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26.7.2011 | Von:
Andreas Kötzing

Ein Hauch von Frühling

Vorweggenommener "Kahlschlag"

Nach der Fertigstellung des Rohschnitts fand im September 1964 die erste Abnahme von "Deutschland - Endstation Ost" statt. Dabei handelte es sich um einen offiziellen Begutachtungsprozess, den jeder Film durchlaufen musste, ehe er für eine öffentliche Vorführung in der DDR freigegeben wurde. Neben Buyens nahmen Vertreter aus dem DEFA-Dokumentarfilmstudio daran teil, darunter Inge Kleinert, die Direktorin des Studios. Außerdem waren einzelne Funktionäre aus dem ZK der SED und der Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur zugegen. Trotz vereinzelter Kritik verlief die Abnahme insgesamt positiv: Buyens erhielt den Auftrag, den Film rechtzeitig zur VII. Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche im November 1964 fertigzustellen. Kleinert schlug sogar vor, den Film am Eröffnungsabend des Festivals vorzuführen.[10] Dies war eine besondere Würdigung, da die Leipziger Filmwoche nicht nur das größte Filmfestival der DDR war, sondern auch international zu den wichtigsten Dokumentarfilmfestivals zählte und zahlreiche ausländische Gäste anzog.

Zu der feierlichen Premiere am Eröffnungsabend kam es jedoch nicht. Im unmittelbaren Vorfeld war innerhalb des ZK der SED eine kontroverse Debatte über "Deutschland - Endstation Ost" entbrannt, bei der sich eine Mehrheit gegen eine Aufführung des Films aussprach. Daraufhin wurde er kurzfristig aus dem Programm gestrichen. Er sollte nach Möglichkeit gar nicht oder allenfalls im Rahmenprogramm des Festivals gezeigt werden. Die genauen Umstände, die zu dieser Entscheidung führten, lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Die Informationen basieren weitestgehend auf den Erinnerungen von Buyens selbst.[11] Belegbar ist, dass einzelne Vertreter des ZK der SED harsche Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung des Films übten und sich Werner Lamberz, der sich nach wie vor für den Film aussprach, mit seiner Meinung nicht durchsetzen konnte.[12] Bei der Auseinandersetzung um "Deutschland - Endstation Ost" machten anscheinend auch DEFA-Regisseure ihren politischen Einfluss geltend, vor allem Annelie und Andrew Thorndike, die grundsätzlich auf eine stärkere ideologische Ausrichtung des Leipziger Festivals drängten.

Buyens erfuhr erst nach Beginn des Festivals von der Absetzung seines Films. Trotz einer Erkrankung reiste er daraufhin persönlich nach Leipzig und drohte damit, die Auseinandersetzung öffentlich zu machen. Daraufhin wurde am vorletzten Tag des Festivals doch noch eine Vorführung organisiert. Der Film erntete großen Applaus und wurde überwiegend wohlwollend aufgenommen. Buyens erinnerte sich später, dass Inge Kleinert ihn in der Nacht nach der Aufführung telefonisch über die jüngsten Entwicklungen aus dem ZK der SED informiert habe. Demnach habe sich Walter Ulbricht den Film inzwischen persönlich angesehen. Er sei begeistert gewesen und habe vorgeschlagen, den Film überall in der DDR zu zeigen. Ob Ulbricht sich jedoch tatsächlich für den Film ausgesprochen hat, ist fraglich. Zumindest blieb die Stimmung auf dem Leipziger Festival gespalten: Die für den kommenden Vormittag anberaumte Pressekonferenz zu "Deutschland - Endstation Ost" wurde noch in derselben Nacht wieder abgesagt.[13]

Trotz des Konfliktes in Leipzig arbeitete Buyens zunächst weiter in der DDR. Im Frühjahr 1965 entwickelte er mehrere neue Projekte für die DEFA. Sogar die Einrichtung einer eigenständigen Arbeitsgruppe unter seiner Leitung war im Gespräch. Doch im Verlauf des Jahres 1965 verschärfte sich die kulturpolitische Situation in der DDR, so dass die Handlungsspielräume für kritische Stimmen immer enger wurden. Innerhalb der SED setzten sich die dogmatischen Funktionäre durch, die Reformansätze ablehnten und sich gegen die "liberalistischen" Tendenzen in der Kultur- und Jugendpolitik stellten, allen voran Erich Honecker und Kurt Hager. Zuvor war es in der Sowjetunion nach dem Machtantritt von Leonid Breschnew bereits zu einer Kehrtwende in der Kulturpolitik gekommen - diese Entwicklung verlieh der Gruppe um Honecker und Hager zusätzlichen Auftrieb.[14]

