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26.7.2011 | Von:
Sybille Frank

Der Mauer um die Wette gedenken

Checkpoint Charlie als typische Heritage-Stätte

Bereits im 18. Jahrhundert war in Plymouth die Stelle, an der 1620 die erste Pilgerin ihren Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, mit einer Gravur versehen worden (siehe die Abbildung 1 der PDF-Version). Der so markierte Plymouth Rock wurde 1920 mit einem kunstvoll gestalteten Portikus überbaut, der den Fels weithin sichtbar machen sollte. Um auch die Lebenswelt der Pilgerinnen und Pilger anschaulich werden zu lassen, wurde in den 1940er Jahren ganz in der Nähe die Plimoth Plantation eröffnet. Sie bestand aus einem Museum, das Fundstücke der Ausgrabungsstätte des alten Pilgerdorfs präsentierte, und Plimoth Village, einer Rekonstruktion des Dorfes, das mit epochengerecht kostümierten Schauspielerinnen und Schauspielern belebt war. Diese sollten den Besucherinnen und Besuchern vergangene Lebensweisen in Form kleiner Szenen näher bringen und zur Interaktion mit der Stätte auffordern. Die amerikanische Anthropologin Barbara Kirshenblatt-Gimblett hat den Mehrwert einer solchen Verknüpfung von topographisch genau markierten historischen Schauplätzen und künstlerischen Symbolen ("exhibition as knowledge") mit museal präsentierten Originalen und räumlichen Rekonstruktionen ("exhibition as museum display") sowie der Aufführung von Kultur als Heritage ("exhibition as performance"[4] ) wie folgt erklärt: "The 'actual' must be exhibited alongside the 'virtual' in a show of truth."[5]

Die hier vorgestellte Kombination ähnelt der am Checkpoint Charlie aufzufindenden auf frappierende Weise. Wie am Plymouth Rock findet sich am Checkpoint Charlie mit einer im Auftrag des Berliner Senats 1997 im Asphalt verlegten Doppelpflastersteinreihe eine topographisch genaue Markierung des ehemaligen Mauerverlaufs, also des "Themas", das für die internationale Bekanntheit des Ortes sorgte (siehe die Abbildung 2 der PDF-Version).

Eine im Jahr darauf eingeweihte Leuchtkasteninstallation mit den Porträts eines amerikanischen und eines sowjetischen Soldaten zeugt, wie der Portikus in Plymouth, vom Wunsch des Senats, die Mauermarkierung auf Höhe des früheren Grenzübergangs mit einem weithin erkennbaren zeitgenössischen Symbol anzureichern. Das bereits erwähnte Museum Haus am Checkpoint Charlie stiftete dem ehemaligen Kontrollpunkt im Jahr 2000 eine Rekonstruktion der 1990 demontierten Kontrollbaracke. Zusammen mit einer Kopie des mittlerweile im Museum ausgestellten berühmten Schildes "You are leaving the American Sector" dient sie, wie in Plymouth das rekonstruierte Plimoth Village, dazu, den früheren Grenzübergang auch räumlich erneut erlebbar zu machen (siehe die Abbildungen 3 und 4 der PDF-Version).

Seit 2004 finden sich am früheren Checkpoint Charlie zudem täglich als Grenzsoldaten kostümierte Schauspielstudierende ein, die vor der Kontrollbarackenkopie posieren und sich gegen Bezahlung mit Touristinnen und Touristen fotografieren lassen, Original-Grenzstempel in Pässe drücken oder auch "Bananenkontrollen" in Kofferräumen durchführen. Diese Aktion lässt sich als Versuch interpretieren, den bisher durch rekonstruierte Artefakte gekennzeichneten ehemaligen Grenzübergang anhand kleinerer Szenen und Interaktionen um die Erfahrung der sozialen Dimension der Berliner Teilungsgeschichte zu bereichern.

Die Initiativen des Senats ("exhibition as knowledge"), des Museum Haus am Checkpoint Charlie ("exhibition as museum display") und der Schauspielstudierenden ("exhibition as performance"[6] ) lassen sich also als Angebote verstehen, deren Zusammenspiel Heritage-Stätten weltweit charakterisiert.

Fußnoten

4.
Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Destination Culture. Tourism, Museums, and Heritage, Berkeley-Los Angeles-London 1998, S. 149.
5.
Ebd., S. 195.
6.
Ebd.

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