gar nicht hinkommen sollen." Als Buyens ihn nach den Gründen fragt, zögert der Mann, schüttelt mehrfach den Kopf und schweigt mehrere Sekunden. Schließlich ergänzt er etwas resignierend: "Ach, wissen Sie, das ist so eine Sache mit der Mauer. Die hätte von Vornherein gar nicht gemacht werden dürfen." Ein anderer Mann bleibt anfangs zurückhaltend, ganz offensichtlich aus Angst vor möglichen Konsequenzen. "Man weiß ja gar nicht, mit wem man hier noch sprechen kann", entgegnet er Buyens auf dessen Frage, was er von der Mauer hält. Auf eine Nachfrage hin äußert er sich dann doch: "Die Mauer passt hier überhaupt nicht her. Wir sind ja hier eingesperrt, sozusagen!"

Noch deutlicher wird eine Frau, die gerade an einem Gemüsestand einkauft. Sie bemerkt die Dreharbeiten und mischt sich ein: "Nein, die Mauer muss weg! Man kann ja nicht zu seinen Verwandten! Also, ich bin im staatlichen Handel, aber ich würde jedes Wochenende zurückkommen, denn man hatte ja vorher die Gelegenheit zu gehen. Und dann habe ich eine Mutter von 78 Jahren, die würde auch wieder zu ihrer Tochter gehen. Aber mal, so wenigstens alle vier Wochen, müssten wir schon rüber können, ohne Kommentar, denn wir tun ja hier unsere Pflicht, also es müsste sein. Die Mauer muss weg, unbedingt!" Auf Nachfrage von Buyens, wer schuld an der Mauer sei, entgegnet die Frau: "Na, wissen Sie, einer allein ist nie schuld. Ich sage, wie es ist. Aber was soll ich noch mehr sagen? Kommentar überflüssig! Hoffentlich beschneiden sie das nicht, was ich hier gesagt habe." Szenen wie diese wirken authentisch, weil sie offensichtlich spontan und ohne Vorbereitung gedreht wurden. Es entsteht der Eindruck, dass die Menschen ihre kritische Meinung sprichwörtlich "aus dem Bauch" heraus wiedergeben.

Derartige Ansichten zum Mauerbau sind einzigartig für einen ostdeutschen Dokumentarfilm. Eine vergleichbare Offenheit findet sich zumindest in keiner anderen bekannten Produktion des DEFA-Dokumentarfilmstudios. Buyens' Film ist darüber hinaus auch in ästhetischer Hinsicht ein Unikat: Während in den Produktionen der DEFA und des DDR-Fernsehens kaum Detailaufnahmen von der Grenze zu sehen sind, werden in "Deutschland - Endstation Ost" gleich mehrfach lange Einstellungen von der Mauer gezeigt. Die (nach innen gerichteten) Sperranlagen und Stacheldrähte sind dabei ebenso im Bild wie die bewaffneten DDR-Grenzsoldaten. Buyens griff die Situation an der Mauer unmittelbar auf, indem er Soldaten zu ihrer Arbeit befragte. Die Interviews, die unweit des Checkpoint Charlie stattfanden, konnten zwar nur nach zähen Verhandlungen mit dem ZK der SED, dem Ministerium für Nationale Verteidigung und der Nationalen Volksarmee (NVA) geführt werden. Aber trotz der eingeschränkten Drehmöglichkeiten sind die Äußerungen, die für den Film verwendet wurden, sehr aufschlussreich. Die Interviewauszüge berühren sensible Themenfelder, wie zum Beispiel die moralische Verantwortung der Wachposten. Die politische Indoktrination der Soldaten wird ebenso spürbar wie ihre allgemeine Verunsicherung im Umgang mit Flüchtlingen. Bemerkenswert ist, dass die Soldaten bestätigen, notfalls auf DDR-Bürger schießen zu müssen, um sie an einer Flucht zu hindern - auch dies ein Tabu in der DDR-Berichterstattung über die Mauer.

Aus vielen anderen Teilen des Films ließen sich weitere Beispiele anfügen, die den besonderen Charakter von "Deutschland - Endstation Ost" belegen. Hier soll noch eine Szene detailliert erwähnt werden, die im Hinblick auf den Mauerbau von besonderer Bedeutung ist, weil sie sich auf die eingeschränkten Reisemöglichkeiten der DDR-Bürger bezieht. In einer Gesprächsrunde mit Arbeitern wirft Buyens die Frage auf, ob sie sich in der DDR frei fühlen würden. Wiederum sind die Antworten im Film so montiert, dass die wohlwollenden Stimmen überwiegen und das Leben in der DDR insgesamt in einem positiven Licht erscheint. Ein Arbeiter, der im bisherigen Gesprächsverlauf stumm im Hintergrund gesessen hat, durchbricht jedoch das harmonische Bild. "Die Freiheit ist für mich ein Problem", merkt er mit ruhiger Stimme an. "Ich möchte gerne reisen, mal was von der Welt sehen. Und das kann ich hier nicht. Ich bin zwar im letzten Jahr eine ganze Zeit in Ungarn gewesen, und es hat mir auch sehr gut gefallen, aber ehrlich gesagt, ich möchte zum Beispiel auch mal Belgien kennen lernen oder England. Und die Möglichkeit hab ich hier nicht. Ich möchte mal nach Schweden. Ich würde alles dafür hingeben, was ich habe, aber es geht nicht, ist nicht drin. Darin fühle ich mich in meiner Freiheit beschnitten, ganz schön sogar." Wenngleich dieses Statement im Film als Einzelmeinung stehen bleibt, ist seine Aussagekraft doch ungemein groß, da ähnliche Stimmen in anderen Dokumentarfilmen der DEFA oder des DDR-Fernsehens grundsätzlich ausgespart blieben.

Fußnoten

5.
Vgl. hierzu und im Folgenden Thomas Heimann, Wie ein Ausländer die DDR mit eigenen Augen sehen wollte. Frans Buyens bei der DEFA, in: apropos: Film 2001. Jahrbuch der DEFA-Stiftung, Berlin 2001, S. 105-132.
6.
Der Film trug zunächst den Arbeitstitel "Die DDR mit den Augen eines Ausländers gesehen". 2008 veröffentliche die DEFA-Stiftung in Zusammenarbeit mit "Neues Deutschland" eine DVD-Edition, die über den Verleih "defa spektrum" bezogen werden kann. Vgl. zu den unterschiedlichen Fassungen des Films Jeanpaul Goergen, Endstation Filmarchiv. Was die überlieferten Kopien zu Deutschland - Endstation Ost (DDR 1964) aussagen, in: Filmblatt, Nr. 35 (Herbst 2007), S. 77-82.
7.
Vgl. Matthias Steinle, Vom Feindbild zum Fremdbild. Die gegenseitige Darstellung von BRD und DDR im Dokumentarfilm, Konstanz 2003, S. 193-202 und S. 226-234.
8.
Vgl. "Ich glaube nicht an objektive Wahrheit." Ein Gespräch mit dem Regisseur Frans Buyens, in: film (velber), (1965) 11, S. 20f.
9.
Diese und alle folgenden Zitate aus dem Film basieren auf der erwähnten DVD-Fassung (Anm. 6).

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