Im Dezember 1965 markierte schließlich das 11. Plenum des ZK der SED das Ende aller freiheitlichen Entwicklungen in der DDR-Kultur. Auf dem Plenum, das aufgrund seiner rigiden Eingriffe auch als "Kahlschlag-Plenum" bezeichnet wird,[15] wurde eine allgegenwärtige Bedrohung durch den Westen beschworen. Insbesondere der kulturelle Einfluss der Bundesrepublik und anderer kapitalistischer Staaten sei verantwortlich für vermeintlich "dekadente" Erscheinungen in der DDR-Kultur. Die Kritik zielte gegen Intellektuelle und Literaten, namentlich vor allem Wolf Biermann, Stefan Heym und Robert Havemann; in erster Linie wurden jedoch zahlreiche Filmemacher öffentlich angegriffen und für ihre nicht linientreuen Filme gerügt. Insgesamt wurden zwölf Spielfilme nach dem Plenum verboten oder während der Produktion gestoppt. Der kulturelle "Kahlschlag" hatte gravierende Folgen für das Filmwesen der DDR, von denen sich die DEFA nie mehr vollständig erholte.[16]

Die Auseinandersetzung um "Deutschland - Endstation Ost" veranschaulicht, dass sich die kulturpolitische Situation in der DDR bereits im Vorfeld des 11. Plenums deutlich verschlechtert hatte. Im Frühjahr 1965 kamen alle Ambitionen zum Erliegen, Buyens' Film doch noch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der ursprünglich vorgesehene Start in den DDR-Kinos kam nicht zu Stande. Abgesehen von einigen Berichten im Anschluss an die Vorführung im Rahmen des Leipziger Festivals[17] gab es keine Rezensionen oder Artikel über den Film. In der Fachzeitschrift "film-wissenschaftliche Mitteilungen" erschien im Frühjahr 1965 zwar noch ein ausführliches Interview mit Buyens, in dem er über die Arbeit an seinem Film und seine persönlichen Motive berichtete - die Ausgabe der Zeitschrift wurde jedoch nach dem 11. Plenum aus dem Verkehr gezogen.[18] Auch einstige Befürworter des Projektes wie Werner Lamberz oder Inge Kleinert unternahmen anscheinend keine Versuche mehr, sich weiter für den Film einzusetzen. Abgesehen von einigen Vorführungen in geschlossenen Veranstaltungen war "Deutschland - Endstation Ost" in der DDR nicht mehr zu sehen.

Fußnoten

10.
Vgl. Vorschlag für das Eröffnungsprogramm der VII. Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche Leipzig 1964: "Die DDR mit den Augen eines Ausländers gesehen." Anlage zum Schreiben von Inge Kleinert an Günter Witt, Berlin, 20.10.1964. BArch Berlin, DR 1/4272.
11.
Vgl. ausführlich T. Heimann (Anm. 5), S. 122ff. Heimann hatte 1999 und 2000 die Möglichkeit zu zwei Zeitzeugeninterviews mit Buyens; Frans Buyens starb im Mai 2004.
12.
Vgl. Heinz Kimmel, Information über den Stand der Vorbereitung der VII. Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche vom 14.-21.11.1964. BArch Berlin, SAPMO, DY 30/IV A 2/9.02/74.
13.
Vgl. T. Heimann (Anm. 5), S. 122ff.
14.
Vgl. M. Kaiser (Anm. 3), S. 167ff.
15.
Vgl. ausführlich Günter Agde (Hrsg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, Berlin 2000.
16.
Vgl. Dagmar Schittly, Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen, Berlin 2002, S. 127-163.
17.
Vgl. Klaus Lippert, Zwischen Capitol und Börse. Zum Abschluss der VII. Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche, in: Filmspiegel, (1964) 25, S. 2.
18.
Vgl. Heinz Baumert/Brigitta Hansen, Die DDR, mit den Augen eines Ausländers gesehen. Gespräch mit Frans Buyens, in: film-wissenschaftliche Mitteilungen, (1965) 2, S. 515-526.

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